Interview

Gaia-X - im Konzeptstadium stecken geblieben

14.04.2022
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO sowie Chefredakteur der europäischen B2B-Marken von IDG. Er kümmert sich um die inhaltliche Ausrichtung der Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. 
Mit großem Brimborium ging 2019 das europäische Cloud-Projekt Gaia-X an den Start. Für Volker Pfirsching, Partner bei Arthur D. Little, ist das Vorhaben noch immer eher eine Idee als ein konkreter Plan.
  • Zu viele Gaia-X-Teilnehmer verfolgen ihre Partikularinteressen und verwässern das Konzept, sagt Pfirsching
  • Wichtige Mitglieder ziehen sich zurück, Fördergelder fließen nicht wie geplant
  • Vielleicht ist es noch nicht das Ende von GAIA-X, sondern nur ein reinigender Effekt
Das Konzept von Gaia-X stand schon recht früh. Seitdem hat sich allerdings nicht mehr viel getan.
Das Konzept von Gaia-X stand schon recht früh. Seitdem hat sich allerdings nicht mehr viel getan.
Foto: BMWi

Um das europäische Cloud-Projekt Gaia-X - dessen Repräsentanten reden lieber von einer sicheren europäischen Dateninfrastruktur - ist es ruhig geworden. Kann es sein, dass es sich in eine der vielen europäischen ITK-Initiativen einreiht, bei denen am Ende nichts herauskommt?

Volker Pfirsching: Zumindest gehört Gaia-X zu den Vorhaben, die mit einer guten Idee gestartet sind, dann aber weder die kritische Masse erreicht haben, noch konzeptionell richtig zum Fliegen gekommen sind.

So wie die Idee einer europäischen Suchmaschine? Oder die European Payments Initiative? Oder in Deutschland De-Mail?

Pfirsching: Diese Vergleiche kann man durchaus ziehen. Gaia-X war eigentlich gut gestartet, und das wurde auch von allen Beteiligten honoriert. Es ging um eine möglichst rechtssichere und datenschutzkonforme Nutzung von Cloud-Infrastruktur. Das Problem ist bekannt: Wenn ein europäisches Unternehmen heute eine gewisse Größe erreicht hat und eine Cloud-Strategie verfolgt, dann kommt es um die US-Hyperscaler wie Amazon, Microsoft, Google und IBM kaum herum. Also bewegt es sich derzeit in einem unsicheren Rechtsraum, was die Nutzung von Daten in Infrastrukturen mit Servern in den USA oder anderen Ländern außerhalb der EU angeht.

Deshalb wurde Gaia-X mit der Idee, eine rechtssichere Cloud-Nutzung zu ermöglichen, allgemein positiv bewertet. Allerdings gab es auch von Anfang an ein Kommunikationsproblem. Gaia-X sollte nie eine Alternative zu den Angeboten der US-Cloud-Anbieter sein. Viele haben das aber so verstanden: Mit Gaia-X kann man sich Datensouveränität in Europa einkaufen - so wie bei AWS, Microsoft und Google. Dieses Missverständnis hat sich lange gehalten, und es hat nach der ersten Welle der Euphorie schnell Ernüchterung eingesetzt.

Was ist Gaia-X denn nun wirklich?

Pfirsching: Gaia-X hat das Ziel verfolgt, eine gemeinsame Grundlage oder auch ein gemeinsames Regelwerk für die rechtssichere Datennutzung in der Cloud zu schaffen. Als dann im Ökosystem immer mehr große und kleine Mitglieder dazukamen, wurden die Ziele immer unschärfer. Es handelt sich heute um einen lockeren Verbund, der sich aus meiner Sicht zu sehr auf der Metaebene bewegt.

Es wird immer noch versucht, gemeinsame Regularien und Standards zu finden. Das ist noch weit entfernt von klaren, greifbaren Use Cases. Gaia-X ist aus dieser Theorie-Senke nie herausgekommen. Es kam nie da an, wo Unternehmen wirklich sagen würden: da sehe ich einen Wert dahinter.

Volker Pfirsching, Arthur D. Little

Volker Pfirsching ist Partner und Mitglied des Central European Management Board bei der Unternehmensberatung Arthur D. Little in München, wo er auch das globale Digital Competence Center leitet. Pfirsching ist an vielen groß angelegten Projekten rund um die digitale Transformation beteiligt, die sowohl die Wirtschaft als auch die Technologie berühren. Er ist bei Arthur D. Little Gründer des Digital Center of Excellence und Organisator der Digital Roundtables, die Top-Führungskräfte zum Austausch über digitale Herausforderungen zusammenbringen.

Heißt das nun, dass Gaia-X schon tot ist?

Pfirsching: Ich sehe zumindest die große Gefahr, dass es nie zum Fliegen kommen wird. Die Tatsache, dass wichtige Mitglieder sich langsam zurückziehen und auch die Fördergelder nicht so fließen, wie ursprünglich mal angedacht, ist kein gutes Zeichen. Das Vertrauen in die Gaia-X-Initiative schwindet. Die Frage ist nur: Ist das ein reinigendes Gewitter, in dessen Folge Steuerung und Umsetzung verbessert werden? Oder ist es der Anfang vom Ende?

Es gibt ja eine übergreifende Organisation, die das Ganze steuert, außerdem noch die Hubs und die entsprechenden Communities. Aus meiner Sicht gibt es dort zu viele theoretische Diskussionsrunden. Was jetzt gebraucht wird, ist eine klare Governance, die sicherstellt, dass man sich fokussiert und die vielen Partikularinteressen zurückstellt. Das ist das große Problem von Gaia-X: Es gibt zu viele große und kleine Player, die alle ihre eigenen granularen Interessen verfolgen.

Es werden zwar ein paar Use Cases gestartet und erste Projekte mit Budget ausgestattet, um in unterschiedlichen Industrien beispielhafte Implementierungen zu zeigen, aber bis dato fehlt das übergeordnete Gesamtbild. Wie sieht denn jetzt eigentlich unsere rechtssichere Cloud-Infrastruktur aus?

Gaia-X im Tal der Ernüchterung

Bei großen öffentlichen Projekten der EU und auch des Bundes winken ja meist Förder- oder Unterstützungsgelder, die unterschiedlichste Unternehmen anlocken. Ist da überhaupt echtes Commitment zu erwarten?

Pfirsching: Das ist es ja, was ich mit Partikularinteressen meine: Da sind völlig unterschiedliche Player am Werk, vom Rechenzentrums-Provider bis hin zu IaaS-, PaaS- und SaaS-Cloud-Anbietern. Jeder will auf diesen Zug aufspringen. Und viele sind jetzt im Tal der Ernüchterung angelangt. Wenn man sich das anhand des berühmten Gartner-Hypecycle vor Augen führt, stehen wir jetzt mit Gaia-X am Scheideweg.

Entweder die Initiative wird demnächst in der Bedeutungslosigkeit versinken oder die Verantwortlichen erkennen: Wir haben uns zu lange darauf beschränkt, auf einer Metaebene einen Konsens zu finden, anstatt wertstiftende Use Cases oder Plattformen hervorzubringen, die für Unternehmen wirklich nutzbar sind. Bis dato wurde ja fast nur darüber diskutiert, wie so ein gemeinsames Ökosystem aussehen könnte.

Ich vermute, dass noch eine ganze Reihe von Mitgliedern abspringen werden, die sich irgendwann einmal beteiligt hatten, weil sie an den Erfolg geglaubt haben. Man braucht keine Glaskugel, um vorherzusagen, dass dieser Exodus nun bevorsteht. Ich will das aber noch nicht als das Ende von Gaia-X bezeichnen. Das kann auch ein reinigender Effekt sein.

Wenn Gaia-X doch noch ein Erfolg werden soll, müssten Player wie die Telekom, Orange oder Vodafone jetzt entschlossen vorangehen, sagt Volker Pfirsching, Partner bei Arthur D. Little.
Wenn Gaia-X doch noch ein Erfolg werden soll, müssten Player wie die Telekom, Orange oder Vodafone jetzt entschlossen vorangehen, sagt Volker Pfirsching, Partner bei Arthur D. Little.
Foto: Arthur D. Little

Aber so richtig viel Spaß dürfte es niemandem machen, nach so langer Zeit immer noch nichts Greifbares in Händen zu halten…

Pfirsching: Das ist der Punkt: Die Teilnehmer finden immer noch kaum etwas, das über ein theoretisches Konzept hinaus geht. Es gibt ein paar kleinere Piloten, die aber sehr spitz angelegt und nur für ganz spezifische Anwendungsfälle brauchbar sind. Wenn ich als Unternehmen eine Cloud-first- oder sogar Cloud-only-Strategie verfolgen würde, dann ist Gaia-X heute kein nutzbares Konzept für mich.

Die Unternehmen haben im Prinzip keine Wahl als zu den Hyperscalern zu gehen, wenn sie beispielsweise eine Cloud-basierte KI-Lösung suchen. Es hat sich also nichts an dem grundlegenden Problem geändert: Kann ich als Unternehmen mit den US-amerikanischen Hyperscalern DSGVO-konform zusammenarbeiten oder nicht? Oder bekomme ich ein Problem wegen dem Cloud Act, der amerikanischen Sicherheitsbehörden allerlei Zugriffsrechte zugesteht.

Mit Gaia-X wurde viel Zeit verspielt. 2019 startete das Vorhaben, und der föderale Gedanke, bei dem alle mitspielen dürfen, eben auch die Hyperscaler selbst, war von Anfang an ein Problem. Bis heute gibt es nichts, worauf Unternehmen aufsetzen könnten, eine Platform as a Service zum Beispiel. Niemand wird heute sagen "Ah, Gaia-X löst ganz konkret mein Datenschutzproblem".

Sicher kann man sagen, so ein Ökosystem, gerade wenn es Open Source sein soll, muss sich erstmal etablieren. Es müssen zuerst die Grundlagen geschaffen werden. Das möchte ich dem Projekt auch zugestehen, das Ansinnen ist wirklich gut. Aber wir brauchen jetzt eine deutliche Beschleunigung, was die von allen nutzbare Infrastruktur angeht.

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EU-Kommissionspräsidentin Ursula von der Leyen und US-Präsident Joe Biden haben kürzlich angekündigt, sie wollten die Cloud-Sicherheitsthematik gemeinsam angehen. Privacy Shield und Cloud Act dürften die internationale Datenwirtschaft nicht mehr beeinträchtigen. Hat diese Ankündigung der Gaia-X-Initiative nun auch noch den letzten Wind aus den Segeln genommen?

Pfirsching: Da bin ich mir nicht so sicher. Bezüglich eines rechtssicheren Abkommens mit den USA herrscht immer noch große Skepsis. Die Hoffnungen der Unternehmen, zumindest derer, mit denen ich zu tun hatte, sind diesbezüglich nicht besonders groß. Man glaubt nicht recht an eine weltweit homogene, leicht zu verwaltende Datenschutzwelt.

Ich denke auch, dass Europa bei den großen digitalen Infrastrukturthemen nicht abgehängt sein möchte. Bei Cloud-Infrastruktur ganz auf die großen US-Player angewiesen zu sein, ist etwas, das der europäischen Wirtschaft nicht guttut. Hier sehe ich auch weiterhin eine Chance für Gaia-X. Wir müssen den europäischen Unternehmen eine Alternative zu den Hyperscalern anbieten, die sich in Sachen Funktionalität und Preisen zumindest annähernd auf Augenhöhe mit der US-Konkurrenz befindet. Diese Frage wird von CIOs und CTOs nach wie vor viel diskutiert.

Gaia-X hat eigentlich eine Ebene höher angesetzt: Man wollte eine mehrstufige Dateninfrastruktur, um Kunden zu ermöglichen, ihre Daten nach Kritikalität besser zu verteilen. Deshalb hat man ja die Hyperscaler reingeholt, weil unkritische Massendaten auch in deren US-Cloud-Umgebungen vorgehalten werden können. Was bis heute fehlt, ist die Steuerungsebene oder Plattform, von der aus die Unternehmen loslegen können.

Pfirsching: Sie beschreiben genau die Crux, vor der ein Unternehmen steht, dass Gaia-X-Dienste nutzen möchte - auch ohne Mitglied zu sein. Es gibt nicht dieses eine Unternehmen oder den Service oder die Website, wo ich buchen kann. Deswegen spreche ich von der Governance: Es fehlt diese eine Institution, die über die eher moderierende Gaia-X Association hinausgeht und für wirklich nutzbare Anwendungen sorgt.

Es gibt einen Dschungel an theoretischen Konstrukten, die inhaltlich richtig sein mögen, aber sich den Entscheiderinnen und Entscheidern in den Unternehmen nicht erschließen. Die Frage: "Wie kann ich Gaia-X sinnvoll nutzen", wird nicht beantwortet. Deswegen lautet mein Appell: Wir müssen uns von der Theorie, dem Diskutieren auf der Metaebene lösen und praktisch nutzbare Services schaffen. Sonst wird Gaia-X scheitern.

Wer muss denn nun konkret aktiv werden?

Pfirsching: Es wäre an der Zeit, dass einer der wirklich großen, europäischen Spieler, zum Beispiel ein großer Rechenzentrums-Provider oder ein Telekommunikationsanbieter, wie die Deutsche Telekom, Vodafone oder Orange überzeugt werden kann, konzeptionell in Vorlage zu gehen und eine entsprechend skalierende Lösung auf Basis von Gaia-X zu entwickeln und anzubieten. Auch die Politik ist gefragt. Sie muss aufhören, Gelder feingranular wie ein Rasensprenger zu verteilen. Besser wäre es, zu überlegen, wie sich ein großer Budgettopf schaffen und nutzen ließe, um eine Gaia-X-konforme Infrastruktur aufzubauen.

Also doch der vielzitierte AWS-Konkurrent?

Pfirsching: Nein, das meine ich nicht, aber es muss jemand gefunden, mandatiert und beauftragt werden, der aus den unterschiedlichen Konzepten im Gaia-X-Ökosystem ein Produkt schnürt.

Die Gaia-X-Macher müssen sich entscheiden, was sie wollen

Das würde aber bedeuten, dass sich die Gaia-X-Macher glasklar entscheiden müssten, welche Richtung sie einschlagen wollen. Das Risiko ist groß, dass einige der Stakeholder dann abspringen, weil sie ihre Interessen nicht mehr vertreten sehen.

Pfirsching: Das ist richtig, aber wäre das so schlimm? Das Problem ist momentan doch, dass wir an diesen Punkt gar nicht erst kommen! Die Beteiligten haben momentan doch das Problem, dass sie sich an nichts reiben können, weil noch gar nichts da ist. Es braucht aber solche Impulse, damit die Feedback-Prozesse einsetzen und die Dinge in Bewegung geraten können. Es gibt für große oder mittelständische Unternehmen nicht mal einen Kanal, um ihre Anforderungen oder Wünsche zurückzuspielen.

Sie können Mitglied werden und dann versuchen, Ihre Anforderungen an Datensouveränität umzusetzen, aber eigentlich wird Sie das momentan nur Aufwand und Geld kosten. Sie werden nichts Nutzerwertiges herausziehen können. Es braucht den Marktgedanken. Jemand muss etwas Konkretes anbieten, das Datensouveränität erlaubt und mehr als nur ein theoretisches Konzept ist - im Idealfall eine Platform as a Service, auf der alle aufbauen können.

Wäre es nicht vernünftig, wenn die europäischen Behörden als große Auftraggeber auftreten und so im Markt Begehrlichkeiten wecken würden? Sie könnten sagen: Bestimmte Dienste nehmen wir nur in Anspruch, wenn sie Gaia-X-konform sind…

Pfirsching: Das könnte ich mir in der Tat gut vorstellen. Solche Impulse braucht es, damit mehr Druck entsteht und sich diese vielen kleinen Boote im Verbund in eine Richtung bewegen. Europäische Behörden oder der Bund könnten eine solche Rolle spielen, oder auch das BSI. Es könnte sagen: Kritische Infrastruktur muss künftig Gaia-X-konform aufgesetzt sein.

Wie wird Gaia-X gegenwärtig finanziert? Könnte eine bessere Steuerung der Mittel schnellere Fortschritte bewirken?

Pfirsching: Die Finanzierung ist vielfältig. Es gab zum Beispiel staatlich finanzierte Projekte in unterschiedlichen Industrien, die vom Bundeswirtschaftsministerium finanziert wurden. Am Ende tragen aber die Mitglieder das Projekt und finanzieren ihre eigenen Use Cases. Sie haben ja auch ihre ganz spezifischen Interessen. Auch die EU-Kommission spielt hier eine Rolle.

Leider gewinnt da nicht zwangsläufig die beste Idee, sondern das Konzept, das in ein Finanzierungsschema oder Raster hineinpasst. Die Nachfrage ist zu stark von der Vergabe von Ressourcen und Budgets abgekoppelt. Deshalb glaube ich, es bräuchte auch in den Finanzstrukturen ein Umdenken. Es sollten solche Projekte öffentlich finanziert werden, die eine Chance auf möglichst breite Anwendung haben. Also weg von den spitzen Use Cases und hin zu breiten Anwendungsmöglichkeiten. Das bereits genannte Stichwort ist die Platform as a Service, die dann eben auch für kritische Infrastrukturen genutzt werden kann.

Schnellere Entscheidungen und bessere Governance wären nötig

Nach all dem, was Sie sagen, hat Gaia-X offenbar ein immenses Bürokratieproblem…

Pfirsching: Ja. Wir sind hier im europäischen Verbund unterwegs. Klar haben wir Deutschland und Frankreich als starke Player dahinter, aber es war von Anfang an ein stark föderales Konzept mit einer breiten Meinungsvielfalt. Hier wären schlankere Entscheidungsmechanismen und mehr Governance wirklich angeraten.

Ich fürchte übrigens auch, dass wir möglicherweise Innovationen auf anderen Gebieten nicht mehr schnell genug vorantreiben, weil das große Versprechen Gaia-X im Raum steht und von vielen Playern mitgetragen wird. Hier besteht das Risiko, dass immer noch viele auf den ganz großen Wurf warten, anstatt in kleinen machbaren Schritten schnell und flexibel Dinge voranzutreiben. Deshalb ist das reinigende Gewitter, das jetzt spürbar einsetzt, gerade richtig.