Interview

Wie Algorithmen Quereinsteiger finden

03.03.2021
Von 
Hans Königes ist Ressortleiter Jobs & Karriere und damit zuständig für alle Themen rund um Arbeitsmarkt, Jobs, Berufe, Gehälter, Personalmanagement, Recruiting sowie Social Media im Berufsleben.
Moderne Recruiting Tools können Arbeitgebern dabei helfen, die richtigen Kandidaten zu finden - mit KI-Unterstützung auch solche, die eigentlich nicht ins Muster passen.
Künstliche Intelligenz kann Arbeitgebern das Recruiting-Leben deutlich erleichtern - und auch Quereinsteiger auftun, die ansonsten durch das Raster gefallen wären.
Künstliche Intelligenz kann Arbeitgebern das Recruiting-Leben deutlich erleichtern - und auch Quereinsteiger auftun, die ansonsten durch das Raster gefallen wären.
Foto: Dilok Klaisataporn - shutterstock.com

Ein neues Recruiting-Tool - flynne genannt - ermöglicht Arbeitgebern eine schnellere und genauere Analyse der Kandidaten und berücksichtigt auch solche, die allein aufgrund des Lebenslaufs zunächst nicht ins Jobraster passen. Gründer Morten Babakhani erläutert im CW-Gespräch sein Modell.

Wie ist Ihre Idee entstanden?

Babakhani: In einigen Branchen wie dem IT-Bereich und im Ingenieurwesen haben Unternehmen große Schwierigkeiten, ihre offenen Stellen zu besetzen, sprich, es herrscht nach wie vor ein Fachkräftemangel. Der Grundgedanke ist nun, dass Arbeitgeber auch Bewerber berücksichtigen sollten, die nicht nur aufgrund ihres Lebenslaufes, sondern aufgrund ihrer Kompetenzen und Potenziale für einen bestimmten Beruf passen, die aber durch das klassische Bewerbungsverfahren kaum Chancen haben, berücksichtigt zu werden. Also haben wir ein interdisziplinäres Team aus Psychologen, Softwareentwicklern, Data-Scientists, Recruitern und Marketingexperten zusammengestellt und eine technologische Lösung entwickelt, die es aus unserer Sicht bisher so auf dem Markt noch nicht gibt.

Worin unterscheidet sich nun Ihre Lösung von anderen digitalen Recruiting-Tools?

Babakhani: Mit flynne haben wir ein vollautomatisiertes webbasiertes Recruiting-Tool mit integriertem Talentmatching entwickelt. Wir sprechen aktive und passive Kandidaten an. Denn wir wollen auch die erreichen, die nicht unbedingt auf Jobsuche sind, und zwar dort, wo sie sich alltäglich mit ihrem Smartphone oder Laptop aufhalten. Sie werden eingeladen, sich mit uns auf eine kurze digitale und unverbindliche Kompetenzreise (Competence Journey) zu begeben. Dabei können die Teilnehmer anhand von Fragen und Aufgaben ihr eigenes Potenzial testen. Wichtig ist zu erwähnen, dass wir keine soziodemografischen Daten erheben, um potenzielle Kandidaten nicht zu diskriminieren. Der gesamte Prozess bleibt für den Kandidaten bis zum endgültigen Kennenlernen anonym.

Und wie funktioniert es?

Babakhani: Die wichtigen Eigenschaften der Top-Performer eines Unternehmens werden in einem Jobprofil hinterlegt und die hierbei erhobenen Daten dazu verwendet, um benutzerdefinierte Algorithmen zu erstellen. Flynne wertet auf statistischen Korrelationen basierend aus, inwieweit der Kandidat zu dem gesuchten Profi passt, und stellt den suchenden Unternehmen in Echtzeit einen passenden Kandidaten-Pool bereit. Darunter befinden sich sicherlich auch Quereinsteiger, die über gängige Recruiting-Methoden niemals zu den Unternehmen gefunden hätten.

Morten Babakhani: „Wir wollen auch die erreichen, die nicht unbedingt auf Jobsuche sind, und zwar dort, wo sie sich alltäglich mit ihrem Smartphone oder Laptop aufhalten.“
Morten Babakhani: „Wir wollen auch die erreichen, die nicht unbedingt auf Jobsuche sind, und zwar dort, wo sie sich alltäglich mit ihrem Smartphone oder Laptop aufhalten.“
Foto: brandmonks

Der persönliche Eindruck zählt

Was passiert nach der Bereitstellung der Kandidaten?

Babakhani: Die Recruiter haben die Möglichkeit, sich weiter über flynne mit den Kandidaten auszutauschen und die Bewerbung zu steuern. Zudem können Arbeitgeber über eine API-Schnittstelle die Daten in ihre Bewerbermanagementsoftware übertragen. Oder das Unternehmen vereinbart direkt ein Telefon- oder persönliches Interview zum Kennenlernen. Bei aller Automatisierung sollten sich Personaler am Ende immer einen eigenen Eindruck von den Bewerbern machen. Sie lernen Talente kennen, die sie allein aufgrund ihres Lebenslaufs wahrscheinlich nicht berücksichtigt hätten.

Wie sehen die ersten Ergebnisse aus?

Babakhani: Mit flynne erreichen wir eine Conversion-Rate von bis zu 45 Prozent, das heißt, nahezu jede zweite Person, die diese Kompetenzreise beginnt, steht am Ende des Prozesses für ein Vorstellungsgespräch tatsächlich zur Verfügung. Fakt ist: Active Sourcing oder Headhunting würden länger dauern und wären auch deutlich kostenintensiver. Beispielsweise würde das Auswerten von 1000 Profilen, die Ansprache geeigneter Kandidaten und das Arrangieren eines ersten Kennenlerngespräches fast ein halbes Jahr dauern. Mit flynne sparen Arbeitgeber bis zu 85 Prozent Zeit und bis zu 80 Prozent Kosten im Recruiting-Prozess. Zudem sind die Suche und Bereitstellung der Kandidatenauswertung absolut Diversity-gerecht und sorgen dafür, dass diese nicht aufgrund ihrer persönlichen Merkmale durch das Raster fallen.

Zur Person: Morten Babakhani

Morten Babakhani gründete 2012 die Management-Beratung Brandmonks, die sich auf die Themen digitales Recruiting, Change- und People-Management spezialisiert hat. Im vorigen Jahr haben die Mainzer Berater ihr Tool flynne auf den Markt gebracht, das nicht nur die Lebensläufe der Kandidaten analysiert, sondern auch ihre Kompetenzen und Potenziale unter die Lupe nimmt und mit dem vom Arbeitgeber gesuchten Jobprofil abgleicht.