Round Table Robotic Process Automation

RPA demokratisiert die IT

12.03.2020
Von 
Florian Stocker ist Journalist in München.
Robotic Process Automation gilt für viele Unternehmen als Fluch und Segen zugleich. RPA-Bots und andere Low-Code-Lösungen haben zwar einerseits das Potenzial, menschliche Arbeitskraft in produktivere Bahnen zu lenken, bilden andererseits aber auch einen Anreiz, lediglich den Status quo zu verwalten und fundamentale Transformationsprojekte gar nicht erst anzugehen.

Wer einer Diskussion zum Thema Robotic Process Automation (RPA) beiwohnt, stellt schnell fest: Es geht zwangsläufig um Konkretes. Während andere Trendthemen wie Modern Workplace oder Künstliche Intelligenz (KI) mmer auch ein bisschen von Traumszenarien und Utopien leben, spielen sich RPA und Process Mining im Hier und Jetzt ab. Die Technologien sind da und werden vor allem in großen Unternehmen bereits im produktiven Alltag eingesetzt. Bis zu 20 automatisierte Prozesse sind laut der jüngsten RPA-Studie von IDG bei Konzernen und Mittelständlern in Betrieb. Wie sehr das Thema aber gleichzeitig polarisiert, sieht man daran, dass ein Viertel der befragten Unternehmen gar keinen Bedarf an robotergestützter Automation sieht.

 Zum Thema Robotic Process Automation diskutierten Fachleute, Beratungshäuser und Lösungsanbieter (v.l.n.r.): Roman Schäfer (Blue Reply), Andreas Zehent (Deloitte), Dr. Rami-Habib Eid-Sabbagh (Lana Labs), Jan Wunschick (Lufthansa Industry Solutions), Alexander Steiner (meta:proc), Timo Nolle (PAFnow), Jörg Richter (Pegasystems), Julian Beckers (Weissenberg Business Consulting).
Zum Thema Robotic Process Automation diskutierten Fachleute, Beratungshäuser und Lösungsanbieter (v.l.n.r.): Roman Schäfer (Blue Reply), Andreas Zehent (Deloitte), Dr. Rami-Habib Eid-Sabbagh (Lana Labs), Jan Wunschick (Lufthansa Industry Solutions), Alexander Steiner (meta:proc), Timo Nolle (PAFnow), Jörg Richter (Pegasystems), Julian Beckers (Weissenberg Business Consulting).
Foto: Michaela Handrek-Rehle

Das ist eine Polarisierung, die mitunter gar nicht sein muss, wie die geladenen Branchenvertreter befinden, die beim IDG-Roundtable zu diesem Thema diskutierten. Schließlich geht es meistens nicht darum, das Rad völlig neu zu erfinden, sondern einen gewissen Pragmatismus und einen Sinn für das Machbare zu entwickeln.

"Erfolgreiches RPA ist für mich, wenn wir eine gut einsetzbare, verständliche und portionierbare Lösung vorlegen können, die für sich funktioniert", betont Julian Beckers, Managing Director bei der Weißenberg Group. "Auf CIO-Ebene muss immer alles gleich in große Gesamtlösungen integriert sein und reibungslos darin aufgehen. Die Realität sieht aber häufig anders aus. Wir unterliegen im Alltag natürlich vielen technologischen Beschränkungen und müssen mit dem arbeiten, was wir haben."

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Robotic Process Automation - Einfachheit als Stärke

Ist Robotic Process Automation also nur ein kleiner Baustein bei der Verwaltung des Status quo, während die digitale Transformation selbst von ganz anderen Technologien befördert wird? Das mag stimmen, wenn man rein auf die Technologie blickt. Nachdem "Softwareroboter" ihrer Definition nach lediglich am User Interface andocken und dort eine menschliche Interaktion nachahmen, ist ihr architektonisches Veränderungspotenzial naturgemäß begrenzt. Der Prozess bleibt der gleiche und läuft lediglich schneller ab.

Diese "Einfachheit" ist allerdings auch die große Stärke von RPA. Denn im Gegensatz zu hochkomplexen automatisierten Lösungen, die hauptsächlich im Backend ablaufen und eine fundamentale Veränderung für die gesamte IT-Organisation bedeuten, sorgen robotergestützte Prozesse für mehr Effizienz im bestehenden Betrieb und fügen sich dadurch auch leichter in die "menschliche" Arbeit ein. Sie unterstützen die Mitarbeiter in der täglichen Arbeit und übernehmen vor allem anspruchslose Routinearbeiten. Hochbezahlte Fachkräfte können sich wichtigeren Aufgaben widmen und ihre Ressourcen noch gewinnbringender einsetzen.

RPA ist Demokratisierung von IT

RPA stößt so viel schneller auf Akzeptanz im Unternehmen, weil sie auch von Mitarbeitern außerhalb der IT-Abteilung verstanden wird. Sie sorgt so auch für mehr prozessuales Verständnis zwischen den Fachabteilungen und bringt die IT in die Mitte des Unternehmens, wie Andreas Zehent von Deloitte bemerkt: "Wir reden viel zu selten über das verbindende Element von Transformationstechnologien wie Robotic Process Automation und Process Mining. Sie bringen verschiedene Leute eines Unternehmens an einen Tisch, verbinden Disziplinen und schaffen dadurch Innovation. Das macht sie super hilfreich, wenn es darum geht, Diskussionen rund um die digitale Transformation anzustoßen."

Aus diesem Blickwinkel ist RPA also viel mehr als nur ein Baustein, sondern spielt sogar eine Schlüsselrolle als Enabler der digitalen Transformation. "Low-Code-Technologien wie BPMS und RPA bedeuten auch: Democratization of Technology. In Zukunft werden Nutzer dadurch in die Lage kommen, ihre Arbeit selbst zu automatisieren und einen Beitrag zur digitalen Transformation zu leisten. Und am Ende, so viel ist sicher, muss es immer um den Menschen gehen", so Zehent.

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Sinnvolle Einpassung von RPA in die Gesamtinfrastruktur

Und Roman Schäfer von Blue Reply merkt an, dass Robotic Process Automation zwar nur einen Teil der Unternehmens-IT bildet, jede Organisation es aber selbst in der Hand hat, wie wichtig dieser Teil ist: "Erfolgreiche RPA muss zwei Faktoren erfüllen: Erstens muss sie die Business User enablen, eigene Prozesse zu automatisieren. Und zweitens muss sie als tragender Baustein in die Gesamtinfrastruktur passen."

Dabei steht für ihn allerdings zweifelsfrei fest, dass RPA immer ihre unterstützende Funktion behalten wird. "Auch in Zukunft werden wir es nicht ausschließlich mit Bots zu tun haben. Der Intellekt von Mitarbeitern wird ein unverzichtbarer Bestandteil der Prozesskette bleiben", führt Schäfer weiter aus.

Studie "Robotic Process Automation": Partner gesucht

Zum Thema Robotic Process Automation führt die COMPUTERWOCHE derzeit eine Multiclient-Studie unter IT-Entscheidern durch. Haben Sie Fragen zu dieser Studie oder wollen Sie Partner werden, dann hilft Ihnen Frau Jessica Schmitz-Nellen (jschmitz-nellen@idg.de, Telefon: 089 36086 745 ) gerne weiter. Informationen zur RPA-Studie finden Sie auch hier zum Download (PDF).

Robotic Process Automation - Bot-zu-Bot-Kommunikation vermeiden

Ein Begriff, der in der Diskussion immer wieder fällt, ist der des "Bot-Molochs", also eine Situation, in der ein robotergestützter Prozess an einen oder mehrere weitere andockt - spätestens dann ist für viele eine Grenze überschritten, ab der RPA auch zu Chaos führen kann. Robotic Process Automation darf vor allem nicht zum Hinderungsgrund für womöglich sinnvollere Transformationsprojekte werden. Es gilt also, immer von Prozess zu Prozess zu denken und stets die Sinnhaftigkeit von Bots zu hinterfragen. Alexander Steiner von meta:proc beschreibt es noch deutlicher: "RPA kann ein wichtiger Bestandteil einer Digitalisierungsstrategie sein und Lücken im Alltag stopfen. Sie ist aber keine Lösung für das große Ganze."

Die Einführung robotergestützter Prozesse bewegt sich also stets im Grenzbereich zwischen "Weiter so" und "Alles neu". Während ein einzelner automatisierter Prozess spürbare Effizienzsteigerungen hervorbringen kann, kann ein zweiter schon wieder das Gegenteil bewirken - Verwaltung der Legacy statt fundamentale Erneuerung.

Robotic Process Automation und Process Mining gehören aus diesem Grund zwingend zusammen, wie Rami-Habib Eid-Sabbagh von Lana Labs feststellt: "Es ist wichtig, die gesamten Prozesse end-to-end zu erfassen: RPA kann Prozesse beschleunigen, aber auch verzögern, je nachdem, ob sie richtig umgesetzt wird. Wird einfach so loslegt, könnten essenziell wichtige Faktoren übersehen werden. Somit droht die Gefahr, dass einfach nur der Nebenarm eines Prozesses optimiert und der eigentliche Fehler nicht erkannt wird. Wenn ich diesen Fehler aber finde und eliminiere, wird mitunter der ganze Prozess obsolet. Hierin liegen das große Potenzial und der Mehrwert des Process Mining." (hi/fm)

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