Open-Source-Betriebssysteme

Die Linux-Geschichte

23.02.2021
Von Paul  Venezia und


Florian beschäftigt sich mit vielen Themen rund um Technologie und Management. Daneben betätigt er sich auch in sozialen Netzen.

Die Enterprise-Linux-Revolution

Diese Art der Entwicklung passt nicht zu den etablierten Praktiken der Branche. Die Anbieter kommerzieller Betriebssysteme sehen Linux als Spielzeug, als Modeerscheinung, als Witz. Schließlich arbeiten die besten Entwickler an ihren - oft mit Hardware verbundenen - Betriebssystemen

Für diejenigen, die eine der kommerziellen Unix-Kathedralen von Sun, DEC oder IBM im Einsatz haben, sind Dinge wie Quellcode-Sharing oder die Bewältigung von Enterprise-Aufgaben mit handelsüblicher Hardware schlicht undenkbar. Das macht man bis dahin einfach nicht. Erst mit dem zunehmenden Erfolg von Unternehmen wie Red Hat und Suse beginnt das Umdenken. Denn diese ehemaligen Start-Ups bieten genau das, was viele Kunden und Anbieter brauchen: eine kommerzielle Linux-Distribution.

Die Entscheidung, Linux im Unternehmensumfeld einzusetzen, wird allerdings nicht etwa deshalb getroffen, weil das OS kostenlos ist: Wenn man einer großen Finanzinstitution in Aussicht stellt, ihre Serverkosten - bei gleichbleibender oder sogar höherer Performance und Zuverlässigkeit - um 50 Prozent zu reduzieren, ist einem Aufmerksamkeit gewiss.

Das Ökosystem wächst

Da Linux auch als Grundstein vieler Websites dient, wächst das Ökosystem immer weiter: In den vergangenen zehn Jahren hält Linux in so gut wie jeder Spielart des Computing Einzug und trägt so auch den Open-Source-Gedanken weiter. Hierdurch wird Linux zum Eisbrecher für tausende anderer Open-Source-Projekte, die es teilweise ohne diesen Support nicht geschafft hätten.

Und doch ist die Geschichte von Linux viel mehr als nur die Erfolgsstory eines offenen Kernels und Betriebssystems: Es ist von entscheidender Bedeutung, zu verstehen, dass große Teile der Software und Services, die wir heute wie selbstverständlich nutzen, ohne den Erfolg von Linux gar nicht existieren würden.

Jeder, der die Tage erlebt hat, als Linux ein verbotenes Wort war und Open-Source-Software vom Management als Bedrohung empfunden wurde, weiß, wie beschwerlich dieser Weg war. Das Umdenken, das Linux in Gang gesetzt hat, hat die Welt Schritt für Schritt verändert und gezeigt, dass Open-Source-Software für den technologischen Fortschritt unabdingbar ist.

Microsofts Open-Source-Kurswechsel

Die ersten 15 Jahre der Linux-Geschichte sind also ziemlich bewegt - die letzten zehn allerdings noch ein bisschen mehr. Denn der durchschlagende Erfolg von Googles Android-Plattform bringt Linux auf mehr als eine Milliarde Devices. Inzwischen kann man fast den Eindruck gewinnen, dass jede noch so kleine Ecke unseres digitalen Lebens auf einem Linux-Kernel läuft - egal ob es dabei um Kühlschranke, TV-Geräte oder die Thermostate auf der Internationalen Raumstation geht.

Microsoft hat den langen Kampf gegen Linux inzwischen aufgegeben und im Rahmen des Anniversary Updates für Windows 10 den Ubuntu Bash fest in sein Betriebssystem integriert. Diese Erweiterung ermöglicht die Nutzung von Linux-Befehlen unter Windows. Aber nicht nur in Sachen Client-Betriebssystem geht Microsoft neue Wege in Sachen Open Source: Linux ist über Windows Server virtualisierbar und zahlreiche Linux-Images sind inzwischen in Microsoft Azure integriert (zum Beispiel auch Red Hat Enterprise Linux). Das ermöglicht Unternehmen, Windows und Linux parallel zu nutzen und enger miteinander zu verknüpfen.

Microsofts Kurswechsel unter Satya Nadella hat den einfachen Grund, dass eine Zusammenarbeit mit dem Open-Source-System effizienter und nutzbringender ist - schließlich hat der jahrelange Kampf keine Vorteile gebracht und eine Vielzahl von Serverdiensten läuft unter Linux schlicht besser. Dabei hat sich der Windows-Riese nicht nur Linux geöffnet - sondern der Open-Source-Welt ganz generell: Unter anderem stellt das Unternehmen inzwischen sowohl das .NET-Framework als auch Visual Studio für Softwareentwickler quelloffen und kostenlos zur Verfügung.

Linux-Entwickler auch schonmal im Clinch

Innerhalb der Linux-Community entstehen auf regelmäßiger Basis Abspaltungen und Probleme - nicht nur, wenn es um den Desktop-Einsatz geht. Das "brouhaha surrounding system" ist ein Beispiel - ebenso wie die Streitereien um die Mir-, Wayland- und die veralteten X11-Display-Server. Die Entwicklung, dass einige Distributionen im Namen der Benutzerfreundlichkeit zu viel vom eigentlichen Betriebssystem abstrahieren, hat bei zahlreichen Linux-Nutzern für Verdruss gesorgt. Glücklicherweise ist Linux aber immer genau das, was man daraus macht und die unterschiedlichen Ansätze der verschiedenen Linux-Distributionen sprechen unterschiedliche Nutzertypen an.

Diese Freiheit ist jedoch ein zweischneidiges Schwert: Schlechte technologische und funktionale Entscheidungen haben in der Vergangenheit bereits mehr als ein Unternehmen "das Leben" gekostet, das populäre Desktop- oder Server-Produkte in eine Richtung entwickelt hat, die die User vor den Kopf stößt. Wenn eine Linux-Distribution von solchen Entwicklungen zurückgeworfen wird, kommen eben andere Distributionen mit einem neuen oder anderen Ansatz. Dabei sind die die Distributionen nicht direkt mit der Kernel-Entwicklung verbunden - sie können also "kommen und gehen", ohne dass die Kernkomponenten des Betriebssystems davon betroffen ist. Der Kernel selbst ist übrigens so gut wie immun gegen schlechte Entscheidungen auf Distributions-Level.

Die Geschichte von Linux ist insbesondere geprägt von Anpassungsfähigkeit: Das Open-Source-OS passt sich jeder Art von Bedürfnissen an - egal ob es dabei um virtuelle Server, Cloud-Instanzen oder Mobile Devices geht. Der Erfolg des Linux-Kernels und des Entwicklungs-Modells ist nicht zu verleugnen und wird weiterhin die Stellung halten - während rundherum weiter Giganten entstehen. Und untergehen.

Dieser Artikel basiert auf einem Beitrag unserer US-Schwesterpublikation infoworld.com.