Zwei Frauen wollen nach oben

Das Ziel ist C-Level

29.04.2020
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Schreibt und bearbeitet Führungs- und Karrierethemen - in der Redaktion von CIO-Magazin und COMPUTERWOCHE. Ihre Schwerpunkte sind CIOs, IT-Arbeitsmarkt, Recruiting, Freiberufler, Aus- und Weiterbildung, IT-Gehälter, Work-Life-Balance, Employer Branding, Führung und und und.  Wenn sie nicht gerade Projekte wie den "CIO des Jahres" betreut. Hofft auf mehr Frauen in der IT.
Angelica Timofte von Merck gewann 2016 den Young Talent Award, Julia Marhan von B.Braun Melsungen 2018 den CIO Executive Award. Beide Managerinnen setzen Kurs auf oberste Führung.
Julia Marhan, B. Braun Melsungen, gewann 2018 den CIO Executive Award der CIO-Stiftung.
Julia Marhan, B. Braun Melsungen, gewann 2018 den CIO Executive Award der CIO-Stiftung.
Foto: Foto Vogt

"Da oben möchte ich auch einmal stehen," kommentierte Julia Marhan spontan, als 2018 zwei Top-CIOs auf die Bühne kamen und ihre Pokale entgegennahmen. Es war der Gala-Abend vom IT-Wettbewerb "CIO des Jahres", der die besten IT-Chefs im deutschsprachigen Raum auszeichnet. Jutta von Mikusch-Buchberg gewann damals für Premium AEROTEC in der Kategorie Großunternehmen, Brigitte Falk für CRONIMET im Mittelstand. Aber auch Marhan gehörte an jenem Abend zu den Gewinnern, denn im Rahmen der Gala wurde ihr der "CIO Executive Award" verliehen. Dieser Preis wird von der CIO-Stiftung ausgelobt und beinhaltet ein berufsbegleitendes MBA-Studium an der WHU Otto Beisheim School of Management und der Kellogg School of Management.

Frauenpower: Julia Marhan, B. Braun Melsungen (2. v. li.), gewann 2018 den CIO Executive Award. Hier im Bild mit TV-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein (li.) sowie Jutta von Mikusch-Buchberg (2. v. re.) und Brigitte Falk (re.), die beim "CIO des Jahres 2018" mit Top-Platzierungen nach Hause gingen.
Frauenpower: Julia Marhan, B. Braun Melsungen (2. v. li.), gewann 2018 den CIO Executive Award. Hier im Bild mit TV-Moderatorin Katrin Müller-Hohenstein (li.) sowie Jutta von Mikusch-Buchberg (2. v. re.) und Brigitte Falk (re.), die beim "CIO des Jahres 2018" mit Top-Platzierungen nach Hause gingen.
Foto: Foto Vogt

Seitdem sind fast zwei Jahre vergangen, inzwischen ist Marhan im letzten Semester des Executive-Education-Programms und schreibt an ihrer Masterarbeit. Darin soll es um die kulturellen Veränderungen in Unternehmen in Zeiten der Digitalisierung gehen.

In die IT gerutscht

Ursprünglich hatte Marhan (40) Betriebswirtschaft studiert, rutschte dann in einer früheren Position bei Nestlé über ein SAP-Implementierungsprojekt in die IT und ist dabei geblieben. Gut dreieinhalb Jahre war sie anschließend als Consultant bei IBM tätig, bevor sie 2010 zu B. Braun Melsungen kam. Bei dem hessischen Pharma- und Medizintechnik-Konzern ist sie inzwischen als Director Business Consulting & Enterprise Architecture zuständig für die globale Standardisierung und Harmonisierung der Unternehmensprozesse mit Hilfe von SAP S/4 im Rahmen der Digitalisierungs-Offensive des Unternehmens.

Die Managerin vergleicht ihren Job mit dem eines Stadtplaners, der beispielsweise entscheiden muss, wo und wie ein Fußballfeld oder ein Hochhaus entstehen soll. "Als Enterprise Architect muss man entscheiden, welche Software wo eingesetzt werden soll und dafür sorgen, dass kein Wildwuchs an Technologie im Unternehmen entsteht." Also lieber eine oder zwei Lösungen betreiben, statt zehn unterschiedliche, sonst leidet die Kosteneffizienz.

Zwischen IT und Business vermitteln

Ihre Ausbildung als Betriebswirtin kommt Marhan im Job zu Gute, denn sie versteht beide Seiten: die IT und das Business. "Ich war nie ein richtiger Techie, aber ich verstehe die Prozesse und sehe mich als Vermittlerin zwischen den Welten." Und sie ist stolz darauf, dass sie mit ihrer Arbeit bei B.Braun Melsungen dazu beiträgt, die Gesundheit von Menschen auf der ganzen Welt zu schützen und zu verbessern.

Marhan möchte ganz klar Verantwortung im Unternehmen übernehmen: "Dazu gehört mehr, als nur die Technologie zu verstehen. Es geht darum, wie nehme ich die Menschen mit in Zeiten von Digitalisierung und Robotics." Dazu müsse man den Mensch in den Mittelpunkt stellen, das merke sie vor allem jetzt im weiterführenden Studium.

Der MBA ist ein weiterer Schritt auf ihrer Karriereleiter; ihr CIO Gerd Niehage hatte sie für das Stipendium und den Preis vorgeschlagen. Das Studium läuft über zwei Jahre: Alle sechs Wochen stehen sechs Tage Präsenzunterricht an der WHU in Vallendar auf dem Programm, die Zeiten dazwischen sind Eigenstudium. Mindestens ein frei wählbares Auslandsmodul, sowie ein Pflichtmodul an der Northwestern in Chicago komplettieren die Ausbildung – Marhan hatte Miami gewählt, wo sie zehn Tage auf dem Kellogg-Campus mit dem Schwerpunkt "Leading Organizational Transformation" studieren sollte. Durch Covid-19 und die weltweiten Vorsichtsmaßnahmen verschiebt sich das nun erst einmal.

Das WHU-MBA-Programm vermittelt aber nicht nur wertvolle Studieninhalte, sondern vor allem Kontakte auf Augenhöhe, denn alle Teilnehmer des Studiengangs sind auf Executive Level. Das wird streng kontrolliert, die Auswahl ist hart, nicht jeder kann mitmachen. Marhan gefällt, dass die Kommilitonen aus unterschiedlichen Branchen kommen und viele Entrepreneure dabei sind. Man tausche sich viel fachlich aus, knüpfe wertvolle Kontakte und schließe Freundschaften. Zudem schätzt sie die Alumni-Netzwerke, in die das Programm eingebettet sei, ob jetzt von der WHU selbst oder auch andere Ivy-League-Netzwerke, zu denen man schon jetzt vor Abschluss des Studiums eingeladen werde.

Spagat zwischen Karriere und Familie

Bald hat Marhan ihren MBA in der Tasche, bis Mai muss sie noch drei Prüfungen absolvieren und parallel die Masterarbeit schreiben - das alles neben Karriere und Familie. Die Managerin hat drei Kinder, ihr Mann ist ebenfalls Führungskraft in einem großen Unternehmen. Und jetzt in der Corona-Krise fallen auch noch Schule und Kindergarten weg. Wie funktioniert das? "Wenn man es will, geht es irgendwie", sagt sie. Und fügt hinzu: "Das wichtigste ist, dass man sich mit dem Partner einig ist." Sie habe von Anfang an gesagt, dass sie gleichberechtigt Karriere machen und nicht zurückstecken wolle. Der Rest sind Organisation, Disziplin und Improvisation.

Vereint Karriere mit Familie: Julia Marhan von B. Braun Melsungen und ihr Mann.
Vereint Karriere mit Familie: Julia Marhan von B. Braun Melsungen und ihr Mann.
Foto: Foto Vogt

Organisatorisch geht es nicht ohne Unterstützung von Mutter, Schwiegermutter und Kinderfrau, da ist Marhan ehrlich. In die Finanzierung der Betreuung fließe viel Geld hinein. Auch Reisen sei für sie nur eingeschränkt möglich, denn die Managerin legt Wert darauf, zum Frühstück und Abendessen bei den Kindern zu sein und die Gute-Nacht-Geschichte vorzulesen. Die Wochenenden gehören ebenfalls der Familie. "Zeit ist knapp und es geht auch teilweise mit Herzschmerz einher", gibt sie zu. "Man muss sich bewusst sein, was nicht geht: Hobbies, viele soziale Kontakte. Alle Freizeit ist für die Kinder."

Ich war keine Ausnahme

Kam früh mit IT in Berührung: Angelica Timofte, Lead to Order Process Owner bei Merck.
Kam früh mit IT in Berührung: Angelica Timofte, Lead to Order Process Owner bei Merck.
Foto: Merck

Angelica Timofte (32) war gerade beruflich zwei Wochen in Indien, jetzt ist sie zurück in Frankfurt. Die Managerin, seit sechs Jahren für das Darmstädter Chemie- und Pharmaunternehmen Merck tätig, betreut als Lead to Order Process Owner ein globales E-Commerce-Projekt mit einem über viele Länder verteiltes Team (China, Indien, USA und Deutschland). Ziel ist es, ein neues Business-Modell zu implementieren. "Gerade jetzt in Zeiten von Corona merken die Leute, wie wichtig es ist, Zugang zu mobilen Plattformen zu haben", sagt sie.

Die gebürtige Rumänin studierte wie Marhan Betriebswirtschaft und besitzt einen Master in International Management von der Wirtschaftsakademie in Bukarest mit einigen Auslandssemestern in Barcelona. Mit IT kam Timofte schon früh Kontakt und lernte coden, denn Computer Science ist in Rumänien ab der 5. Klasse Gymnasium Unterrichtsfach. Auch an der Uni belegte sie einige IT-Kurse. "Ich war dort keine Ausnahme", lacht sie, denn die Geschlechterverteilung in naturwissenschaftlichen Fächern sei in ihrem Heimatland 50 zu 50.

"Aber heute bin ich oft die einzige Frau", gibt Timofte zu. Nicht nur, weil sie in der IT-Branche arbeitet und ihre Kollegen meist Softwareentwickler, Softwarearchitekten oder Data Analysts sind: Sie beobachtet hierzulande generell, dass es immer weniger Frauen gibt, je höher man die Karriereleiter hochklettert. "In Deutschland sind IT und Führung immer noch von Männern dominiert", beklagt die Managerin.

Netzwerke helfen

Mit ihren Freundinnen gründete Angelica Timofte, Merck (links), 2018 den BitterSweet-Club und veranstaltet einmal im Jahr den "Inspiring Women Summit": Ada Salas, Merck (2. von links) und Luana Alexe, Deutsche Telekom (rechts).
Mit ihren Freundinnen gründete Angelica Timofte, Merck (links), 2018 den BitterSweet-Club und veranstaltet einmal im Jahr den "Inspiring Women Summit": Ada Salas, Merck (2. von links) und Luana Alexe, Deutsche Telekom (rechts).
Foto: BitterSweet Club

Dieses Ungleichgewicht bewog sie, 2018 mit zwei Freundinnen (Ada Salas von Merck und Luana Alexe von Deutsche Telekom) ein Netzwerk für Frauen zu gründen (BitterSweet-Club), um Frauen in ihrer Karriere zu unterstützen. Neben anderen Aktivitäten organisiert der Club einmal im Jahr den "Inspiring Women Summit" mit Workshops und Vorträgen. "Wir brauchen Frauen. Die IT braucht Frauen", sagt Timofte, denn der Männer-Pool allein decke den Bedarf an IT-Fachkräften nicht ab. Es gehe doch letztendlich darum, gute Leute und kluge Köpfe aus beiden Geschlechtern zu finden, nicht nur unter dem Aspekt Diversity.

Umso mehr freut sich Timofte über die Unterstützung ihres damaligen Chefs James Stewart. Der CIO erkannte ihre Ambitionen und schlug sie 2016 für den "Young Talent Award" vor. Dieser Preis wird wie der CIO Executive Award von der CIO-Stiftung ausgelobt und umfasst ein berufsbegleitendes MBA-Studium an der WHU in Vallendar. Timofte setzte sich gegen alle Mitbewerber durch und ergatterte das hochdotierte Vollstipendium.

Nicht nur die Studieninhalte waren für ihren weiteren Karriereweg hilfreich, sondern vor allem die Kontakte, die sie im Rahmen der Weiterbildung knüpfen konnte. Denn wie Marhan war sie zu dem umfangreichen Alumni-Kreis der WHU und deren befreundeter internationaler Universitätsnetzwerke eingeladen, wie von Stanford, Harvard und andere. "Das bereichert das Leben in beruflicher aber auch privater Hinsicht", erklärt Timofte.

Gesundes Selbstbewusstsein

Karrieretechnisch hat Timofte eine ganz klare Vision: C-Level. "Ich bin ehrgeizig. Ich glaube, dass ich sehr gut in einer CIO-Position wäre", sagt sie selbstbewusst. Denn: Sie vereine die beiden Welten IT und Business – eine Qualifikation, die für die Position des IT-Chefs unerlässlich sei. Je höher man kommt, desto größer sei zwar der Wettbewerb, aber davor habe sie keine Angst.

Sei deine eigene Heldin

Was rät die Powerfrau anderen Frauen, die Karriere machen wollen? "Guckt tief in euch hinein und findet heraus, was euch antreibt, wo ihr eine Verbindung spürt", sagt sie. Das gebe einem die Kraft und die Motivation, alles erreichen zu können. Nur andere zu kopieren, reiche nicht aus, denn das seien externe Motivatoren. Sie selbst hat sich Oscar-Rede von Schauspieler Matthew McConaughey zu Herzen genommen, der dem Publikum zurief: "Be your own hero!" Timoftes Appell daher an alle: "Überwindet eure Ängste und probiert es einfach aus!"

CIOs, die vielversprechende Talente in Ihrer IT-Abteilung fördern wollen, können diese für den Young Talent Award und den CIO Executive Award vorschlagen. Diese berufsbegleitenden Stipendien vergibt die CIO-Stiftung auch dieses Jahr wieder. Details zur Bewerbung erhalten Sie bei Dr. Peter Kreutter, WHU, peter.kreutter@whu.edu, und lesen Sie hier: www.cio-stiftung.de. Bewerbungsschluss: 5. Juni 2020.