IDG-Studie Cloud-Migration 2021

Cloud Journey nicht ohne Kulturwandel

07.09.2021
Von 
Dr. Andreas Schaffry ist freiberuflicher IT-Fachjournalist und von 2006 bis 2015 für die CIO.de-Redaktion tätig. Die inhaltlichen Schwerpunkte seiner Berichterstattung liegen in den Bereichen ERP, Business Intelligence, CRM und SCM mit Schwerpunkt auf SAP und in der Darstellung aktueller IT-Trends wie SaaS, Cloud Computing oder Enterprise Mobility. Er schreibt insbesondere über die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen IT und Business und die damit verbundenen Transformationsprozesse in Unternehmen.
Für ihre Cloud Journey haben die meisten Unternehmen einen Plan. Dieser berücksichtigt aber häufig nicht den durch die Migration anstehenden Kulturwandel.
Der Weg in die Cloud geht nicht ohne Kulturwandel vonstatten.
Der Weg in die Cloud geht nicht ohne Kulturwandel vonstatten.
Foto: Jeff Schultes - shutterstock.com

Knapp zwei Drittel der Firmen haben in Bezug auf die Cloud-Migration eine Strategie umgesetzt oder erarbeitet, die in den meisten Fällen ganz oder in Teilen mit der Unternehmensstrategie verknüpft ist. Das ist das Kernergebnis der aktuellen Studie zur Cloud-Migration, die CIO und COMPUTERWOCHE mit den Partnern BMC Software, Fusion Global Business Solutions, Hyland Software, Lufthansa Industry Solutions, matrix technology, Micro Focus, Spirit/21, UNIT4, Arvato Systems, Horváth & Partners und QAware realisiert haben. An der Studie nahmen 366 Geschäfts- und IT-Entscheider aus deutschen Unternehmen unterschiedlicher Branchen und Größen teil.

Cloud-Migration nicht ohne Strategie

"Es ist erfreulich, dass es in den meisten Firmen eine Strategie für die Cloud-Migration gibt, egal ob sie auf Druck des Business, der Unternehmensführung oder einer innovativen IT initiiert und umgesetzt wurde. Fest steht damit auch, dass die Vorteile von Cloud-Technologien erkannt werden und Vorbehalte weitgehend abgebaut sind", kommentiert Thomas Strigel, Leiter Cloud Business Development bei SPIRIT/21. Laut Jürgen Runge, Managing Director Micro Focus Deutschland, zeigt das Ergebnis, "dass das Thema Cloud endlich im Mainstream angekommen ist. Es wird im Einklang von IT- und Unternehmensstrategie geplant und umgesetzt und folgt zentralen Steuerungsgrößen von Kosten, Verfügbarkeit und Sicherheit."

Ähnlich argumentiert Mathias Lopass, Head of Microsoft Solutions bei Arvato Systems: "Bei fast allen Unternehmen ist die Cloud 'angekommen'. Die Erkenntnis, dass damit die Reise in die Cloud erst begonnen hat, ist besonders im ersten Jahr häufig ein sensibler und eng zu begleitender Punkt. Versprechungen und Erwartungen prallen mit den erforderlichen Anpassungsbedarfen aufeinander, die nötig sind, um die echten Cloud-Mehrwerte im Hinblick auf Agilität, Flexibilität und Innovationskraft ausschöpfen zu können."

Cloud- mit Business-Strategie verzahnen

Auch Thomas Gutke, Head of Strategy Consulting bei matrix technology, sieht in einem planvollen Vorgehen große Vorteile: "Die richtigen Antworten auf die Chancen, die die Vernetzung und die Digitalisierung bieten, werden in nahezu jeder Industrie über die nächsten Jahre hinweg ein Gamechanger sein. Viele Unternehmen haben verstanden, dass eine zukunftsfähige Cloud-Migrations-Strategie das dafür nötige Fundament liefert."

Trotz allem sieht Jörg Thamm, Principal und Leiter IT Management Consulting bei Horváth & Partner, noch Luft nach oben. "Nach unserer Erfahrung entwerfen Unternehmen oft nur eine technische Cloud-Strategie, bei der nicht der ganzheitliche Nutzen für die Geschäftsprozesse und für das Unternehmen im Vordergrund steht. Um den größtmöglichen Nutzen zu erzielen, ist im Business-Kontext jedoch die möglichst nahtlose Verzahnung der Cloud- mit der Business-Strategie essenziell."

Stefan Helmerich, Manager Presales Deutschland bei Fusion Global Business Solutions, weist darauf hin, "dass Unternehmen im Rahmen ihrer Cloud-Strategie unbedingt die Phasen vor und nach einer Cloud-Migration berücksichtigen müssen. Am Beginn muss eine Analyse stehen, die einen genauen Überblick über die eingesetzten IT-Systeme verschafft und darüber, wie sie im Service-Modell zusammenhängen. Nach der Migration geht es vor allem darum, wie neue Business-Anforderungen in Zukunft abgedeckt werden können." In die gleiche Kerbe schlägt auch Olf Jännsch, Geschäftsführer bei BMC Software. Für ihn besteht nach der Migration in die Cloud die Notwendigkeit darin, "die Anwendungen laufend zu überwachen und zu optimieren, um einerseits die Leistung zu verbessern und die Kosten zu kontrollieren und andererseits einen vorbildlichen Kundenservice zu bieten."

Hoher Return on Investment möglich

Ein strategisches Vorgehen bei der Cloud-Migration zahlt sich offenbar aus. Eine große Mehrheit der Unternehmen (85 Prozent) hat entsprechende Projekte mit Erfolg durchgeführt, etwas mehr als zwei Drittel der Befragten teilt mit, dass sich nach dem Umzug in die Cloud schnell ein konkreter Nutzen einstellte. Das lässt darauf schließen, dass Migrationsprojekte gut vorbereitet waren sowie effizient durchgeführt und mit Erfolg abgeschlossen wurden. "Gut gemacht ist der Return on Invest bei einer Cloud-Migration recht ansehnlich und der Nutzen mannigfaltiger als gedacht, zum Beispiel durch stark verkürzte Entwicklungszyklen, verringerte Ausfallzeiten und ein höheres Sicherheitsniveau, aber auch durch deutlich geringere Betriebskosten nach einigen Optimierungsrunden. Dazu gesellt sich die höhere Attraktivität für Entwicklertalente", verdeutlicht Josef Adersberger, Geschäftsführer von QAware.

Ähnlich äußert sich Heinz Wietfeld, Regional Sales Manager bei Hyland Software: "Die hohe Zufriedenheit und der schnelle Nutzen bei Cloud-Projekten spiegelt auch unsere Erfahrung wider. Mussten wir mit den Kunden früher vor allem die Sicherheitsaspekte von Cloud-Lösungen besprechen, sind sie inzwischen nicht nur von Sicherheitskonzepten und -architekturen überzeugt, sondern erzielen durch den Einsatz von Cloud-Lösungen auch wirtschaftliche Vorteile." Laut Tom Dehouck, Regional President Continental Europe bei UNIT4, besteht der Nutzen einer Cloud-Migration in erster Linie darin, "dass sie dem IT-Team das Infrastrukturmanagement erleichtert, das sich somit besser auf die Aufgaben konzentrieren kann, die einen höheren Mehrwert für das Unternehmen schaffen. Zugleich können Kosten gesenkt werden, weil keine Infrastruktur mehr zugekauft und gewartet werden muss."

Jürgen Runge ist überrascht, "dass die Zufriedenheit mit den bisherigen Cloud-Migration-Projekten bei fast 100 Prozent liegt. Das zeugt von einem hohen Grad an Effizienz und Professionalität, mit dem die Projekte umgesetzt werden."

Falk Genähr, Cloud Strategy & Migration bei Lufthansa Industry Solutions, fordert, "dass eine Cloud-Migration stets bedarfsabhängig erfolgen muss, da für jede Applikation andere Rahmenbedingungen gelten. Erst durch diese Diversifizierung werden ein schneller Nutzen und hohe Kundenzufriedenheit erzielt." Diese Einschätzung scheint die Studie zu bestätigen. Unternehmen hieven bevorzugt Anwendungen in die Cloud, weil sie dafür besonders gut geeignet beziehungsweise geschäftskritisch sind. Oberste Priorität genießen dabei Business Intelligence (BI)/Data Analytics, Customer-Relationship-Management (CRM) und Supply-Chain-Management (SCM).

Stefan Helmerich weist jedoch darauf hin, dass "eine Migration von IT-Systemen und Applikationen in die Cloud nicht gleichbedeutend mit einer digitalen Transformation ist, sondern sie allenfalls unterstützt. Das Potenzial, das die digitale Transformation bietet, lässt sich erst dann voll ausschöpfen, wenn sämtliche Prozesse digitalisiert und Services von Endbenutzern flexibel und performant genutzt werden sowie die Automatisierung eine entscheidende Rolle spielt."

Cloud Journey braucht Leadership

Der Weg in die Cloud hält aber auch Herausforderungen bereit. Aus strategisch-organisatorischer Sicht beklagen Unternehmen in erster Linie die Komplexität des Themas (32 Prozent) und die fehlende Unterstützung durch das Management (26 Prozent). Weitere Hindernisse sehen die Unternehmen in der Veränderung und Anpassung der Geschäftsprozesse und einer langwierigen Migration, aber auch in einer inadäquaten oder gar fehlenden Unternehmenskultur. Technisch werden primär die IT-Infrastruktur (36 Prozent) und die Datensicherheit (31 Prozent) als Hürden gesehen, gefolgt von Datenschutz und Compliance, Security und Netzqualität.

"Die Komplexität einer Cloud-Migration hängt oftmals von der Komplexität der vorhandenen IT-Infrastruktur ab. Bei der Planung einer Cloud-Migration bringt daher eine Bestandsaufnahme der aktuellen Infrastruktur inklusive der Abhängigkeiten zwischen den Systemen und eine Analyse der aktuellen Nutzung die nötige Transparenz", erläutert Olf Jännsch. Thomas Strigel sieht Herausforderungen beim Einstieg in die Cloud und der Migration von Workloads vor allem darin, "dass Unternehmen oft unsicher sind, welche grundsätzlichen Entscheidungen zu treffen sind, um sich später nicht den Weg bei der Festlegung von Security- und Governance-Regeln oder der Abbildung von Organisations- oder Workloadstrukturen in der Cloud zu verbauen."

Vor dem Wechsel einer On-Premise-Lösung in die Cloud könne auch Nervosität aufkommen, so Heinz Wietfeld. "Deshalb ist es wichtig, dass eine erfolgreiche Cloud Journey neben entsprechenden Technologien und ausfallsicheren Architekturen auch gutes und effizientes Leadership umfasst." Falk Genähr wiederum sieht bei der Cloud Journey "einen extrem breiten Wissensbedarf durch die meist vielfältigen zu migrierenden Applikationslandschaften." Für Thomas Gutke besteht die "vielleicht größte Herausforderung einer Cloud-Migration darin, die damit verbundenen Veränderungsprozesse gut zu managen."

Veränderte Denkweisen nötig

Dass Change Management ein kritischer Erfolgsfaktor bei der Cloud-Migration ist, bestätigt auch die Studie, da Unternehmen neben technischen Herausforderungen, auch einen Kulturwandel bewältigen müssen. "Eine Cloud-Migration bringt eine agile Denkweise mit sich, die sich positiv auf das tägliche Geschäft und die Produktivität, aber auch auf das Recruiting neuer IT-Fachkräfte auswirkt", so Tom Dehouck. 61 Prozent der Befragten sagen, dass ein entsprechender Wandel in der IT-Abteilung bereits stattgefunden hat, etwa durch den Umstieg auf agile Betriebs- und Entwicklungsmodelle wie DevOps oder CI/CD. 55 Prozent sind überzeugt, dass die Cloud-Migration einen kulturellen Wandel in der gesamten Organisation nach sich zieht.

"Die Cloud-Migration einer Applikation oder von Geschäftsprozessen erfordert ein verändertes Denken sowohl im Business als auch in der IT", verdeutlicht Jörg Thamm. "Wichtig ist, dass die Verzahnung von Business und IT sowie externen Cloud-Lieferanten End-to-End gedacht wird, was neue Modelle der Zusammenarbeit erfordert." Josef Adersberger sieht im Kulturwandel, den der Einsatz von Cloud-Technologien mit sich bringt, "die wohl gravierendste, zugleich aber am häufigsten übersehene Veränderung. Agile Cloud-Infrastrukturen verlangen ein agiles Vorgehen und damit eine Kultur enger Kooperation, etwa in Form von DevOps."

Von der Cloud- zur Cloud-to-Cloud-Migration

Die Studie förderte darüber hinaus zahlreiche weitere spannende Ergebnisse zutage. Zum Beispiel, dass die meisten Unternehmen für die Cloud-Migration ihrer Legacy-Systeme entweder den Hybrid-Extension-Ansatz (40 Prozent) oder die Lift-and-Shift-Methode (34 Prozent) wählen. Zudem setzen 80 Prozent der Befragten bei der Cloud-Migration auf mindestens zwei Cloud Provider oder mehr, in erster Linie, um Risiken zu verteilen und zu minimieren, die Performance zu verbessern, Kosten zu senken sowie aus Gründen des Datenschutzes und der Compliance.

Auch haben vier von zehn Befragten mindestens ein Cloud-to-Cloud-Migrationsprojekt realisiert und etwas mehr als ein Viertel fassen ein solches Vorhaben für 2022 ins Auge. Für den Fall eines Wechsels zu einem Hyperscaler oder Public-Cloud-Anbieter ist für über die Hälfte der Unternehmen am wichtigsten, Infrastrukturen schnell und flexibel aufzubauen und wieder abzubauen und somit Rechen- und Storage-Kapazitäten nahezu beliebig skalieren zu können. Das gilt vor allem für die IT-Leiter.

Um Know-how aufzubauen, Kosten zu sparen und ihren IT-Mitarbeitenden ein modernes Arbeitsumfeld zu bieten, wollen die Unternehmen aber auch verstärkt in die Entwicklung von Cloud-Native-Applikationen einsteigen. Eines zeigt die Studie ebenfalls sehr deutlich: IT-Verantwortliche übernehmen bei der Cloud-Migration und damit auch in Bezug auf die digitale Transformation die Rolle des Taktgebers für das Business. In knapp drei Viertel der Fälle verantworten IT-Leiter, CIOs und IT-Vorstände die Erarbeitung der Strategie für die Cloud-Migration. Zur Wahrheit gehört aber auch, dass die Zusammenarbeit mit dem Business nicht immer reibungsfrei verläuft.

Zur Studie "Cloud-Migration 2021" im Aboshop

Jetzt im Studienshop: "Cloud-Migration 2021"
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Foto: IDG Research Services: Christine Plote

Studiensteckbrief

Herausgeber: COMPUTERWOCHE, CIO, TecChannel und ChannelPartner

Platin-Partner: BMC Software GmbH; Fusion Global Business Solutions GmbH

Gold-Partner: Hyland Software Germany GmbH; Lufthansa Industry Solutions; Matrix technology AG; Micro Focus Deutschland GmbH; SPIRIT/21 GmbH

Silber-Partner: Arvato Systems GmbH; Horváth & Partner GmbH; QAware GmbH

Grundgesamtheit: Oberste (IT-)Verantwortliche von Unternehmen in der D-A-CH-Region: strategische (IT-)Entscheider im C-Level-Bereich und in den Fachbereichen (LoBs), IT-Entscheider und IT-Spezialisten aus dem IT-Bereich

Teilnehmergenerierung: Stichprobenziehung in der IT-Entscheider-Datenbank von IDG Business Media sowie zur Erfüllung von Quotenvorgaben über externe Online-Access-Panels; persönliche E-Mail-Einladungen zur Umfrage

Gesamtstichprobe: 366 abgeschlossene und qualifizierte Interviews

Untersuchungszeitraum: 18. bis 25. Mai 2021

Methode: Online-Umfrage (CAWI)

Fragebogenentwicklung: IDG Research Services in Abstimmung mit den Studienpartnern

Durchführung: IDG Research Services