Pandemie verändert Schulungsgeschäft

Training muss raus aus dem Silo

30.06.2022
Von 
Hans Königes ist Ressortleiter Jobs & Karriere und damit zuständig für alle Themen rund um Arbeitsmarkt, Jobs, Berufe, Gehälter, Personalmanagement, Recruiting sowie Social Media im Berufsleben.
Die wachsende Bedeutung von Aus- und Weiterbildung sowie selbstreguliertem und eigenverantwortlichem Lernen sind Entwicklungen, die das Trainingsgeschäft bestimmen werden.
Erst- und Weiterbildung müssen stärker zusammenfließen.
Erst- und Weiterbildung müssen stärker zusammenfließen.
Foto: maradon 333 - shutterstock.com

In einer Online-Konferenz skizzierten Markus Dohm, Bereichsvorstand TÜV Rheinland, und Dr. Hans Jörg Stotz, Vorstand der Festo Didactic SE, die Situation in der beruflichen Erstausbildung und im Weiterbildungsmarkt. Einig waren sich beide, dass die Digitalisierung im Bildungswesen durch Corona einen Riesenschub erfahren hat - und dass es auch kein Zurück mehr geben wird. Zumal es vor allem für die junge Generation selbstverständlich geworden ist, mit den neuen Medien umzugehen.

"Riesendruck" auf Ausbildung

Die gute Nachricht sei, so Stotz, dass "wir in Deutschland gut aufgestellt sind, was die berufliche Erstausbildung angeht", dass aber die Digitalisierung einen "Riesendruck" auf die Ausbildung ausübe. Unter anderem werde das Berufsbild des Elektrikers immer differenzierter ausgestaltet. Heißt, dass zusätzliche Ausbildungsmöglichkeiten entstünden – bei einer ständig abnehmenden Schülerabsolventenzahl. Zudem beobachtet der Vorstand von Festo Didactic in der ganzen westlichen Welt einen Trend weg von der beruflichen Ausbildung in Richtung Höherqualifizierung, sprich dualen Hochschulausbildungen.

Hans Jörg Stotz, Vorstand der Festo Didactic SE: "Erstausbildung und Studium müssen stärker zusammenwachsen."
Hans Jörg Stotz, Vorstand der Festo Didactic SE: "Erstausbildung und Studium müssen stärker zusammenwachsen."
Foto: Stotz - Festo Didactic SE

Sein Arbeitgeber habe gelernt, dass man die junge Generation anders ansprechen muss, als das früher der Fall war. Unternehmen und Aufgaben müssen attraktiv dargestellt werden. Zudem sollte man die Ausbildungen nicht mit zu vielen Inhalten überfrachten. Wichtig sei zudem ein professioneller Social-Media-Auftritt. Festo organisiert eine Nacht der Bewerber, in der sich Schüler und Eltern praxisnah über die Ausbildungsmöglichkeiten informieren können, und die Ausbilder stehen Rede und Antwort.

Hier habe ein Generationswechsel stattgefunden, der sich sehr positiv auswirkt. Die jungen Ausbilder sind sowohl ganz nah an der neuen Technik als auch am Nachwuchs. Den klassischen Ausbilder von früher, den gebe es nicht mehr. Bei der rasanten technischen Entwicklung könne der "Ausbilder nicht mehr der Superexperte sein", so Stotz. Sein Vorschlag: noch stärker auf Spezialisten aus der Industrie zuzugreifen.

Was in Schule und Betrieb zu kurz kommt

Die Berufsschule müsse eine Lernbegegnungsstätte werden, die öffentlich zugänglich ist, in der zum Beispiel das Equipment auch für andere außerschulischen Aktivitäten genutzt werden könne. Eine stärkere Kooperation fordert Stotz auch in der Ausbildung, berufliche Erstausbildung und das Ingenieurstudium müssten stärker zusammenwachsen, was zum Teil in Ansätzen passiere: "Wir müssen raus aus den Silos." Das gleiche gelte auch für die Erst- und die Weiterbildung, auch das sollte stärker ineinanderfließen.

Markus Dohm, Bereichsvorstand TÜV Rheinland: "Mitarbeiter müssen sich selbst Wissen aneignen können."
Markus Dohm, Bereichsvorstand TÜV Rheinland: "Mitarbeiter müssen sich selbst Wissen aneignen können."
Foto: Dohm - TÜV Rheinland Group

TÜV-Rheinland-Bereichsvorstand Dohm weist darauf hin, dass sich Ausbildungsstätten neben der fundierten Fachausbildung künftig verstärkt auch darum kümmern sollten, die Mitarbeiter zu befähigen, selbst Wissen anzueignen - "das kommt in Schule und Betrieb zu kurz". Schule und Arbeitgeber sollten den Freiraum dafür schaffen, dass sich Beschäftigte diese Kompetenzen aneigneten, denn künftig würden Firmen nicht in der Lage sein, alle Weiterbildungswünsche der Mitarbeiter zu erfüllen.

Er warnt aber auch davor, wie das häufig in der Vergangenheit passierte, Fortbildung nach dem Gießkannenprinzip zu praktizieren. Unternehmen sollten sehr wohl Kompetenzprofile ihrer Mitarbeiter erstellen, sich mit der Frage auseinandersetzen, welches Know-how in der Zukunft für die Firma wichtig ist, um dann gezielt die Schulung dafür zu entwickeln. (mp)