Gartner Digitopia 2035

3 Szenarien für die digitale Gesellschaft

31.12.2019
Von   
Bettina Tratz-Ryan ist Research Vice President und verantwortlich für Gartners Empfehlungen zu den digitalen Transformationsthemen Intelligente Geschäftsfelder und Smart Cities sowie Industrie 4.0.
Das Narrativ der Globalisierung ist unter Druck. Gartners Studienprojekt Digitopia 2035 entwirft Szenarien, mit denen Unternehmen die Arbeit an der Zukunft schon heute beginnen können.

"Wie wird das Leben im Jahr 2035 aussehen?" Diese Frage haben wir von Gartner Menschen aus unserem Netzwerk gestellt und sie gebeten, in Form einer Geschichte zu antworten. Aus den 94 Einsendungen aus 26 Ländern haben wir drei Themenkomplexe identifiziert. Doch die Szenarien weisen nicht nur in die Zukunft, sondern spiegeln auch den aktuellen Zeitgeist wider. Führungskräften bietet sich damit eine Perspektive auf die langfristigen Anforderungen und auf die Veränderungsbereitschaft in Unternehmen.

Statt auf immer mehr Verbindungen zu setzen, sollten Unternehmen sich auf den Aufbau von tieferen, sinnvolleren, lokalen und kontextabhängigen Verbindungen konzentrieren.
Statt auf immer mehr Verbindungen zu setzen, sollten Unternehmen sich auf den Aufbau von tieferen, sinnvolleren, lokalen und kontextabhängigen Verbindungen konzentrieren.
Foto: Photon photo - shutterstock.com

Die drei Szenarien, die sich aus der Umfrage ergeben haben, lassen sich unter den Schlagwörtern kleinere Netzwerke, Bequemlichkeit und Nachhaltigkeit subsumieren. Was ist damit gemeint?

Szenario 1: Netzwerke - weniger kann mehr sein

Unsere Vorstellung von der globalisierten Welt lautet gemeinhin, dass sich alles mit allem weitläufiger vernetzt und die Globalisierung unaufhörlich voranschreitet. Die Geschichten, die im Rahmen von Digitopia 2035 erhoben wurden, deuten aber auf ein anderes Bedürfnis hin: Das Verlangen nach kleineren Kreisen und überschaubareren Netzwerken wächst. Einige Geschichten beschreiben die Entstehung einer stärker lokalisierten Wirtschaft. Viele entwerfen das Bild einer gleichsam in die Zukunft gerichteten Nostalgie. Die Menschen scheinen auf der Suche nach realeren und sinnerfüllteren Kontakten zu sein.

Menschen werden künftig in allen privaten und beruflichen Aktivitäten durch Technologien unterstützt, beim Einkaufen, bei der Autofahrt, oder auch in der Industrie in der Definition von Wertschöpfungsketten. Durch 3D-Druck werden alle möglichen Gegenstände des täglichen Gebrauchs gedruckt, bis hin zu Ersatzteilen und Lebensmitteln. Von denen möchte man genau wissen, woher und wie sie in unsere Läden kommen. Diese Sehnsucht entsteht aus dem Zeitgeist des Jetzt und Hier im Jahr 2019.

Der zunehmende Preiskampf um Lebensmittel reduziert unsere Auswahl an Lieferanten: Die Hälfte unserer Lebensmittel kommt im Durchschnitt von zwölf Lebensmittelketten, die Ware und Produkte von zehn Herstellern beziehen, die wiederum Saatgut von drei Firmen kaufen. Vor diesem Hintergrund kommen gerade hier in Deutschland vermehrt Fragen zu Ursprung und ökologischen Gesichtspunkten unserer Lebensmittel auf.

Es besteht die Gefahr, dass wir uns auf eine weniger freie Welt zubewegen, in der die Zugehörigkeit zu einem Ökosystem die Teilnahme an einem anderen ausschließt. Auch Angst ist ein Treiber. Viele Menschen scheinen sich nach einer kleineren, weniger komplexen Welt zu sehnen, die sich leichter kontrollieren lässt.

Szenario 2: Eine Frage der Bequemlichkeit

Viele der Digitopia-2035-Geschichten beschäftigen sich mit der Rolle der Technologie. Insbesondere geht es darum, dem Menschen das Leben zu erleichtern. Wir verlassen die üblichen Gleise und entwickeln neue Ideen meist aus dem Grund, uns bestimmte Arbeiten zu ersparen. Menschen werden durch KI durch ihren Tag begleitet, das beginnt schon mit dem richtigen Zeitpunkt des Aufstehens, der Zusammensetzung von Mahlzeiten gemäß des Aktivitätenlevels und den gesundheitlichen Checks durch Sensoren und Analysen.

Die Erstellung eines persönlichen digitalen Zwillings wird es ermöglichen, dass Algorithmen, die zunächst nur das individuelle Verhaltensmuster erlernen, einzelnen Menschen dann dediziert und kontextbasiert Empfehlungen und Conciergedienste anbieten. Allerdings kann dadurch, dass diese Interaktion zwischen Algorithmus, dem individuellen digitalen Zwilling und den Empfehlungen immer persönlicher zugeschnitten wird, aus der Komfortblase bald eine Bequemlichkeitsblase entstehen. Dadurch verliert der Mensch die Fähigkeit, über den Horizont zu schauen, es besteht die Gefahr, dass Entwicklung und Fortschritt abnehmen, weil zu sehr auf Bequemlichkeit optimiert wird.

Für CIOs und IT-Führungskräfte ist es auf den ersten Blick positiv, dass Geschäftsbereiche und Marketing nicht nur Daten zur Kundengewinnung ausbauen, sondern auch Kunden und Märkte dadurch aktiv beeinflussen können. Für innovative, wettbewerbsorientierte Fähigkeiten jedoch muss man wirklich die nächsten Trends und Interaktionen am Markt, mit der Zusammensetzung der Wertschöpfung von Produkten und Lieferketten, erkennen. Die Beeinflussung durch Daten und Algorithmen darf nicht zu einer Blindheit gegenüber dem Markt führen.

Wem nutzt diese Entwicklung am Ende wirklich? Dem Verbraucher oder dem Anbieter einer Dienstleistung bzw. eines Produkts? Wer überwacht all die damit verbundenen Daten und kontrolliert so vielleicht sogar unser Verhalten - und zu welchem Zweck?

All das wirft die Frage auf, ob es bei der Entwicklung neuer Technologien nicht immer nur um die Maximierung der Bequemlichkeit gehen sollte. Sollte Technologie den Menschen stattdessen nicht eher erlauben, ganz neue Dinge möglich zu machen?

Szenario 3: Für eine nachhaltige Gesellschaft

Gerade in der Zeit der Globalisierung, dem mangelnden Vertrauen in Regierungsvertreter sowie in Partner im Markt spielt die nachhaltige Entwicklung in der Gesellschaft eine wichtige Rolle. Diese Sustainable Development Goals waren in diesem Szenario eindeutig kein CIO- oder IT-Leader-Thema. Es bedarf vielmehr eines öffentlichen Diskurses; dabei machen IT und Technologie einige Themen effizienter oder lassen auch neue Lebensweisen und Handlungsfelder enstehen.

Die Diskussion mündet nicht selten in einem Dilemma: So wurde im Szenario der kleinen Netzwerke einerseits klar, dass die Menschen sich auf die Regionalität und Reinheit ihrer Lebensmittel besinnen. Unter Nachhaltigkeitsaspekten muss aber andererseits auch das stetige Bevölkerungswachstum befriedigt werden. Dies könnte z.B. nur mit neuen, genetisch modifizierten Getreidearten bewältigt werden. Hier gibt es kein richtig oder falsch mehr, die Argumente sind bestimmt durch die Möglichkeiten des Einzelnen, sich an diesem gesellschaftlichen Diskurs zu beteiligen.

Die Geschichten der Studienteilnehmer zeigen, dass der Trend zur Nachhaltigkeit, der Mitte der 2000er Jahre einen ersten Höhepunkt erreichte, mehr ist als nur ein Hype. Die Krise von 2008 mag das Thema vorübergehend auf Eis gelegt haben, aber der Wunsch nach einer nachhaltigeren Gesellschaft blieb bestehen. Für die kommenden Jahre scheint er aktueller denn je. Dabei deutet das Feedback der Beteiligten auf ein breites Maß an Optimismus hin - viele gehen davon aus, dass wir mit Hilfe von Technologien eine nachhaltigere Gesellschaft schaffen können.

Alle drei Szenarien von Digitopia 2035 werfen verschiedene Perspektiven auf eine imaginäre Zukunft. Sie korrespondieren dabei sehr gut mit den Ergebnissen der Gartner-Umfrage von 2018 zu Verbraucherwerten und -Lebensstil. Nach dieser schätzen Verbraucher vor allem Komfort, Entspannung und Sicherheit. Faktoren, die eng miteinander verbunden sind.

Beide Studien liefern Unternehmen damit Wissen über die tieferen Bedürfnisse ihrer Kunden, Mitarbeiter, Aktionäre und Mitbürger. Sie können ihnen helfen, ihre Organisation in einer zukünftigen digitalen Gesellschaft zu verorten. Sie liefern Unternehmen schon heute Antworten auf die drei wesentlichen Fragen, auf der ein zukünftiger digitaler Gesellschaftsvertrag gründen muss:

  • Was ist ihr Beitrag zu dieser Gesellschaft?

  • Für welche Wert stehen sie ein?

  • Was macht sie einzigartig?