Digitale Souveränität

Gaia-X und die Public Cloud

Kommentar  25.02.2020
Von   IDG ExpertenNetzwerk, und


Tobias Regenfuß ist bei Accenture der Geschäftsführer für den Bereich Cloud und Infrastructure in der DACH-Region. Der Evangelist und Advokat für Cloud Transformation und Cloud-Reise berät in dieser Rolle Kunden aus allen Branchen. Sein Schwerpunkt seiner Karriere lag auf Unternehmen aus den Bereichen Kommunikation und Medien. Der studierte Mathematiker ist bereits seit 1994 für Accenture tätig.
Frank Riemensperger leitet als Vorsitzender der Geschäftsführung die Accenture-Ländergruppe Deutschland, Schweiz, Österreich und Russland.
Prof. Dr. Svenja Falk ist Managing Director bei Accenture Research. Dort verantwortet sie unter anderem das Thema Zukunft der Arbeit.
Die Cloud zu nutzen ist oft wichtig, um Wettbewerbsfähigkeit zu sichern. Unternehmen und Politik sind gefragt, damit die Digitale Souveränität dabei erhalten bleibt.

Digitale Souveränität ist ein wichtiges Thema deutscher wie auch europäischer Politiker und Unternehmen. Aktuell beschränkt sich die öffentliche Diskussion auf die Frage: Huawei-Technologien in den 5G-Netzen - ja oder nein? Doch auch die zunehmend genutzten Cloud-Technologien, insbesondere der MAG-Hyperscaler Microsoft, Amazon und Google, schafft neue Abhängigkeitsverhältnisse.

Europäische Unternehmen befinden sich im Spannungsfeld zwischen den Angeboten der Cloud-Hyperscaler und dem Bedürfnis nach digitaler Souveränität.
Europäische Unternehmen befinden sich im Spannungsfeld zwischen den Angeboten der Cloud-Hyperscaler und dem Bedürfnis nach digitaler Souveränität.
Foto: ultramansk - shutterstock.com

Mit Gaia-X hat die Bundesregierung eine Initiative gestartet, um eine europäische Alternative zu schaffen. Das Interesse - über ganz Europa hinweg - ist groß, die Ambitionen sind gewaltig, konkrete Konzepte fehlen aber noch. Investitionsbedarf und Innovations-Vorsprung der Hyperscaler schließen den Aufbau eines vergleichbaren deutschen oder europäischen Konkurrenz-Players so gut wie aus. Intelligente Cloud-Nutzungsmodelle und regulatorische Vorgaben zur Öffnung der Cloud-Plattformen scheinen besser geeignet, um jetzt zur digitalen Wettbewerbsfähigkeit und Souveränität der Unternehmen, Industrien und Länder Europas beizutragen.

Digitale Souveränität adé?

Venezuelanische Nutzer von Adobe-Services wie "Creative Cloud" erhielten im Oktober 2019 ein Schreiben von Anbieter. Es bezieht sich auf eine Executive Order des amerikanischen Präsidenten, welche die Zusammenarbeit von US-Unternehmen mit Individuen und Unternehmen in Venezuela einschränkt. Den Kunden blieben nur wenige Tage Zeit, ihre Daten aus der Cloud herunter zu laden und anderweitige Lösungen zu finden, bevor Adobe den Zugang sperrt. Nach der Auslieferungs-Blockade von Android-Betriebssystemkomponenten für Huawei ist das ein weiterer Fall, in dem politischer Druck aufgebaut wird, indem der Zugriff auf IT-Technologien plötzlich entzogen wird.

So ein Bedrohungsszenario ist politisch auch in Deutschland und Europa vorstellbar. Dennoch ersetzen viele Unternehmen derzeit weitgehend eigene Datacenter-Hardware amerikanischer Hersteller durch Cloud-basierte Rechenzentrumsleistung aus den USA. Ist Gaia-X also eine große Aufregung um nichts? Auf keinen Fall. Deutschland und Europa müssen aber erst verstehen, was sich wirklich mit der flächendeckenden Nutzung der Cloud ändert und in welchen Bereichen möglicherweise ein neuer Souveränitätsverlust droht.

Digitalisierung bedeutet eine neue Art der Differenzierung. Produkte und Services, der Markterfolg von Unternehmen und die Wettbewerbsfähigkeit von Ökonomien werden zunehmend durch Daten, Software und deren Beherrschung bestimmt.

Cloud-Technologien bilden die Basis für eine neue IT. Software wird mit neuen Verfahren (Agile, DevOps, Site Reliability Engineering) und neuen Architekturen (KI, Big Data, Micro-Services, Tool-Chains) entwickelt beziehungsweise betrieben, die die Digitalisierung der Unternehmen ermöglichen und den Markterfolg sicherstellten soll. Hierfür stellen die Hyperscaler Plattformen bereit, die mit bisher unvorstellbar großem Investitionsvolumen kontinuierlich ausgebaut und weiterentwickelt werden.

Das Technologie-Dilemma

Der Markt nimmt diese Cloud-Dienste gerne an. Deutschland liegt beim Einsatz von Public-Cloud-Technologien zwar international zurück, holt aber stark auf. Während bei uns im Land momentan etwas weniger als 10 Prozent der Unternehmens-IT auf öffentlichen IaaS-, PaaS- und SaaS-Plattformen läuft, gehen Marktforscher von mehr als einer Verdopplung der Nutzung von Public Cloud-Diensten in Drei-Jahres-Schritten aus. In sechs Jahren könnten somit bereits nahezu 50 Prozent der deutschen Unternehmens-IT in den Public Clouds der Hyperscaler laufen. In den USA und in einigen anderen Ländern wird dieser Zustand bereits in drei Jahren oder sogar früher erwartet. Dann würden auch die damit verbundenen Wettbewerbsvorteile für diese Unternehmen deutlich früher realisiert.

Allerdings gilt dann auch: Ein Szenario wie in Venezuela könnte einem "Kill Switch" für die deutsche Wirtschaft nahekommen. Die Cloud wird somit zur kritischen Infrastruktur.

Es gilt, Alternativen zu finden, um einen gefühlten Kontrollverlust zu verhindern. Gaia-X wurde von Wirtschaftsminister Altmaier als Initiative verkündet, mit der bestehende Infrastrukturen und Datenplattformen vernetzt, die Ressourcen europäischer Firmen gebündelt und eine "leistungs- und wettbewerbsfähige, sichere und vertrauenswürdige Dateninfrastruktur für Europa" geschaffen werden soll. Einen zweistelligen Millionenbetrag will die deutsche Politik zunächst in das Projekt investieren. Mehr als 60 Akteure aus deutscher Wirtschaft sowie von Institutionen - von SAP und Bosch über die Deutsche Telekom bis hin zur Berliner Charité - wollen dabei unterstützen.