Studie Cloud Migration 2021

Beim Move in die Cloud ist das Management gefragt

13.08.2021
Von 
Dr. Andreas Schaffry ist freiberuflicher IT-Fachjournalist und von 2006 bis 2015 für die CIO.de-Redaktion tätig. Die inhaltlichen Schwerpunkte seiner Berichterstattung liegen in den Bereichen ERP, Business Intelligence, CRM und SCM mit Schwerpunkt auf SAP und in der Darstellung aktueller IT-Trends wie SaaS, Cloud Computing oder Enterprise Mobility. Er schreibt insbesondere über die vielfältigen Wechselwirkungen zwischen IT und Business und die damit verbundenen Transformationsprozesse in Unternehmen.
Die Mehrzahl der Unternehmen geht die Cloud-Migration strategisch an. Doch bei einem solchen Projekt lauern zahlreiche Fallstricke, wie die aktuelle IDG-Research-Studie Cloud Migration 2021 zeigt.
Einfach mal in die Cloud? Für zwei Drittel der Teilnehmer an der Cloud-Migration-Studie trifft das nicht zu - sie folgen einer Strategie.
Einfach mal in die Cloud? Für zwei Drittel der Teilnehmer an der Cloud-Migration-Studie trifft das nicht zu - sie folgen einer Strategie.
Foto: Mauricio Graiki - shutterstock.com

Die Cloud-Technologie ist für die digitale Unternehmenstransformation unverzichtbar. Zudem hat die Corona-Pandemie dazu geführt, dass Firmen in Bezug auf den Cloud-Einsatz den Turbo gezündet und Projekte zur Cloud Migration initiiert haben.

Besser mit Strategie statt „Einfach mal machen“

Die Migration in die Cloud nach dem Prinzip "Einfach mal machen" kommt jedoch für die wenigsten Unternehmen infrage. Rund zwei Drittel der Befragten haben den Wechsel in die Cloud anhand einer zuvor erstellten Strategie realisiert oder dafür eine Strategie entwickelt. Knapp ein Fünftel arbeitet gegenwärtig an einer solchen Strategie. Die Strategie für die Cloud Migration ist unabhängig von der Firmengröße bei 85 von 100 Befragten ganz oder in Teilen mit der Unternehmensstrategie verknüpft. Das ist ein Indiz dafür, dass IT und Business im Sinne eines IT-Business-Alignments Hand in Hand arbeiten.

Das ist das zentrale Ergebnis der aktuellen Studie zur Cloud Migration, die CIO und COMPUTERWOCHE zusammen mit den Partnern BMC Software, Fusion Global Business Solutions, Hyland Software, Lufthansa Industry Solutions, matrix technology, Micro Focus, Spirit/21, Horváth & Partners, QAware und Arvato Systems realisiert haben. An der Studie haben 366 Geschäfts- und IT-Entscheider aus deutschen Unternehmen unterschiedlicher Branchen und Größen teilgenommen.

Hohe Zufriedenheitsquote mit Cloud Migration

Die im Rahmen der Studie befragten Unternehmen entwerfen nicht nur eine Strategie zur Cloud Migration, sondern haben entsprechende Projekte in vielen Fällen bereits entweder umgesetzt (30 Prozent) oder die Realisierung für die nahe Zukunft fest eingeplant (43 Prozent). Die Umsetzungsquote hängt jedoch von der Unternehmensgröße ab: Während ein Viertel der kleinen Betriebe entsprechende Projekte realisiert hat, sind es bei mittleren und großen Firmen jeweils rund ein Drittel.

Ob eine Cloud Migration auch tatsächlich umgesetzt wird, hängt unter anderem von der Unternehmensgröße ab. Große Unternehmen mit mehr als 1000 Beschäftigten sind hier deutlich weiter (40 Prozent) als mittlere Firmen mit 500 bis 1000 Beschäftigten oder kleinere Firmen mit weniger als 500 Beschäftigten (jeweils 30 Prozent).

Das strategische Herangehen zahlt sich offenbar aus. 85 Prozent der Unternehmen sind sehr zufrieden oder zufrieden mit den bislang durchgeführten Projekten zur Cloud Migration. Kein einziger Befragter gab an, nicht oder gar nicht zufrieden zu sein. Bei kleineren Firmen mit weniger als 500 Beschäftigten liegt der Zufriedenheitsgrad sogar bei stolzen 91 Prozent, also sechs Prozent über dem Durchschnitt. Die enorm hohe Zufriedenheitsquote ist ein Beleg dafür, dass Vorhaben zur Cloud Migration in den allermeisten Fällen mit Erfolg abgeschlossen wurden.

Der Großteil der befragten Unternehmen ist sehr zufrieden bzw. zufrieden mit den bislang durchgeführten Cloud-Migration-Projekten.
Der Großteil der befragten Unternehmen ist sehr zufrieden bzw. zufrieden mit den bislang durchgeführten Cloud-Migration-Projekten.
Foto: IDG Research Services: Christine Plote

Mehrwert durch Digitalisierung und Kostensenkungen

Welche Vorteile ein strategisches Vorgehen bietet, zeigt sich an einem weiteren Punkt: Etwas mehr als zwei Drittel der Unternehmen zogen bereits unmittelbar oder kurz nach einer Cloud Migration konkreten Nutzen daraus. Firmen mit weniger als 500 Beschäftigten liegen auch hier mit 79 Prozent deutlich über dem Durchschnittswert. Ebenfalls interessant: Zufriedenheit und schneller Nutzen hängen offenbar nicht von der Höhe des IT-Jahresbudgets ab.

Den größten Mehrwert, den sich Unternehmen von der Cloud Migration ihrer Anwendungen erwarten, ist eine allgemeine Prozessdigitalisierung (36 Prozent). Jeweils ein knappes Drittel der Befragten versprechen sich eine Prozesskostensenkung durch beschleunigte Abläufe und geringere IT-Wartungskosten, 28 Prozent mehr Sicherheit. Die Digitalisierung ist vor allem für C-Level-Entscheider (49 Prozent) und für Fachabteilungen (38 Prozent) der wichtigste Aspekt. Bei IT-Verantwortlichen steht stattdessen die Kostensenkung durch schnellere Prozesse an erster Stelle (40 Prozent).

Überraschend ist, dass Nutzenaspekte wie "Wettbewerbsvorteile gegenüber der Konkurrenz" (13 Prozent) oder "Erschließung neuer Geschäftsmodelle" (sechs Prozent) von untergeordneter Bedeutung sind. Das legt nahe, dass diese Aspekte erst dann angegangen werden, wenn die primären Ziele der Cloud Migration, also Digitalisierung sowie Prozess- und Kostenoptimierung, erreicht wurden.

Eine Prozessdigitalisierung ist der größte Mehrwert, den sich Unternehmen von einer Cloud-Migration erwarten.
Eine Prozessdigitalisierung ist der größte Mehrwert, den sich Unternehmen von einer Cloud-Migration erwarten.
Foto: IDG Research Services: Christine Plote

Hybrid Extension und Lift & Shift dominieren

Geht es um die passende Methode für die Cloud Migration, entscheiden sich die meisten für einen eher konservativen Ansatz. 40 Prozent der Befragten verlängern Legacy-Lösungen per Hybrid Extension in die Cloud, etwas mehr als ein Drittel verschieben sie gemäß Lift & Shift ohne Code-Modifikation und damit auch ohne Modernisierung in die "Wolke". Deutlich weniger, nämlich 24 Prozent, passen ihre Applikationen gemäß Lift and Extend an die Platform-as-a-Service-Umgebung (PaaS) eines Cloud-Anbieters an. Und lediglich 17 Prozent bauen im Rahmen eines Full Rebuild ihre Geschäftslösungen vollständig neu auf.

Offensichtlich hat diese zurückhaltende Herangehensweise an das Thema Cloud Migration auch mit einer Angst vor Kontrollverlust zu tun. Wer eine On-Premises-Applikation in die Cloud verlängert, behält nach wie vor die Kontrolle über die Kernfunktionen. Untermauert wird diese These unter anderem dadurch, dass für 45 Prozent der Befragten das Konzept einer bimodalen IT von sehr hoher beziehungsweise hoher Bedeutung ist. Werden Applikation per Lift & Shift in die Cloud gebracht, lässt sich der Wechsel zwar recht schnell vollziehen, aber zahlreiche Vorzüge des Cloud-Computing kommen nicht zum Tragen.

Risiken und Probleme nicht unterschätzen

Die Zurückhaltung in puncto Lift and Extend und Full Rebuild könnte auch damit zu tun haben, dass sich Unternehmen der Herausforderungen und Risiken einer Cloud Migration bewusst sind. Aus strategisch-organisatorischer Sicht werden in erster Linie die Komplexität des Themas (32 Prozent) und die fehlende Unterstützung durch das Management (26 Prozent) genannt. Technisch gesehen sind es vor allem die IT-Infrastruktur (36 Prozent) und die Datensicherheit (31 Prozent). Interessant ist, dass Firmen mit weniger als 500 Beschäftigten diese Punkte als deutlich weniger herausfordernd oder problematisch erachten als große Unternehmen; eventuell weil ihre IT-Landschaft weniger komplex ist und Entscheidungswege in der Regel kurz sind.

Als größte Herausforderung einer Cloud-Migration wird die Komplexität der Themas genannt.
Als größte Herausforderung einer Cloud-Migration wird die Komplexität der Themas genannt.
Foto: IDG Research Services: Christine Plote

Die Komplexität einer Cloud Migration könnte auch ein Grund dafür sein, dass rund zwei Drittel der Befragten ganz oder in Teilen einen externen Dienstleister mit der Durchführung eines solchen Projekts beauftragen. Das deutet darauf hin, dass es intern an den erforderlichen personellen Ressourcen und/oder am nötigen Know-how fehlt.

Es ist keineswegs so, dass die Unternehmen keine Erfahrung mit dem Thema Cloud haben. Neun von zehn Befragten nutzen bereits mehrere Cloud-Services: 60 Prozent zwischen zehn und 99, 19 Prozent weniger als zehn und zehn Prozent mehr als 100 Cloud-Dienste. Immerhin 38 Prozent der Firmen, die Cloud-Services nutzen, haben über zwei Drittel oder alle Services selbst erstellt oder waren an der Entwicklung beteiligt. Hier liegt aber die Vermutung nahe, dass es sich bei diesen Cloud-Services in den meisten Fällen um einfachere digitale Assistenten wie Chatbots oder Apps für spezielle Aufgaben auf Basis von PaaS-Technologien handeln dürfte.

Fehlende Managementunterstützung, inadäquate Firmenkultur

Bedenklich stimmt, dass mehr ein Viertel der Befragten eine unzureichende Unterstützung durch das Management beklagt. Und für immerhin ein Fünftel besteht ein Risiko für die Cloud Migration in Form einer inadäquaten oder gar fehlenden Unternehmenskultur. Das deutet darauf hin, dass diese Firmen in Bezug auf ihre Organisationsstruktur und das IT-Business-Alignment noch nicht wirklich gut für die Cloud Journey und damit auch für die digitale Transformation gerüstet sind.

Demgegenüber steht eine deutliche Mehrheit, die sich darüber im Klaren ist, dass mit einer Cloud Migration ein Kulturwandel einhergeht - nicht nur in der IT-Abteilung, sondern im ganzen Unternehmen. Sechs von zehn Unternehmen bestätigen einen Kulturwandel in der IT-Organisation, zum Beispiel die Umstellung auf agile Betriebs- und Entwicklungsmodelle wie DevOps oder CI/CD. Damit der kulturelle Wandel mit Erfolg vollzogen werden kann, braucht es jedoch ein kluges Change Management.

Zur Studie "Cloud Migration 2021" im Aboshop

Kostenvorteile sind Treiber für weitere Cloud-Projekte

Die Studie förderte zudem zahlreiche weitere interessante Ergebnisse zutage. Dazu zählt unter anderem die Erkenntnis, dass mehr als die Hälfte der Unternehmen eine Cloud-to-Cloud-Migration bereits realisiert hat oder sie für 2022 plant, um den Cloud-Betrieb zu optimieren. Oberste Ziele sind dabei: Kosten reduzieren, Sicherheit verbessern, Skalierbarkeit erhöhen und Ausfallzeiten minimieren.

Über die Entwicklung von Cloud-Native-Software wird ebenfalls nachgedacht. Die wichtigsten Gründe für den Einstieg in die Cloud-Native-Welt sind für 44 Prozent der frühzeitige Aufbau von Wissen, um davon zu einem späteren Zeitpunkt zu profitieren. Für 43 Prozent stehen Kostenvorteile im Vordergrund.

Apropos Kosten: Unternehmen, die ständig mehr Applikationen in die Cloud hieven und auch Cloud-Native-Anwendungen entwickeln, benötigen weniger Rechenzentren und können ihre Data-Center-Landschaft konsolidieren. 40 Prozent teilen mit, dass eine Schließung von Rechenzentren vollzogen wurde oder verbindlich festgelegt ist, und knapp ein Viertel denkt darüber nach. Die Stilllegung sämtlicher Rechenzentren und der Bezug von Infrastruktur ausschließlich als Infrastructure as a Service (IaaS) ist allerdings recht unwahrscheinlich. Die wenigsten Firmen dürften bereit sein, die Kontrolle über die eigene IT-Landschaft komplett aus der Hand zu geben. Dem stehen auch technische Hürden und gesetzliche Vorschriften, etwa in Bezug auf Datenhoheit und Datenschutz sowie Compliance-Anforderungen, entgegen.

IT-Entscheider als Taktgeber für das Business

Eines zeigt die Studie ebenfalls sehr deutlich: IT-Verantwortliche haben bei der Cloud Migration und damit auch in Bezug auf die digitale Transformation die Rolle des Taktgebers für das Business inne. In knapp drei Viertel der Fälle verantworten IT-Leiter, CIOs und IT-Vorstände die Erarbeitung der Strategie für die Cloud Migration.

Die Zusammenarbeit und damit die Kommunikation zwischen der IT und dem Business verläuft allerdings nicht reibungsfrei. Bei IT-Leitung, Geschäftsführung und Fachabteilungen gibt es offensichtlich eine unterschiedliche Vorstellung davon, was unter Cloud Migration zu verstehen und ob eine solche erfolgt ist. Uneinigkeit herrscht zwischen IT-Verantwortlichen und Geschäftsführung auch bei der Frage, ob Rechenzentren geschlossen wurden oder die Stilllegung beschlossen ist. Das bedeutet: Die Beteiligten müssen daran arbeiten, ein einheitliches Verständnis in Bezug auf die Cloud Migration zu schaffen. Ferner gilt es, die Kommunikation zu verbessern.

Zur Studie "Cloud Migration 2021" im Aboshop

Jetzt im Studienshop: "Cloud Migration 2021"
Jetzt im Studienshop: "Cloud Migration 2021"
Foto: IDG Research Services: Christine Plote

Studiensteckbrief

Herausgeber: COMPUTERWOCHE, CIO, TecChannel und ChannelPartner

Platin-Partner: BMC Software GmbH; Fusion Global Business Solutions GmbH

Gold-Partner: Hyland Software Germany GmbH; Lufthansa Industry Solutions; Matrix technology AG; Micro Focus Deutschland GmbH; SPIRIT/21 GmbH

Silber-Partner: Arvato Systems GmbH; Horváth & Partner GmbH; QAware GmbH

Grundgesamtheit: Oberste (IT-)Verantwortliche von Unternehmen in der D-A-CH-Region: strategische (IT-)Entscheider im C-Level-Bereich und in den Fachbereichen (LoBs), IT-Entscheider und IT-Spezialisten aus dem IT-Bereich

Teilnehmergenerierung: Stichprobenziehung in der IT-Entscheider-Datenbank von IDG Business Media sowie zur Erfüllung von Quotenvorgaben über externe Online-Access-Panels; persönliche E-Mail-Einladungen zur Umfrage

Gesamtstichprobe: 366 abgeschlossene und qualifizierte Interviews

Untersuchungszeitraum: 18. bis 25. Mai 2021

Methode: Online-Umfrage (CAWI)

Fragebogenentwicklung: IDG Research Services in Abstimmung mit den Studienpartnern

Durchführung: IDG Research Services