Prof. Dr. Dr. Radermacher

"Das offene Internet ist in Gefahr"

22.06.2009
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.

Nur eine 35-prozentige Chance auf eine "Welt in Balance"

Wie groß muss der Leidensdruck Ihrer Meinung nach werden, damit dieser Prozess überhaupt in Gang kommt? Es gibt ja verschiedene Institutionen auf der Welt, die sich zu bestimmten Themen zusammensetzen, aber dann in der Umsetzung große Probleme haben. Weil es immer auf Kompromisse hinauslaufen muss - und wenn jemand ein Veto-recht einbringt, liegt der Prozess auf Eis.

Radermacher: Deshalb ist die Möglichkeit des Scheiterns durchaus realistisch. Es gibt aus meiner Sicht drei Möglichkeiten für die Zukunft: die der Brasilianisierung, der ich eine 50-prozentige Chance gebe, die des öko-sozialen Ausgleichs, die Chance liegt bei etwa 35 Prozent, und die des ökologischen Kollaps mit schwer absehbaren Folgen. Wahrscheinlichkeit: etwa 15 Prozent.

Können Sie das Szenario des ökologischen Kollaps beschreiben?

Radermacher: Er würde den Zusammenbruch der ökologischen Systeme bedeuten, etwa im Rahmen einer Klimakatastrophe mit der Folge schwerster Verwerfungen, was die Wirtschaft, den Frieden und die Umwelt angeht. Der Kollaps würde weltweit Milliarden Todesopfer fordern, weil die Ernährung nicht mehr gesichert wäre und der Kampf um Ressourcen weitere Opfer fordern würde.

Für Veränderungen wäre es nötig, dass auch die Eliten Leidensdruck verspüren. Das ist aber momentan nicht der Fall.

Radermacher: Das sehe ich nicht so. In der Folge der Weltfinanzkrise haben viele Vertreter der Eliten massiven Leidensdruck gespürt. Das Problem war, dass dieselben Regularien, die einen "Goldrausch" über Geldmengenausweitung wie nie zuvor ermöglicht haben - dazu gehört übrigens Basel II in Kopplung mit internationalen Bilanzierungsrichtlinien, der "Industrialisierung" von Verbriefungsprozessen und dem massiven Einsatz von "Credit Default Swaps" - im Zuge der Finanzkrise wie ein Brandbeschleuniger gewirkt haben. Sie haben die Firmen in die Insolvenz getrieben - durch den Verbrauch des Eigenkapitals. Das ist aber der Moment, in dem Unternehmer beziehungsweise Manager mit einem Bein im Gefängnis stehen. Nämlich wegen Konkursverschleppung, wenn sie nicht bestimmte Meldungen vornehmen oder Eigenkapital beschaffen. Teile der Bankelite standen in einer dynamischen Abwärtsbewegung vor gewaltigen Handlungszwängen, die bei Unkorrektheit strafrechtliche Dimensionen beinhaltet hätten. Das ist der Moment, in dem sofort reagiert wird - und das ist der Grund, warum in den letzten paar Wochen so viel passiert ist. Der GAU ist da, und das ist noch nicht das Ende.

Denn hinter der jetzigen Finanzkrise wartet schon die noch größere, und zwar als Folge der exorbitanten Verschuldung der Staaten, die in Teilen wiederum aus der Bewältigung der aktuellen Krise resultiert. Wir haben in dieser Hinsicht keine zehn Jahre mehr Zeit. Uns droht als nächstes der Finanzkollaps der Staaten. Wenn wir jetzt nicht relativ schnell das Problem der Steuerparadiese, der Besteuerung der globalen Finanztransaktionen und der Einhegung der grenzüberschreitenden Steueroptimierung lösen, werden wir einen Zusammenbruch der bisherigen Strukturen nicht vermeiden können. Die Möglichkeit, dass wir einen Währungsschnitt mit allen Konsequenzen für die Eigentumsverhältnisse bekommen, ist durchaus gegeben!