Prof. Dr. Dr. Radermacher

"Das offene Internet ist in Gefahr"

22.06.2009
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.

Manche Akteure möchten kein offenes Internet

Fürchten Sie nicht, dass die individuelle Freiheit der Menschen zu stark eingeschränkt würde?

Radermacher: Nein, ganz im Gegenteil! Vernünftige Regeln für alle fördern die Freiheit. Einschränkungen von Freiheit sind vor allem unter Bedingungen der Brasilianisierung zu erwarten. 95 Prozent der Menschen und mehr wären arm, nur wenige bildeten eine Elite. Es gibt einflussreiche Akteure, die auf eine solche extrem asymmetrische Gesellschaft hinsteuern und die Umverteilung nach oben zugunsten der fünf Prozent vorantreiben. Diese Akteure mögen kein offenes Internet. Das brauchen Sie hingegen, wenn Sie eine reiche Welt für möglichst viele Menschen anstreben. In einer solchen Welt wären die Menschen gut ausgebildet, verbesserten ständig die Ökoeffizienz und würden das Netz unter anderem dazu nutzen, die Transaktionskosten in Wirtschaftsprozessen zu senken.

Das ist ein Modell, in dem Sie relativ preiswert Ressourcen aktivieren können. Das gibt vor allem Sinn, wenn Sie zehn Milliarden reiche Menschen auf dem Globus haben wollen. Wenn das aber gar nicht Ihr Ziel ist, haben Sie eine andere Ökonomie im Sinn: klare Trennung von oben und unten, unterschiedliche Rechte auf verschiedenen Ebenen und permanente Kontrolle.

Das hört sich fast an wie eine Verschwörungstheorie, als wenn ein Kern von Menschen sich global zusammengetan hätte, um den Rest der Menschheit auszubeuten.

Radermacher: Es gibt Menschen, die genau das wollen. Und es gibt Think Tanks, die dafür bezahlt werden, sich zu überlegen, wie man dahin kommt.

Was treibt denn solche Menschen?

Radermacher: In einer globalen Gesellschaft, die sich von ökosozialen Maximen leiten lässt, werden sich die Durchschnittseinkommen immer mehr angleichen. Weltweite soziale Balance hat dann zur Folge, dass Indien und China irgendwann die größte Ökonomie sein werden und zum Beispiel nicht mehr die USA mit ihren vergleichsweise wenigen Einwohnern. Da aber die größte Ökonomie auch das größte Militär hervorbringt, werden die USA mit ihrem relativ kleinen Anteil an der Weltbevölkerung auf Dauer nicht mehr das Weltgeschehen kontrollieren können, wie sie das heute tun. Wenn Sie mit einem geringen Prozentsatz der Weltbevölkerung die weltweiten Prozesse kontrollieren wollen, müssen Sie dafür sorgen, dass etwa 80 bis 90 Prozent der Menschen auf diesem Globus vergleichsweise arm bleiben.

Radermacher: "Die Eliten sitzen in Dubai zusammen, machen Geschäfte und spielen Golf"
Radermacher: "Die Eliten sitzen in Dubai zusammen, machen Geschäfte und spielen Golf"

Unter den heutigen Globalisierungsbedingungen zieht dies dann aber auch Verarmungsprozesse in den heute reichen Ländern nach sich. Das ist die Brasilianisierung. Sie beinhaltet, dass auf Dauer auch die meisten Amerikaner und Europäer auf diesem Globus vergleichsweise arm sein werden. Das finden Teile der globalen Elite aber in Ordnung. Diese Eliten schließen sich weltweit zusammen und bauen eine supranationale Struktur so auf, dass sie ihren Zielen dient. Es ist eben nicht mehr so wie zu Zeiten früherer Nationalstaaten, als die Eliten ihre Machtbasis national hatten. Die einen hatten ihre Machtbasis im Ruhrgebiet, die anderen in Frankreich und die Dritten in England. In der Globalisierung sitzen Eliten von überall her beispielsweise in Dubai zusammen und machen Geschäfte fast im rechtsfreien Raum. Die fahren an die schönsten Stellen der Erde und sorgen dafür, dass es dort sichere Zonen gibt. Dort ist es wunderbar. Sie haben ihren Golfplatz, ihr Fünf-Sterne-Hotel, ihr Kongresszentrum und ihre Mall, ihren Flughafen, ihre Prachtstraßen etc.

Das hört sich an wie eine Rückkehr ins Mittelalter…

Radermacher: Darum sprechen wir auch von einer Refeudalisierung.