Cloud-Integration

Salesforce kauft Mulesoft für 6,5 Milliarden Dollar

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Cloud-Spezialist Salesforce übernimmt mit Mulesoft einen Anbieter von Integrationslösungen. Anwender sollen damit ihre On-premise-Infrastrukturen leichter mit Anwendungen aus der Cloud verknüpfen können.

Cloud-Spezialist Salesforce nimmt die größte Übernahme seiner Firmengeschichte in Angriff: Ziel ist der US-amerikanische Softwareanbieter Mulesoft. Der Kaufpreis soll rund 6,5 Milliarden Dollar in bar betragen, teilten die Salesforce-Verantwortlichen am 20. März mit. Das entspricht einem Aufschlag von 36 Prozent auf den Börsenwert vom Vortag. Kartellbehörden und Aktionäre müssen dem Deal noch zustimmen. Die Firmenführung von Mulesoft hat der Übernahme bereits zugestimmt.

Salesforce erweitert seine Cloud-Plattform durch einen weiteren Milliarden-Zukauf.
Salesforce erweitert seine Cloud-Plattform durch einen weiteren Milliarden-Zukauf.
Foto: NYCStock - shutterstock.com

"Salesforce und Mulesoft werden es Kunden ermöglichen, sämtliche Informationen in ihren Unternehmen miteinander zu verknüpfen, über alle Public- und Private-Cloud-Infrastrukturen sowie Datenquellen hinweg", erklärte Salesforce-CEO Marc Benioff. Das werde die Innovationsgeschwindigkeit in den Unternehmen deutlich erhöhen. Ins gleiche Horn stößt Mulesoft-Chairman und -CEO Greg Schott. Die Verknüpfung beider Lösungswelten könne die digitale Transformation der Kunden beschleunigen, weil diese nun in der Lage seien, Daten von verschiedensten Geräten und Applikationen zu verbinden und zu nutzen.

Integration Platform as a Service (IPaaS)

Mulesoft war 2006 in San Francisco zunächst unter dem Namen Mulesource mit einer Integrationslösung gestartet, die Software-as-a-Service-Anwendungen (SaaS) mit klassischer On-Premise-Software verbinden sollte. Im Laufe der Jahre entwickelte das Unternehmen seine Lösung zu einer Integration Platform as a Service (IPasS) weiter. Dreh- und Angelpunkt ist ein API-Hub mit mehr als 13.000 Schnittstellen. Mit Hilfe dieser Application Programming Interfaces sollen sich verschiedenste Datenquellen und Anwendungen verknüpfen lassen. Außerdem gibt es eine Entwicklungsumgebung, mit deren Hilfe Entwickler APIs ergänzen beziehungsweise eigene Schnittstellen bauen können. Für Schnittstellenanbieter offeriert Mulesoft eine Plattform, auf der diese ihre APIs anbieten können. Darüber hinaus stehen auf der Plattform verschiedene Werkzeuge zur Verfügung, die Partnern beispielsweise dabei helfen sollen, automatisch eine Dokumentation ihrer Schnittstellen zu erzeugen.

Salesforce-CEO Marc Benioff verspricht seinen Kunden mit dem Kauf von Mulesoft eine bessere Integration von On-Premise- mit Cloud-Anwendungen.
Salesforce-CEO Marc Benioff verspricht seinen Kunden mit dem Kauf von Mulesoft eine bessere Integration von On-Premise- mit Cloud-Anwendungen.
Foto: Salesforce / Jakub Mosur Photography

Mit "Mule" offeriert Mulesoft zudem ein Paket aus Enterprise Service Bus (ESB) und Integration-Framework. Die Plattform ist Java-basiert, kann aber laut Anbieter verschiedenste Plattformen wie .NET oder Web Services mit einander verbinden. Ein weiterer wichtiger Kernbestandteil der Integrationslösung ist "Anypoint Studio". Dabei handelt es sich um eine Entwicklungsumgebung, mit deren Hilfe sich sogenannte "Mule Flows" entwerfen, testen und betreiben lassen. Mit integriert sind verschiedene Security-Funktionen, um den Zugriff sowie die Transaktionen zwischen den per Mule verbundenen Applikationen abzusichern. Über die "Mule Management Console" erhalten Anwender einen Überblick über ihr gesamtes Mule-Repository beziehungsweise -Cluster.

Die Mulesoft-Plattform soll in die Salesforce Integration Cloud integriert und dort weiterentwickelt werden, hieß es in der offiziellen Ankündigung zum Deal. Inwieweit die knapp 1200 Mitarbeiter und das Management an Bord bleiben, ist noch nicht bekannt. Der Deal soll bis Ende Juli dieses Jahres abgeschlossen werden.

Shootingstar an der Börse

Mulesoft ist in den vergangenen Jahren, auch dank mehrerer Finanzierungsrunden durch Risikokapitalgeber, schnell gewachsen. Zu den Geldgebern stieß 2013 auch Salesforce. Zuvor hatte bereits SAP Ventures, der Venture-Capital-Arm des deutschen Salesforce-Konkurrenten Geld in Mulesoft investiert. Die damalige Bewertung des Software-Startups lag bei rund drei Milliarden Dollar. Im März 2017 folgte der Börsengang. Das Mulesoft-Papier legte einen furiosen Start auf dem Parkett hin. Die Aktie schoss gleich am ersten Tag um 50 Prozent in die Höhe. Bei einem Ausgabepreis von 17 Dollar und 13 Millionen Aktien nahm das Softwareunternehmen 221 Millionen Dollar ein.

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Ob die Akquisition ein Erfolg wird, hängt auch davon ab, wie sensibel Salesforce auf die Anliegen der Mulesoft-Kunden reagiert. Mulesoft versorgt eigenen Angaben zufolge weltweit rund 1200 Anwenderunternehmen mit seinen Integrationslösungen, darunter klangvolle Namen wie Barclays, Coca Cola und Unilever. Auch größere Unternehmen bauen auf Mulesoft. Die Zahl der Kunden, die Verträge mit einem Jahresvolumen von über einer Million Dollar unterhielten, ist Mulesoft zufolge 2017 auf 45 gestiegen. Ein Jahr zuvor waren es 30 Unternehmen.

Wie unabhängig bleibt die Mulesoft-Plattform?

Experten zufolge konnte Mulesoft in der Vergangenheit vor allem mit seiner Unabhängigkeit punkten - gerade für einen Integrationsanbieter ein wichtiger Aspekt in den Verhandlungen mit den Kunden. Es bleibt abzuwarten, in welchem Maß diese Unabhängigkeit gewahrt wird, beziehungsweise wie stark Mulesoft in den Salesforce-Kosmos eingebaut wird. Konkurrenten im Geschäft mit Integrationslösungen rund um die Cloud sind beispielsweise Dell Boomi, Informatica und SnapLogic.

Salesforce selbst arbeitet mit Hochdruck daran, seine Cloud-Plattform immer weiter auszubauen. Längst geht es dabei um mehr als reine Customer-Relationship-Management-Lösungen (CRM), mit denen der Cloud-Spezialist um die Jahrtausendwende gestartet war. In den vergangenen Jahren hatte Salesforce bereits mehrere große Deals getätigt: 2013 wurde beispielsweise mit ExactTarget ein Spezialist für Digital Marketing Automation für 2,5 Milliarden Dollar übernommen, 2016 folgten mit Demandware (2,8 Milliarden Dollar) ein Anbieter für eCommerce-Systeme, mit Quip (582 Millionen Dollar) verschiedene Productivity- und Collaboration-Tools und mit Krux (700 Millionen Dollar) ein weiterer Anbieter für Marketing-Automatisierung. Darüber hinaus sucht Salesforce Kooperationen mit anderen großen Cloud-Anbietern wie IBM und Google - unter anderem um die eigene Plattform funktional beispielsweise in Sachen Künstliche Intelligenz (KI) auszubauen (IBM) sowie die Basis für seine Cloud-Infrastruktur zu erweitern (Google).

Seine Jahreskonferenz, die Dreamforce, feiert Salesforce als großes Festival und mobilisierte dafür zuletzt im November 2017 rund 170.000 Besucher.
Seine Jahreskonferenz, die Dreamforce, feiert Salesforce als großes Festival und mobilisierte dafür zuletzt im November 2017 rund 170.000 Besucher.
Foto: Salesforce / Jakub Mosur Photography

Nun wird auch Mulesoft ein Teil des Salesforce-Kosmos. Das Unternehmen hat kürzlich Zahlen für sein Geschäftsjahr 2017 gemeldet. Der Umsatz belief sich auf 296,5 Millionen Dollar, ein Plus von 58 Prozent gegenüber dem Vorjahr. Den Löwenanteil der Einnahmen machten mit 238 Millionen Dollar Subscription- und Support-Erlöse aus. Der Rest geht größtenteils auf das Konto von Professional Services. Unter dem Strich schreibt das Unternehmen allerdings nach wie vor rote Zahlen. Der Verlust lag bei fast 80 Millionen Dollar, nach einem Minus von annähernd 50 Millionen Dollar im Fiskaljahr 2016.

Salesforce peilt 20 Milliarden Dollar Jahresumsatz an

Auch Salesforce meldete über viele Jahre hinweg Verluste, schreibt aber mittlerweile schwarze Zahlen. Im Ende Januar abgelaufenen Fiskaljahr 2017/18 stand unter dem Strich ein Plus von knapp 127,5 Millionen Dollar (Vorjahr: plus 179,6 Millionen Dollar). Den Umsatz konnte der Cloud-Spezialist im Jahresvergleich um ein Viertel auf fast 10,5 Milliarden Dollar steigern. Die Ambitionen reichen jedoch deutlich weiter, wie kürzlich Chief Operating Officer (COO) und Vice Chairman Keith Block durchblicken ließ. Im laufenden Fiskaljahr sollen sich die Einnahmen bereits auf 12,5 Milliarden Dollar summieren und mittelfristig will der Softwareanbieter dann sogar die 20-Milliarden-Dollar-Marke überwinden.

Keith Block, COO von Salesforce, sieht den Cloud-Spezialisten in einer Schlüsselrolle bei vielen Digitalisierungsprojekten.
Keith Block, COO von Salesforce, sieht den Cloud-Spezialisten in einer Schlüsselrolle bei vielen Digitalisierungsprojekten.
Foto: Salesforce

Um diese Ziele zu erreichen, will sich Salesforce in eine Schlüsselposition bei den Digitalisierungsprojekten seiner Kunden bringen. Wichtigste Ansprechpartner dabei sind laut Block die Firmenchefs selbst. Treiber des digitalen Wandels müsse der CEO sein, stellte er klar. "Technologie zu ignorieren heißt die Zukunft zu ignorieren." Block zufolge gibt es keinen progressiven und zukunftsorientierten CEO, der nicht über Technik nachdenkt.