IT-Professorinnen

"Nur nett sein funktioniert nicht"

09.06.2020
Von 
Karriere in der IT ist ihr Leib- und Magenthema - und das seit 20 Jahren. Langweilig? Nein, sie entdeckt immer neue Facetten in der IT-Arbeitswelt und im eigenen Job. Sie recherchiert, schreibt, redigiert, moderiert, plant und organisiert.
In der IT-Wirtschaft und auch der IT-Wissenschaft sind Top-Positionen selten mit Frauen besetzt. Dabei biete die Informatik beste Chancen, sind die Professorinnen Claudia Linnhoff-Popien und Katharina Zweig überzeugt.

Katharina Zweig und Claudia Linnhoff-Popien gehören zur Minderheit der Informatikprofessorinnen in Deutschland, die große Lehrstühle leiten und viele Industriekooperationen verantworten. Zweig, die am Fachbereich Informatik der TU Kaiserslautern das Algorithm Accountability Lab leitet, arbeitet von jeher interdisziplinär - nicht nur in ihren angestammten Fächern Biochemie und Informatik, sondern sie hat auch in Physik, Psycho­logie und den Sozialwissenschaften geforscht.

"Das ist heute genau der richtige Ansatz, um Phänomene der Digitalisierung besser zu untersuchen, die durch eine Mischung aus menschlicher Psycho­logie und Software entstehen", sagt Zweig.

"Wer Software gut baut, kann die Welt ein Stück besser machen"

Für die Wissenschaftlerin ist "Informatik ein Fach, das wenig auf das Geschlecht achtet. In der akademischen Informatikwelt geht es immer um die Frage: Was hast du fachlich drauf? Alle gehen frei, manchmal etwas unverblümt miteinander um. Damit muss man umgehen können, aber hier hilft eine gewisse Hemdsärmeligkeit."

Katharina Zweig, Professorin an der TU Kaiserslautern: "In der Informatik geht es darum, was du fachlich drauf hast. Es wird wenig auf das Geschlecht geachtet."
Katharina Zweig, Professorin an der TU Kaiserslautern: "In der Informatik geht es darum, was du fachlich drauf hast. Es wird wenig auf das Geschlecht geachtet."
Foto: Felix Schmitt

Darum kann Zweig "Informatik nur empfehlen, da es ein Feld mit sehr abwechslungsreichen Tätigkeiten ist - von viel Kundenkontakt bis hin zur ungestört arbeitenden Analystin ist alles dabei." Die Arbeit lässt sich flexibel einteilen und eignet sich oft für Home-Office-Lösungen. Katharina Zweig ist überzeugt, dass die Informatik darüber entscheiden werde, wie wir als Gesellschaft zusammenleben wollen: "Wer Software gut baut, kann die Welt ein Stück besser machen. Das ist eine wunderbare Mission!"

"So viel wie nötig, so wenig wie möglich"

Auch Claudia Linnhoff-Popien, Inhaberin des Lehrstuhls für Mobile und Verteilte Systeme an der LMU in München, wirbt für ihr Fach: "Informatik verzeiht keine Fehler. Es gibt nur richtig oder falsch. Eine Grundvoraussetzung für den Erfolg ist es darum, genau und analytisch zu arbeiten." Und das sei keine Frage des Geschlechts.

Claudia Linnhoff-Popien, Inhaberin des Lehrstuhls für Mobile und Verteilte Systeme an der LMU: "Informatik verzeiht keine Fehler. Es gibt nur richtig oder falsch."
Claudia Linnhoff-Popien, Inhaberin des Lehrstuhls für Mobile und Verteilte Systeme an der LMU: "Informatik verzeiht keine Fehler. Es gibt nur richtig oder falsch."
Foto: Ludwig-Maximilians-Universität München

Aufgewachsen in der DDR, erfuhr Linnhoff-Popien dies schon als Schülerin und Studentin. Sie gewann Matheolympiaden und überzeugte durch ihre fachliche Kompetenz. Ein sehr guter Abschluss ebnete ihr den Weg in die Promotion, und auf Konferenzen präsentierte sie ihre Forschungsergebnisse überzeugend. Ihren Lehrstuhl baute sie Schritt für Schritt aus, heute arbeiten dort 20 Vollzeit- und 20 Teilzeitkräfte. Drei Viertel der Stellen finanzieren sich über Drittmittelprojekte. In den Kooperationen mit Unternehmen zählen laut Linnhoff-Popien "die Leistung und der Erfolg eines Projekts - auch, wie schnell es umgesetzt wurde".

Wer den Schritt vom Experten zum Leader schaffen will, müsse sich in dieser Kultur zurechtfinden, so Linnhoff-Popien: "Nur nett sein funktioniert in der Führungsrolle nicht. Ergebnisse sind die Messlatte. Als Führungskraft muss ich klare Ansagen machen, muss verbindlich und transparent sein sowie einfache Regeln und klare Strukturen schaffen." In Sachen Selbstmarketing empfiehlt sie ein dosiertes Vorgehen: "So viel wie nötig, so wenig wie möglich. Das Ziel ist, zu schauen, dass man fachlich sehr gut ist und dieses Können gut präsentiert. Der Rest kommt von selbst."

Nichts zu berichten?

Katharina Zweig rät indes zur Werbung: "Wer nicht über seine persönlichen Erfolge berichten will, der sollte bedenken, dass diese Werbung für die eigenen Mitarbeiter und Mitarbeiterinnen wichtig ist. Diese Perspektive hilft vielen Frauen, die notwendige Eigenwerbung zu machen. In einem kompetitiven Umfeld ist es für die persönliche Sichtbarkeit und das berufliche Fortkommen wichtig, die Fakten immer wieder zu kommunizieren. Männer nehmen an, dass wer nichts berichtet, wohl auch nichts zu berichten hat."

Ein Netzwerk sei ebenso wichtig, so Katharina Zweig weiter: "Solange es noch wenige Frauen in einem beruflichen Umfeld gibt - an unserer Hochschule haben Frauen nur 15 Prozent der unbefristeten Professuren inne -, hilft es, wenn sich die Frauen über Fachgrenzen hinweg vernetzen." Die Professorinnen treffen sich zweimal im Semester, tauschen Best Practices aus und entdecken Synergien über die Fakultäten hinweg. "Netzwerke für Minderheiten eröffnen für die gesamte Organisation Chancen. Löse ich ein Problem für die Minderheit, profitiert auch die Mehrheit davon", ist Zweig überzeugt.

Katharina Zweig

Katharina Zweig lehrt Informatik an der TU Kaiserslautern und leitet dort das Algorithm Accountability Lab. Sie ist als Expertin für Bundesministerien tätig, Mitglied der Enquete-Kommission des Bundestages zum Thema Künstliche Intelligenz und Gründerin eines Startups, das in Sachen KI berät. 2013 rief sie den Studiengang Sozio­informatik ins Leben, der hinterfragt, wie Software das menschliche Verhalten ändert. In ihrem aktuellen Buch "Ein Algorithmus hat kein Taktgefühl" erklärt sie nachvollziehbar KI und deren Auswirkungen auf unseren Alltag. Insbesondere Frauen will Zweig damit die Angst vor dem Begriff nehmen.

Claudia Linnhoff-Popien

Claudia Linnhoff-Popien forscht an der Ludwig-Maximilians-Universität München zu Mobilität, Verteilten Systemen und Ubiquitous Computing, Internetökonomie und Dienstvermittlung. Seit 2003 hat sie den Lehrstuhl für Mobile und Verteilte Systeme am Institut für Informatik inne, der sich unter ihrer Ägide zu einem der größten IT-Lehrstühle entwickelte. Drei Viertel der Mitarbeiterstellen finanzieren sich über Kooperationen mit der Industrie. Linnhoff-Popien ist Initiato­rin und Vorstandsvorsitzende des Vereins Digitale Stadt München und leitet das Innovationszentrum Mobiles Internet.