25 Jahre Open-Source-Betriebssysteme

Die Linux-Geschichte

25.05.2017
Von Paul  Venezia und
Florian beschäftigt sich mit dem Themenbereich IT-Security und schreibt über reichweitenstarke und populäre IT-Themen an der Schnittstelle zu B2C. Daneben ist er für den Facebook- und LinkedIn-Auftritt der COMPUTERWOCHE zuständig.
Die Geschichte von Linux abstrakt und objektiv zusammenfassen kann jeder. Wir haben stattdessen einen Linux-Liebhaber der ersten Stunde gebeten, seine ganz persönliche Story zum mittlerweile 25 Jahre jungen Open-Source-OS zu erzählen, das die Computerwelt umwälzte.

Wir schreiben das Jahr 1995 - ein sonniger Juni-Tag in Boston, USA. Ich betrete ein Appartement, die Platzverhältnisse sind beengt, die Einrichtung stünde auch einer Hausbesetzer-Kommune gut zu Gesicht. Zwischen den Bergen der ganz normalen Abbauprodukte des alltäglichen Lebens finden sich immer wieder kleine Grüppchen junger Männer. Auf dem Küchentisch macht sich ein 15-Zoll-Röhrenbildschirm breit, der mit einem offenen PC Case verheiratet wurde. Die Rückseite wird dominiert von einem Netzwerkkabel-Strang, der zu einem Hub im Wohnzimmer führt. Auf dem Bildschirm ein Datenwust, Logfile-Überreste und am Bildschirmrand eine in schimmerndem rot und blau dekorierte Bash-Root-Meldung.

Die Linux-Geschichte: Von der Liebe zu Open Source.
Die Linux-Geschichte: Von der Liebe zu Open Source.
Foto: Nuki Sharir - shutterstock.com

Ich kannte Unix und hatte auch einige Zeit mit verschiedenen kommerziellen Unix-Systemen wie OSF/1, HP-UX, SunOS und Sun Solaris verbracht. Aber das hier ist etwas ganz anderes: Das System auf dem Küchentisch ist ein Server - inklusive File Storage, DNS und Web Serving über eine Einwahlverbindung. Natürlich ist der Server auch mit dem halben Dutzend Systeme, die überall in besagtem Appartement verteilt sind, verbunden. Vor den meisten dieser Systeme sitzen Jugendliche und junge Erwachsene - völlig ergriffen und eingenommen von der virtuellen Aktivität um das Betriebssystem, das aus der Küche kommt.

Wenn sie sich jetzt fragen, was die Jungspunde da eigentlich treiben: Sie schreiben Code für den Linux-Kernel und die GNU-Userspace-Anwendungen drumherum. Zu dieser Zeit ist die Szene auf der ganzen Welt aktiv, denn Informatik-Studenten und Computing-Nerds haben ein spannendes, neues Spielzeug für sich entdeckt: ein kostenloses Unix-Betriebssystem. Es ist zu dieser Zeit gerade ein paar Jahre alt und wächst unaufhörlich. Dass die juvenilen Coding-Nerds mit ihrem Tun gerade die Welt verändern, soll erst Jahre später klar werden.

Vom Hobby-OS zum Open-Source-Rausch

Die 1990er Jahre sind eine ziemlich geschichtsträchtige Zeit für die IT-Branche: Im Jahr 1993 legen die Bell Labs Unix System Laboratories und Berkeley Software Design Inc. einen Rechtsstreit wegen Urheberrechtsverletzungen außergerichtlich bei - und machen so den Weg frei für Open-Source-Varianten des Betriebssystems BSD. Das soll die Tech-Community in den Folgejahren wesentlich prägen und inspirieren.

Das Timing der außergerichtlichen Einigung hätte nicht besser sein können: Ein finnischer Universitäts-Student namens Linus Torvalds hatte bereits 1991 damit begonnen, seinen eigenen, persönlichen Kernel zu entwickeln. Torvalds selbst wird später sagen, dass er sich diesem Projekt wahrscheinlich nie gewidmet hätte, hätte das BSD-OS bereits zu jener Zeit kostenfrei zur Verfügung gestanden. Als der Rechtsstreit um BSD geklärt ist, steckt Linux bereits im Geburtskanal und wird von genialen Köpfen begrüßt, die dafür sorgen werden, dass dieses Betriebssystem heute einen Großteil unserer Welt antreibt.

Die Entwicklungsgeschwindigkeit legt daraufhin schnell zu: Die Userspace-Anwendungen, die um den GNU-Kernel herum gebaut werden, bilden schließlich das, was die meisten Leute heute umgangssprachlich als "Linux" bezeichnen - sehr zum Leidwesen von GNU-Erfinder Richard Stallman. Zuerst ist Linux die Domäne von Hobby-Bastlern und Idealisten, dann beginnt die Supercomputer-Industrie sich für die Open-Source-Software zu interessieren und trägt sie in den "IT-Mainstream".

Im Jahr 1999 kommt das "Hobby-OS" bereits in zahlreichen Großunternehmen - zum Beispiel aus dem Finanzwesen - zum Einsatz und gräbt den etablierten Playern das Wasser ab. Viele Unternehmen haben bis dahin exzessiv in Hardware und Software von Anbietern wie Sun Microsystems, IBM oder DEC investiert und fangen jetzt an, begabte Entwickler und System-Architekten zu verpflichten, die die letzten Jahre ihres Lebens den kostenfreien Linux-Distributionen gewidmet haben.

Nachdem die Nachweise in Sachen Performance und Kostenreduktion gegenüber dem Management erbracht sind, entwickelt sich das "Wasser abgraben" zu einer Axt-Attacke: Innerhalb einiger, weniger Jahre schafft es Linux, den kommerziellen Unix-Händlern tausende von Stammkunden abzujagen. Es ist der Beginn eines Open-Source-Rausches, der bis heute anhält.

Mit Elastizität und Code-Sharing zum Durchbruch

Die Fehlannahme über Linux, dass es sich dabei um ein vollständiges Betriebssystem handle, hält sich bis heute. Denn im eigentlichen Sinn bezeichnet der Ausdruck Linux nur den Linux-Kernel. Die Anbieter einer bestimmten Linux-Distribution wieRed Hat oder Ubuntu definieren, welche Teile des Betriebssystems um den Kernel herum erhalten bleiben und komplettieren somit das OS. Jede Distribution besitzt dabei ihre Eigenheiten und verwendet spezifische Methoden für alltägliche Aufgaben wie Service Management, Dateipfade oder Konfigurations-Werkzeuge.

Diese Elastizität ist es, die Linux mit einem solchen Nachdruck in diverse IT-Facetten eindringen lässt: Ein Linux-System kann genau so groß - oder klein - sein, wie es sein soll. Adaptionen des Linux-Kernels können also sowohl einen Supercomputer antreiben, als auch eine Smartwatch oder einen Netzwerk-Switch. Auch deswegen ist Linux inzwischen DAS Betriebssystem für Mobile und Embedded Devices und bildet daneben auch die Basis für den Großteil der Internet Services und -Plattformen.

Um auf diese Weise wachsen zu können, musste Linux sowohl das Interesse der besten Software-Entwickler aufrechterhalten als auch die Herausbildung eines Ökosystems forcieren, das auf dem Grundsatz des gegenseitigen Code-Sharing aufbaut. Der Linux Kernel wird unter der GNU Public License Version 2 Mitte 1991 veröffentlicht. Die Lizenzvereinbarung besagt damals, dass der Code zwar frei verwendet werden darf, jegliche Veränderungen (oder die Benutzung des Quellcodes in anderen Projekten) aber ebenfalls zur freien Verfügung gestellt werden müssen.

Daraus entsteht in der Folge ein blühendes Ökosystem für Entwickler, das Linux immer weiter wachsen und gedeihen lässt. Die zunächst lose zusammengeschlossenen Developer beginnen damit, Linux an ihre Bedürfnisse und Gewohnheiten anzupassen und teilen die Früchte ihrer Arbeit untereinander. Wenn der Kernel beispielsweise ein bestimmtes Device nicht unterstützt, kann ein Entwickler kurzerhand einen Gerätetreiber schreiben und ihn mit der Community teilen, so dass jedermann davon profitiert. Dasselbe Verfahren wird auch bei Performance-Problemen oder Bugs angewandt. Das Linux-Projekt wird so von tausenden, miteinander vernetzten Freiwilligen (weiter)entwickelt.