6 Recruiting-Wagnisse

Traut sich Ihre HR das?

Kommentar  05.08.2022
Von 
Frank Rechsteiner ist Geschäftsführer der Personalberatung Hype.
Endlich Neues im Recruitung ausprobieren – ohne Rücksicht auf Befindlichkeiten. Über folgende sechs Maßnahmen lässt sich sicher trefflich diskutieren.
Wagen Sie Neues in Sachen Recruiting - mit diesen 6 Tipps.
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Foto: Nicholas Parkent - shutterstock.com

Fachkräftemangel, zu wenige Bewerber, ungeplante Abgänge, abgesagte Aufträge – so sieht die Realität für viele Unternehmen im Personalmanagement im Jahr 2022 aus. Nach wie vor gibt es genug Arbeitgeber, die über halbherzige Recruiting-Aktivitäten und das Dauergejammere über den Fachkräftemangel nicht hinauskommen. Und doch: Es gibt die Innovativen und Kreativen, und es gibt auch entsprechenden Projekte und Ideen, die im Folgenden kurz vorgestellt werden, und die sich durchaus zur Nachahmung eignen. Diese Liste hat keinen Anspruch auf Vollständigkeit und nicht alle Punkte funktionieren bei allen Unternehmen. Wichtig ist deshalb zu verstehen, dass jede Firma ihre eigenen Maßnahmen entwickeln muss, die am besten zu ihrer Kultur passen.

Zwei Punkte sind vorab zu klären, bevor es losgeht:

  1. Seien Sie radikal in Ihren zukünftigen Entscheidungen, denn die "Softvariante" haben Sie sicherlich – auch mit Ihren HR-Kollegen versucht.

  2. Werden die Entscheidungen sofort zum Erfolg führen? Sicherlich nicht. Ziel soll doch sein, das Unternehmen fit für die Zukunft zu machen und nicht nur die "low hanging fruits" mitzunehmen!

Veränderung lautet das Motto und somit müssen sich Führungskräfte und auch ihre Arbeitgeber verändern, bevor sie selbst zur Veränderung gezwungen werden. Jetzt hat jeder die Chance, den Wandel aktiv zu gestalten. Denn: Die Mitbewerber schlafen nicht und erhöhen so täglich den Druck.

Folgende Maßnahmen haben einige Arbeitgeber bereits erfolgreich umgesetzt und damit auch gute Erfahrungen gemacht, so dass wir sie guten Gewissens wärmstens weiterempfehlen können:

1. Führen Sie die Vier-Tage-Woche ein

Ja, richtig gelesen: Führen Sie eine Vier-Tage-Woche ein für Menschen, die diese wollen. Verabschieden Sie sich vom Gießkannen-Prinzip nah dem Motto: Alles muss für alle gleich sein. Die Mitarbeiter wollen selbst entscheiden, ob sie vier oder fünf Tage arbeiten - der Job des Arbeitgebers besteht darin, das Angebot auszusprechen und dann die Entscheidung wertfrei mitzutragen. Wenn diese Mitarbeiter allerdings das Gefühl haben, dass sie danach als Kollegen zweiter Klasse behandelt werden, haben Sie als Chef etwas falsch gemacht.

2. Zahlen Sie nur noch Fixgehälter (außer im Sales)

Das Prinzip "hohes Zielgehalt", was unter normalem Einsatz gar nicht erreichbar ist, hat ausgedient. Wer die Arbeitsqualität seiner Mitarbeiter erhöhen will, muss sie vom Druck des Fakturierens befreien! Teammitglieder arbeiten befreiter, kundenorientierter und dann auch effektiver, wenn der Vorgesetzte ihnen diesen Druck nimmt. Die Mitarbeiter sind keine fakturierenden Maschinen, also sollten sie auch nicht so behandelt werden.

Verliert ein Unternehmen damit Geld? Auf längere Sicht nein, denn die Firma behält so seine Mitarbeiter mittel- und langfristig. Die automatische Vorannahme aus Arbeitgebersicht lautet: Leistungen werden dann den Kunden geschenkt. Das ist allerdings eine typische Unterstellung von Führungskräften, die nur in deren Köpfen stattfindet.

3. Gewähren Sie mehr Urlaubstage

Es ist ein Irrglaube, dass Menschen fünf Tage pro Woche über Jahre hinweg stetig durcharbeiten und sich dann in ihren maximal 30 Urlaubstagen erholen können. Ein moderner Arbeitgeber sollte ein aktives Zeichen setzen und den Mitarbeitern mehr Zeit für Familie, Hobbies oder auch für sich selbst zur Verfügung stellen. Dieses Signal kommt sicherlich bei den Mitarbeitern direkt und ungefiltert an.

4. Ermöglichen Sie eine freie Wahl des Arbeitsmodells

Stellen Sie Ihren Mitarbeitern frei, wann, wie oft und wie lange sie im Home-Office, am Standort oder auf der ganzen Welt in Form des mobilen Arbeitens tätig sein wollen. Wichtig ist doch, dass die Arbeit getan wird – nicht wo! Auch dieses Signal kommt direkt und ungefiltert auf dem Arbeitsmarkt an, das gilt als gesichert.

5. Jeder soll seine Rolle wählen dürfen

Wer mehrere Jahre als Senior Berater gearbeitet hat, möchte irgendwann Projektleiter werden. Wer mehrere Jahre Projektleiter war, möchte als Architekt oder auch in einer ganz anderen Rolle aktiv werden. Machen Sie es zum Standard im Unternehmen, dass die freie Wahl der Rolle Teil des Jobs ist. Die meisten Menschen wechseln das Unternehmen, weil ihnen ihre Routine in der Arbeit auf Dauer völlig die Motivation nimmt. Wäre es nicht ein besonderes Signal an Bewerber und Mitarbeiter, wenn Sie diesen Automatismus durchbrechen.

6. Setzen Sie auf freie Projektwahl

Wir alle sprechen seit Jahren davon, dass wir das passende Projektteam zusammenstellen und dem Kunden zur Verfügung stellen. Doch die Realität sieht oft so aus, dass wir die Mitarbeiter wählen, die Zeit haben, und uns ist völlig egal, ob das Team passt oder nicht – einzig alleine die Verfügbarkeit ist der Maßstab.

Kann das funktionieren mit der freien Projektwahl? Laufen nicht Leute weg und verliere ich als Arbeitgeber nicht zuviel Umsatz? Fakt ist: Auch im heutigen System ist die Fluktuation stark gestiegen, und es kostet sehr viel Zeit und Mühe neue zu gewinnen. Somit kann ein Chef mit diesen zugegebenermaßen radikalen Ansätzen nur gewinnen. Es werden sich auf einmal Kandidaten bewerben, die man so niemals auf dem Schirm hatte. Nur wer klare Kante zeigt, wird sichtbar. Und Sichtbarkeit ist eines der größten Probleme in der Mitarbeitergewinnung und das hat sich in den letzten fünf Jahren eher verschärft. (mp/fm)