Was ist ein Innovation Lab?

15.07.2021
Von   IDG ExpertenNetzwerk
Volker Johanning schreibt als Experte zu den Themen IT-Strategie, IT Organisation und Führung sowie Digitalisierungsstrategie. Er ist Strategieberater und Autor der Bücher "IT-Strategie" und "Car-IT".
Lesen Sie, was ein Innovation Lab ist, wie es funktioniert und was Unternehmen beim Aufbau beachten müssen.
Innovation Labs bieten einen geschützten Raum für die Umsetzung neuer Ideen. Das müssen Sie zum Thema wissen.
Innovation Labs bieten einen geschützten Raum für die Umsetzung neuer Ideen. Das müssen Sie zum Thema wissen.
Foto: Gorodenkoff - shutterstock.com

Bereits seit mehreren Jahren blühen in Deutschland an allen Orten Innovation Labs auf. Angefangen bei den Konzernen sind inzwischen auch viele Mittelständler und Hidden Champions auf den Zug aufgesprungen und haben ein eigenes Innovation Lab gegründet. Dies ruft auch andere Firmen ohne eine solche Ausgründung auf den Plan, die dem Trend dringend folgen wollen. Sie sehen sich im Hintertreffen gegenüber Wettbewerbern, die schon ein Innovation Lab betreiben und glauben, jetzt schnell aufholen zu müssen.

Das große Problem dabei ist, dass der Rasen nicht schneller wächst, wenn man daran zieht. Und das gilt leider insbesondere für digitale Innovationen: Sie brauchen Zeit zum Reifen und es kann dauern, bis sie wirtschaftlich nutzbringend sind. Daher gerät das Lieblingsspielzeug der CEOs so langsam unter die Lupe der Controller: Es muss endlich die Wirtschaftlichkeit von Innovation Labs bewiesen werden. Ansonsten droht die Schließung. Insbesondere die schlechte wirtschaftliche Situation in diesem Pandemie-Jahr hat für einige Innovation Labs das bittere Aus bedeutet.

Innovation Lab - Definition

Die Intention und Strategie hinter einem Innovation Lab besteht darin, einen geschützten Raum zur Generierung und Umsetzung neuer, innovativer Ideen zu schaffen - Ideen, die im Tagesgeschäft und laufenden Betrieb eines Unternehmens nicht die benötigte Zuwendung, Beachtung und Zeit fänden, um reifen und wachsen zu können. In Innovation Labs kann frei von Hierarchien sowie Bürokratie und Prozessvorschriften entwickelt und umgesetzt werden.

Da die Digitalisierung keinen Halt vor Branchen oder bestehenden Geschäftsmodellen macht, dienen Innovation Labs als Brutstätte für die Entwicklung neuer digitaler Geschäftsmodelle, als Transformationsstätte von rein physischen Produkten hin zu smarten Lösungen. Die digitale Zukunft eines Unternehmens wird in solchen Labs vorgedacht und ausprobiert.

Wenn es um die Begrifflichkeiten geht, dann darf bei Innovation Labs nicht Halt gemacht werden. Oft werden diese auch Digital Labs oder Digital Innovation Units genannt. Die Ziele eines solchen Labs oder einer solchen Unit sind immer sehr ähnlich:

  • Erstellung von Machbarkeitsanalysen (Proof of Concepts, POCs), Entstehung von innovativen Ideen und Produkten

  • gemeinsame Evaluation von Anwendungsfällen (Use Cases) zu digitalen Themen

  • Realisierung von sogenannten Minimal Viable Products (MVPs), die dazu dienen, auf dem schnellstmöglichen Weg mit den maximal notwendigen Funktionen ein Produkt zur Marktreife zu führen

  • Erarbeitung und Verprobung von digitalen Geschäftsmodellen

  • Erarbeitung von IoT- und Big-Data-Lösungen

  • Unterstützung beim Aufbau eigener digitaler Einheiten (interne Abteilungen oder externe Ausgründungen)

  • Schaffen von Kontakten und einem Netzwerk mit Start-Ups, Software- und Digitalexperten sowie Forschungseinrichtungen

  • Aufbau von Methodenwissen beziehungsweise Vorgehensmodellen wie zum Beispiel Design Thinking, Scrum, Prototyping oder Business Model Canvas

  • Schulungen und Weiterbildung zu digitalen Themen

Es gibt auch sehr spezifische Labs, welche sich auf Nischenthemen der Digitalisierung fokussieren. So zum Beispiel die Data Labs oder Data Analytic Labs mit Schwerpunkt auf dem Gebiet Big Data, IoT- oder KI-Labs. Gemein ist diesen die Nischenfokussierung.

Innovation Labs - Abgrenzungen

Neben den Innovation Labs gibt es noch drei weitere Formen von digitalen Initiativen, die für traditionelle Unternehmen sehr lukrativ sein können:

  • Das Headquarter oder Mutterunternehmen als "Company Builder"

  • Die Rolle des Headquarters als "Inkubator"

  • Die Nutzung des "Accelerator"-Konstruktes

Innovation Labs und Company Builder: Brutstätte für neue Ideen

Generell kann gesagt werden, dass bei Innovation Labs und dem Company Builder immer neue Ideen generiert werden und dazu entweder ein eigenes Innovation Lab aufgebaut wird oder ein eigenes Startup gegründet wird (Company Builder). Das Innovation Lab ist im Gegensatz zu den selbst gegründeten Startups meistens etwas näher am Mutterunternehmen angesiedelt.

Der größte Unterschied besteht aber wohl darin, dass das Innovation Lab einen großen, bunten Strauß an digitalen Themen und Projekten übernehmen kann, während das Startup als Unternehmen eine klare, eigene Unternehmensstrategie hat und selbstständig am Markt auftritt und agieren muss. Das Innovation Lab hingegen "hängt" eher am Mutterunternehmen und schafft die Hülle und den Experimentierraum abseits der Hektik des normalen Geschäftsbetriebs, um digitale Projekte und Produkte zu entwickeln.

Will man ein vollständig neues Geschäftsmodell nicht nur ausprobieren, sondern in den Markt bringen und ist von Reifegrad und Kundenpotenzial überzeugt, dann macht ein eigenes Startup Sinn - das Mutterunternehmen fungiert folgerichtig als Company Builder. Im Gegensatz dazu ist ein Innovation Lab eher geeignet, wenn dieses neue Geschäftsmodell erstmal getestet und verprobt werden und reifen soll.

Inkubator und Accelerator: Bestehende Ideen veredeln

Dem gegenüber steht der Fokus auf schon bestehenden Ideen bei den Inkubator- und Accelerator-Modellen. In der Rolle als Inkubator investiert das Mutterunternehmen in bereits bestehende Startups und entwickelt diese weiter. Diese Beteiligungen in Startups sind im Regelfall gut durchdacht und passen sehr gut in die digitale Wachstumsstrategie des Mutterunternehmens.

Wenn ein Investment mit größerem Risiko in eine Idee von Gründern investiert wird, dann spricht man von der Rolle des Accelerators. Hierbei geht es um Frühphaseninvestments (Seed Capital), bei dem sich das Mutterunternehmen quasi an der Weiterentwicklung der Gründungsidee beteiligt. Es hilft bei der Startup-Gründung, gibt den Gründern ein Netzwerk und alles für das positive Gedeihen Notwendige und vor allem die Verifikation der Idee mit auf den Weg. Diese Beteiligung ist eher kurzfristiger Natur (3 bis maximal 6 Monate), wohingegen die Inkubator-Rolle eher langfristig ausgelegt ist (6 bis 24 Monate).

Bei der Rolle des Accelerators ist zu beachten, dass das Mutterunternehmen zumindest schon Erfahrung im digitalen Umfeld oder ehemalige Startup-Manager in jetzt eigenen Führungskreisen sein Eigen nennen darf. Denn die Gründer brauchen in der Frühphase nicht nur Kapital, sondern vor allem Unterstützung zum Reifen und Verifizieren sowie - bei positivem Marktfeedback- auch Unterstützung beim Skalieren der Idee zu einem Produkt und einem wettbewerbsfähigen Startup-Unternehmen.

Innovation Lab, Company Builder, Inkubator und Accelerator: Definitionen und Aufgaben der Digitalinitiativen und wie sie sich voneinander unterscheiden.
Innovation Lab, Company Builder, Inkubator und Accelerator: Definitionen und Aufgaben der Digitalinitiativen und wie sie sich voneinander unterscheiden.
Foto: Volker Johanning

Innovation Lab: Anbindung ans Headquarter

Es gibt drei Varianten der Anbindung des Innovation Labs an das Mutterunternehmen:

  1. Bei der ersten Variante übernimmt das Innovation Lab die Verantwortung für alle Aufgaben eigenständig. Das ist eher selten der Fall, aber prinzipiell möglich. Es handelt sich dann um ein autarkes Innovation Lab.

  2. Bei der zweiten Variante beginnt der Prozess mit der Formulierung der Anforderung im Mutterunternehmen beziehungsweise Headquarter. Die Idee wird also nicht im Innovation Lab geboren, sondern als Anforderung an das Lab übergeben. Dieses erstellt dann einen dazu passenden Business Case, entwickelt das Produkt in enger Abstimmung mit dem Headquarter und gibt es dann für den Market Launch wieder zurück an das Headquarter.

  3. Die dritte Variante zeichnet sich durch enge Zusammenarbeit zwischen Innovation Lab und Headquarter aus: Nachdem die Anforderungen an ein Produkt gemeinsam mit dem Headquarter definiert worden sind, übernimmt das Innovation Lab die vollständige und alleinige Verantwortung für die Produktentwicklung und auch den Test. Hier wird der Vorteil der Agilität und Unabhängigkeit von Rahmenbedingungen in einem Innovation Lab ausgespielt. Für die Vorbereitung und den Marktstart wird allerdings wieder eng mit dem Headquarter zusammengearbeitet, so dass die Vorteile aus beiden Welten gut genutzt werden können. Den Service und Support des Produktes übernimmt vollständig das Mutterunternehmen, es trägt ab dann auch die Produktverantwortung bis zum Relaunch oder Ausphasen des Produktes aus dem Markt.

Die Anbindung des Innovation Labs an das Headquarter bzw. Mutterunternehmen ist auf dreierlei Weise möglich.
Die Anbindung des Innovation Labs an das Headquarter bzw. Mutterunternehmen ist auf dreierlei Weise möglich.
Foto: Volker Johanning

Wichtig ist bei allen Varianten das saubere Schnittstellen-Management und die Übergabe zurück in eine interne Organisationseinheit des Mutterunternehmens.

Innovation Lab vs. Headquarter

Neben der Aufgabenaufteilung unterscheiden sich Innovation Lab und Mutterunternehmen primär durch eine andere Arbeitsweise, eine andere Kultur und ein neues Denken. Dabei gibt es viele gegensätzliche Paare zwischen den beiden Unternehmenseinheiten:

  • Fokus auf den Kunden vs. interne Prozessoptimierung im Mutterunternehmen

  • Agilität vs. Standardprozesse

  • Geschwindigkeit vs. Genauigkeit

  • neue Technologien vs. bewährte Technologien

Innovation Lab vs. Headquarter
Innovation Lab vs. Headquarter
Foto: Volker Johanning

Die Schnittmenge in dieser Grafik soll aufzeigen, wie die beiden Welten zusammenwachsen können. Es geht primär darum, eine digitale Kultur zu etablieren, die nicht nur der des Digital Lab ähnelt, sondern für beide Welten passt. Darüber hinaus hilft beim Zusammenwachsen der ständige Austausch zwischen den Mitarbeitern von Innovation Lab und Mutterunternehmen. Das kann zum Beispiel durch die operative Zusammenarbeit an Digitalprojekten, Events im Innovation Lab und natürlich bewusst geplanten Meeting-Strukturen geschehen, in denen sowohl Mitarbeiter des Innovation Lab als auch des Headquarters eingebunden sind.

Dabei ist es wichtig, auf interdisziplinäre Teams aus IT und Fachbereichen zu achten. So sollten nicht nur die UX-Experten oder die Produktentwickler aus dem Lab zusammenarbeiten, sondern auch die Softwareentwickler, die R&D- und Engineering Experten aus dem Mutterhaus und vor allem die IT-Architekten. Denn ein wesentlicher Erfolgsfaktor ist, dass die im Innovation Lab entwickelten Produkte auch zu den in der Corporate IT eingesetzten Standards passen und dort notfalls betrieben werden können. (mb)