Digital Workplace

Taugt das Smartphone als Desktop-Ersatz?

Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
Anwendern stehen heute unterschiedlichste Rechnertypen für ihren Arbeitsplatz zur Verfügung– stationär wie mobil. Auch das Smartphone kann als Desktop-Ersatz dienen. Nutzer sollten allerdings Möglichkeiten und Limitierungen genau prüfen, bevor sie sich für diese Alternative entscheiden.
Auch technisch dürfte der Digital Workplace viele neue Möglichkeiten bieten.
Auch technisch dürfte der Digital Workplace viele neue Möglichkeiten bieten.
Foto: sdecoret - shutterstock.com

Unsere Arbeitswelt verändert sich. Sie wird digitaler, die Aufgaben vielfältiger und facettenreicher; die Ansprüche an flexible Arbeitsweisen der Mitarbeiter wachsen. Das spiegelt sich nicht nur in der Kultur der Unternehmen und im Mindset aller Beteiligten wider. Auch die Hardware des Digital Workplace sieht ganz anders aus als auf dem klassischen Büroarbeitsplatz vor zehn oder zwanzig Jahren.

Ging es damals hauptsächlich um die Frage, wer die größere Festplatte oder den stärkeren Prozessor hat, beziehungsweise wann welcher Kollege vom IT-Support wieder einen neuen PC unter den Schreibtisch gestellt bekommt, drehen sich die Diskussionen heute weniger um die technischen Specs als vielmehr um das Handling und die Usability der unterschiedlichen Geräte. Dabei haben die Anwender die Qual der Wahl: PC, Notebook, Ultramobile, 2-in-1, Convertible, Detachable, Tablet - und vielleicht reicht sogar nur das Smartphone?

Der PC - eine aussterbende Spezies?

Eines ist jedenfalls klar: Der herkömmliche stationäre PC findet sich in immer weniger Büros. Der Trend geht zu mobilen Arbeitsplätzen. Lediglich für spezielle Kreativ-Anforderungen rund um Bild- oder Videobearbeitung, die viel Rechenpower beziehungsweise Speicherressourcen erfordern, empfiehlt sich ein leistungsstarker PC, inklusive entsprechend üppig dimensionierter Display-Ausstattung. Allerdings bauen Hersteller wie HP und Dell auch ihr Workstation-Angebot stetig aus. Hier finden Anwender leistungsstarke Systeme mit Xeon-Prozessoren von Intel, 32 GB RAM und etlichen Terabyte an Festspeicher - das Leistungsargument, das in der Vergangenheit noch für den Desktop sprach, greift also heute nicht mehr.

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Dazu kommt, dass die Rechen- und Speicherleistung aktueller Business-Notebooks für die üblichen Office-Anwendungen rund um Word, Excel und Powerpoint vollkommen ausreicht. Die Systeme halten mit moderner Akkutechnik zudem im mobilen Einsatz schon Mal einen kompletten Arbeitstag ohne Steckdose durch. Auch am Arbeitsplatz im Büro sind Notebooks komfortabel zu handhaben. Mit einer Dockingstation, an der Monitor, Tastatur und Maus hängen, und in die sich ein Notebook mit einem Handgriff einklinken lässt, verwandelt sich der mobile Begleiter mit einem Handgriff in einen stationären Rechner. Praktisch dabei: Mit einer weiteren Dockingstation lässt sich ein zweiter Arbeitsplatz im Home Office einrichten. Man nimmt einfach den Rechner mit und hat alle notwendigen Applikationen und Informationen immer parat. Das lästige Hin- und Herschieben von Daten zwischen verschiedenen Rechnern im Office und zu Hause über Cloud-Speicher oder USB-Sticks entfällt.

Mobile Device-Verwirrung

Bleibt für die Anwender nur noch zu klären, mit welchem Notebook-Typ sie arbeiten möchten. Neben dem üblichen Klappgerät mit Display, Tastatur und Touchpad haben sich in den vergangenen Jahren weitere Formfaktoren im Markt etabliert. Dazu zählen Hybrid-Geräte, sogenannte 2-in-1-Systeme beziehungsweise Convertibles. Bei diesen Rechnern lässt sich das Display um 360 Grad auf die Unterseite des Tastatur-Korpus herumklappen und in dieser Konstellation das Gerät als Tablet nutzen. In einer anderen Variante können Anwender die Anzeige komplett abnehmen und als separates Tablet-Modul verwenden. Dieser Typ wird auch als Detachable bezeichnet. Aber Vorsicht: Die Gerätebezeichnungen und -definitionen werden von den verschiedenen Herstellern unterschiedlich verwendet.

Bei einem Convertible lässt sich das Display einmal komplett um 360 Grad herumklappen.
Bei einem Convertible lässt sich das Display einmal komplett um 360 Grad herumklappen.
Foto: Trekstor

Neben den beiden klassischen Varianten Desktop-PC und Notebook sind in den vergangenen Jahren weitere Gerätealternativen für den Arbeitsplatzrechner aufgetaucht. Tablets wie Apples iPad Pro in den Größen 10,5 und 12 Zoll oder die Android-Geräte aus Samsungs Galaxy-Tab-Reihe sowie Googles Pixel C werden von den Herstellern für den Business-Einsatz positioniert.

Rechenboliden in der Hosentasche

Und sogar das Smartphone lässt sich mittlerweile als Desktop-Ersatz verwenden. Die Rechenleistung der mobilen Begleiter reicht für Office-Anwendungen allemal. Aktuelle Highend-Geräte wie das Samsung S9 oder das Mate P20 von Huawei arbeiten mit 8-Kern-Prozessoren, deren Taktraten jenseits der 2-Gigahertz-Grenze liegen. Auch Arbeits- und Festspeicher sind mit 4 oder 6 GB beziehungsweise 64 oder sogar 128 GB ausreichend dimensioniert. Zudem lässt sich der Speicher mit MicroSD-Karten erweitern - teilweise um bis zu 400 GB.

Mit Samsung DeX wird das Smartphone zum PC.
Mit Samsung DeX wird das Smartphone zum PC.
Foto:

Einzelne Hersteller bieten zudem spezielle Lösungen an, mit deren Hilfe Anwender ihr Smartphone als Desktop-Ersatz nutzen können. Samsung hat beispielsweise die "DeX Station" sowie das DeX Pad" im Programm. Beide Modelle funktionieren als Docking-Station, an die sich Monitor, Tastatur und Maus anschließen lassen. Klinkt man das Smartphone in die Dex Station oder das Pad ein, könnten Anwender wie an einem Desktop-PC arbeiten, verspricht der Hersteller. Beide Docks bieten zwei USB-Ports sowie einen HDMI-Anschluss. Die DeX Station integriert zusätzlich einen Ethernet-Port. Hier wird das Smartphone schräg eingesetzt. Nachteil: der Kopfhörerausgang ist nicht zugänglich. Anders im DeX Pad: Hier wird das Smartphone waagerecht eingelegt. So lässt sich auch der Touchscreen des Smartphone für Eingaben verwenden. Das ist praktisch, weil einzelne Apps wie zum Beispiel Google Maps nicht für den Betrieb mit Maus und Tastatur ausgelegt sind. Manko beim DeX Pad: Es fehlt der Ethernet-Anschluss - gerade in Unternehmen, in denen Mitarbeiter auf interne Netzressourcen zugreifen müssen, ist das ein Nachteil.

Knackpunkte Administration und Management

Mit "Samsung Experience 9.0", das ab der Android-Version 8.0 zur Verfügung steht, gibt es eine spezielle Oberfläche für den Desktop-Modus, die in der aktuellen Version Auflösungen bis zu 2560 mal 1440 Pixeln (WQHD) zulässt. Mit Knox bietet der Hersteller Administratoren zudem verschiedene Features rund um die Sicherheit und das Management der mobilen Endgeräte. Beispielsweise lassen sich Berechtigungen und Identitäten verwalten sowie White- und Blacklists für Anwendungen definieren. Wer Samsungs DeX-Geräte nutzen will, braucht ein Samsung-Smartphone. Unterstützt werden die Modelle: Galaxy S8/8+, Note 8 und S9/9+. Das Pad ist im Handel ab etwa 70 Euro zu haben. Die Station kostet mit Preisen ab etwa 100 Euro etwas mehr.

Die Kollegen der PC-WELT haben die DeX-Station getestet

Auch Huawei-Geräte wie das Mate P20 (Pro), das Mate 10 (Pro) oder das MediaPad M5 Pro lassen sich im Desktop-Modus nutzen. Dafür hat der Hersteller ab Version 8.0 seiner Benutzeroberfläche EMUI die Funktion "PC-Modus" integriert. Diese funktioniert mit einem TV-Gerät oder einem PC-Monitor. Verbunden werden die Geräte direkt über einen USB-C-Port am Smartphone und dem HDMI-Eingang am Monitor. Dafür braucht es einen entsprechenden Adapter, der für ein paar Euro im Handel zu bekommen ist. Die Bedienung erfolgt entweder über den Touchscreen am Smartphone oder Tastatur und Maus. Beide lassen sich via Bluetooth direkt mit dem Smartphone koppeln. Zudem bietet Huawei mit dem MateDock eine Dockingstation an, die ähnlich wie Samsungs DeX-Geräte Anschlüsse wie Ethernet, USB, HDMI und VGA bietet.

Für sein Huawei P20 Pro bietet der chinesische Hersteller einen PC Modus an.
Für sein Huawei P20 Pro bietet der chinesische Hersteller einen PC Modus an.

Grundsätzlich gibt es noch eine Reihe weiterer Möglichkeiten, Smartphones verschiedener Hersteller zum Desktop umzufunktionieren. Für die Übertragung der Videosignale zum Monitor gibt es in der Apple-Welt mit dem Lightning Digital AV Adapter eine Kabellösung sowie mit AirPlay, das allerdings auch Apple TV erfordert, eine drahtlose Verbindung. Mit Miracast lassen sich im Android-Kosmos Display-Inhalte via WLAN auf TV oder Monitor spiegeln. Wird Miracast nicht unterstützt, können Anwender mit Chromecast einen Adapter für den HDMI-Eingang am Monitor dazwischenschalten. Darüber hinaus gibt es sogenannte MHL-Kabel, die das Smartphone über den Micro-USB-Anschluss mit dem HDMI-Eingang am TV/Monitor verbinden. Für die Bedienung und das Arbeiten lassen sich Bluetooth-Tastatur/Maus-Kombis mit dem jeweiligen Smartphone koppeln.

Was macht Microsoft mit Continuum?

Microsoft hat 2015 eine große Smartphone-Initiative gestartet. Mit dem Feature Continuum im Betriebssystem Windows 10 Mobile sollten sich Windows-10-Smartphones in Verbindung mit einem Bildschirm - via HDMI oder Miracast - in einen Desktop-PC verwandeln lassen. Dabei wird nicht einfach nur der Screen des Smartphones in vergrößerter Form auf dem Bildschirm gespiegelt, vielmehr handelt es sich dabei um eine vollwertige Windows-10-Umgebung, die sich mit Maus und Tastatur bedienen lässt. Allerdings gibt es Einschränkungen: Das Ganze funktioniert nicht mit den üblichen Win32-Anwendungen, sondern erfordert spezielle Universal-Apps, die so programmiert sind, dass sie je nach Gerät in verschiedenen Formaten (PC, Tablet, Smartphone, Xbox One…) laufen. Wichtig fürs Business: Dazu gehörten immerhin die gängigen Office-Apps aus dem Hause Microsoft. Über ein Display Dock können neben einem Monitor auch Tastatur und Maus angeschlossen werden.

Mit Continuum wollte Microsoft seinen Kunden eine einheitliche Windows-Umgebung über verschiedene Endgeräte hinweg bieten - vom PC bis zum Smartphone.
Mit Continuum wollte Microsoft seinen Kunden eine einheitliche Windows-Umgebung über verschiedene Endgeräte hinweg bieten - vom PC bis zum Smartphone.
Foto: Connectwise

Mittlerweile ist es ruhig geworden rund um Continuum. Das liegt vor allem daran, dass Microsoft Windows als mobiles Betriebssystem aus dem Rennen genommen und damit eingestanden hat, dass iOS und Android den Markt beherrschen. Außerdem ließen die Smartphone-Hersteller Windows links liegen. Lediglich Alcatel, HP und Nokia brachten eine Handvoll Geräte auf den Markt.

Man werde Windows 10 Mobile weiter mit Bugfixes und Sicherheits-Updates pflegen, aber keine neuen Features bauen, hieß es im Herbst vergangenen Jahres seitens Microsoft. Inwieweit die Continuum-Idee in einem kommenden Windows-Betriebssystem, das Microsoft zufolge geräteübergreifend auf unterschiedlichsten Plattformen funktionieren soll, noch eine Rolle spielen wird, steht jedoch in den Sternen. Immerhin baut der Windows-Konzern Brücken zu konkurrierenden Systemen. Erst Anfang Mai wurde auf der Konferenz Build 2018 das Windows-Feature "Your Phone" vorgestellt. Damit sollen iPhone- und Android-Nutzer ihr Smartphone auf einem Windows-Desktop spiegeln können.

Fazit: Mobiler Einsatz mit Tücken

Grundsätzlich funktioniert das Smartphone als Desktop-Ersatz. Es gibt dabei aber immer noch einige Knackpunkte zu bedenken. Wer sich seine Lösung selbst zusammenstellen möchte, muss genau prüfen, welche Features die einzelnen Geräte unterstützen und wie die einzelnen Teile und Funktionen zusammenpassen. Mehr Sicherheit versprechen die vom Hersteller vorkonfektionierten Lösungen wie die von Samsung oder Huawei. Allerdings gibt es auch hier Unwägbarkeiten. Nicht alle Apps funktionieren so, wie sich die Nutzer das vorstellen. Schließlich wurden sie für die Nutzung auf dem Smartphone entwickelt und nicht für den Desktop-Betrieb.

Wer sein Smartphone als Desktop-Ersatz nutzen möchte, sollte darüber andere Nutzungsszenarien nicht vergessen. So paradox das klingen mag - im mobilen Office offenbart das Smartphone Defizite. Einen kurzen Text werden Anwender über die virtuelle Bildschirmtastatur noch tippen können, ohne dass die Finger ins Stolpern geraten. Bei längeren Texteingaben oder wenn es gar um großformatige Excel-Tabellen oder Powerpoint-Präsentationen geht, wird das Arbeiten auf dem vergleichsweise kleinformatigen Smartphone-Screen schnell zur Qual.

IDG Research hat eine Studie zum Arbeitsplatz der Zukunft herausgebracht

Es gibt zwar das notwendige Zubehör fürs mobile Office rund um das Smartphone. Doch was als Ergänzung auf dem Schreibtisch noch gut zu handhaben ist, endet unterwegs im Flugzeug oder im Zug als Jonglier-Nummer mit verschiedensten Zubehörgeräten. Mobiles Display, Bluetooth-Tastatur und -Maus wollen erst einmal funktionstüchtig auf einem Ausklapptablett drapiert werden. Auch wenn diese Situation mit Müh und Not noch zu handeln ist - fällt das Tischchen weg, dürfte das Arrangement der verschiedenen Geräte auf dem Schoss kaum mehr zu bewerkstelligen sein. In solchen Situationen empfiehlt sich dann doch eher das klassische Notebook.

 

Heinz Würfel

Ich sehe das ähnlich. Allen Unkenrufen zum Trotz werden nach wie vor Desktops in Unternehmen eingesetzt. Selbst dort, wo aus Mobilitätsüberlegungen heraus Desktoprechner durch Notebooks ersetzt werden, werden solche Plätze mit Dockingstation. externer Tastatur , externer Maus und 1-2 externen Monitoren ausgestattet. Das zeigt, dass auf die Funktionalität bzw. den Komfort diverser Ein- und Ausgabegeräte nicht verzichtet werden kann. Das bedeutet, dass der PC grundsätzlich (wie auch immer er aussieht) nicht wegzudenken ist. Schon gar nicht wird er durch allerlei Android- Basteleien ersetzt werden, bei denen Adapter und andere Hiilfsmittel benötigt werden, um einen halbwegs brauchbaren Büroarbeitsplatz zu erhalten. Es gibt sie eben nicht in Reinkultur - die eierlegende Wollmilchsau :)

Querschlaeger

Eigentlich hat noch kein Device die Fähigkeit besessen, einen Desktop-PC zu ersetzen. Weder das Notebook, noch das Tablet und schon gar kein Phablet oder Smartphone. So wenig wie das Büro in den 80ern papierlos wurde. Und auch das Fax ist immer noch vorhanden und den Briefträger gibt es auch noch. Was sich verändert hat ist die Art der Kommunikation - und das nicht unbedingt zum Vorteil für die Beteiligten. Mehr Mensch und ein bisschen weniger Technik könnte den analogen Lebensraum für die Realität 1.0 noch ein paar Jahre länger schützen.
Und was soll ein Mensch mit einem "Digital Workspace" sinnvolles anfangen, wenn zur Ein- und Ausgabe doch alles wieder in analoge Signale umgewandelt werden muss?

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