Prof. Dr. Dr. Radermacher

"Das offene Internet ist in Gefahr"

22.06.2009
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.

Was Ihren Ausführungen widerspricht, ist die Tatsache, dass China und Indien echte Boomregionen sind, in denen selbst in der Wirtschaftskrise die Märkte florieren.

Radermacher: Die Aufwärtsbewegung ist eine Folge des so genannten Leap-frogging-Effekts. Die ärmeren Staaten werden mit Technologien ausgestattet, die es in den entwickelten Staaten schon gibt, und gewinnen unter Umständen sogar die Reichen dazu, das alles zu bezahlen. Über die bessere Kapitalausstattung, die bessere Infrastruktur und das bessere Wissen produzieren diese Länder Wachstumsraten von zehn Prozent und mehr. Man muss allerdings dazu sagen, dass sich dieses jährliche Wachstum auf bescheidenem Niveau vollzieht. Absolut pro Kopf gerechnet bewirkt ein zehnprozentiges Wachstum in China weniger Zuwachs als ein Prozent Wachstum bei uns.

Aus Sicht von eingesetztem Eigenkapital ist es aber trotzdem viel attraktiver, von zehn Prozent Wachstum zu profitieren als nur von einem Prozent. Also wird jetzt viel Eigenkapital der reichen Welt in diesen Ländern eingesetzt. Das befeuert einen Prozess, der eine Wachstumsrate von zehn Prozent generiert. Das hat aus Sicht der Chinesen Sinn, denn sie wollen auf einen Wachstumspfad kommen, der sie, wenn sie ihn 50 Jahre durchhalten, auf US-Niveau bringt. Insofern ist das, was momentan in der Krise passiert, völlig konsequent. Nehmen Sie das Beispiel der Generika: Sie können die Lebenserwartung der Menschen für ganz wenig Geld dramatisch steigern, weil es die billigen Medikamente gibt. Die Forschungsaufwendungen dafür sind längst bezahlt. So können Sie den Status quo preiswert über die Welt verbreiten und dadurch erhebliche Wachstumseffekte erzeugen.

Brasilianisierung heißt Verarmung, Bürgerkrieg, Zerstörung

Als Mitglied des Club of Rome stecken Sie mitten in den Diskussionen um den Klimawandel. Wie müssten die ökonomischen Strukturen aussehen, damit die Umwelt eine Chance hat?

Radermacher: Die beste Lösung ist die Balance beziehungsweise der ökosoziale Ausgleich. Wenn wir alles richtig machen, bringt das binnen 70 Jahren eine zehnmal so hohe Ökoeffizienz. Wir können enorm viel Energie einsparen, wenn wir einen langfristigen Wachstums- und Innovationspfad für eine bessere Nutzung der Energie realisieren, der allerdings internationale Abkommen und die Internalisierung der externen Kosten voraussetzt. Die Brasilianisierung löst die Probleme auch, aber nur über Verarmung und potenziell um den Preis von Bürgerkrieg und Zerstörung. Das könnte in jeder Hinsicht sehr teuer für alle Beteiligten werden. Dieser Weg ist also zumindest von der sozialen Seite der Nachhaltigkeit her nicht akzeptabel. Marktwirtschaft plus nachhaltige Entwicklung - das ist der richtige Weg, den der Club of Rome auch als weltweite Ökosoziale Marktwirtschaft bezeichnet.

Welche Aufgaben hätte die von ihnen befürwortete zentrale Regulierung durch eine weltweite Governance-Struktur?

Radermacher: Sie kümmert sich um das Ökologische, Soziale, die Balance zwischen den Kulturen, den ökonomischen Prozess selbst. Letzteres betrifft beispielsweise die Mittelstandspolitik oder auch Kartellbehörden, die in der Lage sind, Kartelle, diesmal auf globaler Ebene, wirkungsvoll zu verhindern. Man braucht also eine vernünftige Regulierung des Sozial-Kulturellen, der Umwelt und der Ökonomie - dann entwickelt sich größter Wohlstand unter der Bedingung einer Balance zwischen den Menschen und mit der Natur.

Stünde am Anfang des von ihnen skizzierten gesellschaftlichen Wandels ein Umverteilungsprozess?

Radermacher: Typischerweise nicht. Kapitalkonzentration ergibt sich fast von alleine und ist im Kern nicht das Problem. Die Frage ist, wie Gewinne eingesetzt und vor allem auch besteuert werden. Wäre Kapital hier zentral das Hauptproblem, wären die Aussichten auf Besserung noch viel schlechter, als sie es jetzt ohnehin schon sind. Wenn Sie es unter den gegebenen Bedingungen richtig machen, induzieren Sie einen mit Nachhaltigkeit kompatiblen Wachstumsprozess, bei dem wir im Norden zirka ein bis zwei Prozent durchschnittliches Wachstum über lange Zeit hinbekommen können, der Süden käme auf fünf bis sechs Prozent. Die Weltwirtschaft würde jährlich im Durchschnitt um drei bis vier Prozent wachsen. Und die Verbesserung der Ökoeffizienz, die man pro Jahr zusätzlich hinbekäme, läge in derselben Größenordnung.

"Die Kapitalkonzentration ist nicht das Problem"
"Die Kapitalkonzentration ist nicht das Problem"

Der entscheidende Punkt ist, dass die Möglichkeiten des technischen Fortschritts konsequent genutzt werden. Aber das hilft nur unter der Bedingung einer adäquaten ökologischen Regulierung und bei einer angemessenen Querfinanzierung der heute ärmeren Länder. Das gelingt nur, wenn die reichen Länder dafür zu zahlen bereit sind. Die "Kröte", die wir schlucken müssen, ist die Finanzierung von Elementen eines weltweiten sozialen Ausgleichs, aufgrund dessen die ärmere Welt der konsequenten weltweiten Regulierung in Umweltfragen überhaupt erst zuzustimmen bereit ist. Das ist übrigens etwas, was in jedem Nationalstaat selbstverständlich ist und auch in der EU bei jeder Erweiterung immer wieder auf die Tagesordnung gesetzt wird (zum Beispiel über Strukturfonds).