Interview mit Marika Lulay, ab Juni 2017 CEO von GFT Technologies

Blockchain wird die Bankenwelt verändern

Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Mit einem starken Fokus auf die Finanzbranche ist das von Ulrich Dietz gegründete Beratungshaus GFT auf weltweit fast 5000 Mitarbeiter herangewachsen. Ab Juni 2017 übernimmt Marika Lulay den Chefsessel. Sie sieht große Herausforderungen auf die Bankenwelt zukommen.
  • Banken müssen sich entscheiden, wie sie sich spezialisieren wollen. Für Allrounder wird die Luft dünner
  • FinTechs tun den Banken weh, aber sie erschüttern nicht deren Fundament
  • Schon heute ist erkennbar, wie die Blockchain übergreifende Bankenprozesse vereinfacht

Die GFT SE hat ihren Geschäftsschwerpunkt in der Bankenwelt. Diese Branche ist aber in den vergangenen Jahren durch die Finanzkrise und deren Folgen massiv unter Druck geraten. Sie erinnern sich sicher an den Deutsche-Bank-Chef John Cryan, der zu seinem Amtsantritt die IT-Infrastruktur seiner Bank als eines der Kernprobleme ausmachte.

Marika Lulay verantwortet als COO das operative Geschäft des auf Banken und Versicherungen spezialisierten IT-Beratungsunternehmens GFT Technologies SE in Stuttgart. Zum 1. Juni 2017 wird Lulay von Unternehmensgründer Ulrich Dietz den Vorstandsvorsitz übernehmen. Dietz wird dann Sprecher des Aufsichtsrats.
Marika Lulay verantwortet als COO das operative Geschäft des auf Banken und Versicherungen spezialisierten IT-Beratungsunternehmens GFT Technologies SE in Stuttgart. Zum 1. Juni 2017 wird Lulay von Unternehmensgründer Ulrich Dietz den Vorstandsvorsitz übernehmen. Dietz wird dann Sprecher des Aufsichtsrats.
Foto: GFT Technologies SE

Marika Lulay: Cryans These war, dass die IT-Infrastruktur der Deutschen Bank zu komplex geworden sei. Das liegt unter anderem daran, dass es sich hierbei um eine große Universalbank handelt, die mit ihren IT-Systemen alle Formen von Bankgeschäften abdecken muss. Sie muss außerdem den Regularien in sämtlichen Ländern genügen - allein das ist schon eine riesige Herausforderung. Das gilt vor allem im Vergleich mit einem Spezialinstitut, das entweder weniger Märkte adressiert oder nicht so viele Bankdienstleistungen anbietet.

Folge der Finanzmarkt-Krise: mehr Komplexität

Mit Komplexität müssen aber auch andere große Allround-Banken umgehen.

Lulay: Man muss die Gesamtsituation der Branche betrachten. Alle Banken sind nach der Finanzmarkt-Krise nahezu gleichzeitig mit zwei Themen konfrontiert worden: einer beispiellosen Regulierungswelle, die dazu führte, dass sehr viele Systeme erschaffen, Daten gesammelt und Reports angefertigt werden mussten - wiederholbar und nachvollziehbar. Das hat die Komplexität der Systeme weiter erhöht. Hinzu kam der wachsende Kostendruck, der notwendige Investitionen in neue Systeme erschwerte. Dabei ist heute klar, dass die Systeme schlanker, schneller, besser werden müssen. Einige Banken sind das Thema früher angegangen, andere etwas später - das hing auch davon ab, unter welchem Druck sie standen.

Was bedeutet dieses Marktumfeld für Sie als GFT?

Lulay: Für uns als Dienstleister war das nicht die schlechteste Ausgangslage. Wir haben den Banken zunächst geholfen, die Regulierungen zu implementieren und jetzt helfen wir ihnen, das Thema Digitalisierung voranzutreiben, beispielsweise mithilfe von Microservices oder API-Plattformen.

Es läuft auf die Microservices-Architekturen hinaus

Gibt es eine Art Zielarchitektur für die Banken? Cloud-first, Microservices, Legacy-Welt, Innovationsthemen - den Umbau zu managen und klar zu identifizieren, wohin man eigentlich will, scheint nicht ganz einfach.

Lulay: Was vor ein paar Jahren die Serviceorientierte Architektur (SOA) war, ist heute die Mircoservices-Architektur - sie ist sozusagen eine Spezialisierung der SOA: Sie macht die Systeme flexibler, erhöht aber auch die Komplexität, weshalb es wichtig ist, sie durch entsprechende API-Management-Plattformen zu überwachen. Die Microservices-Architektur kann man durchaus als Zielarchitektur bezeichnen.

Gleichzeitig gilt es, die eigenen Systeme im Sinne des Lift-and-Shift-Ansatzes in die Cloud zu bringen. Die Migration an sich ist relativ einfach, denn die Datenbank und Anwendungen werden nahezu unverändert in die Cloud gehoben. Im Anschluss stellen die Beteiligten jedoch meistens fest, dass nun in Performance- und Skalierungsthemen investiert werden muss, damit in der Cloud alles reibungslos funktioniert.

Wie bringen Sie Ihre Kunden in die schöne neue Microservices-Welt?

Lulay: Wir müssen unsere Kunden dort abholen, wo sie sind - und das ist nicht die grüne Wiese. Wir transferieren Schritt für Schritt und Applikation für Applikation. Unsere Kunden identifizieren zum Beispiel 300 oder 400 Applikationen, die dann verändert werden müssen. Die Vorgehensweisen dabei sind ganz unterschiedlich. Die einen renovieren erstmal ihre Architektur, die anderen gehen Customer Journey für Customer Journey vor und modernisieren bei der Gelegenheit auch ihre Architektur. Kurz gesagt: Der eine baut erstmal das Fundament neu, der andere orientiert sich an der Customer Journey. Die Idee ist am Ende die gleiche.

Architektur oder Customer Journey?

Engagiert man nicht eine GFT, damit die einem diese Entscheidung abnimmt?

Lulay: Selbstverständlich, doch es gibt eben keinen Königsweg. Entscheidend ist immer, wie die Bank sich positionieren will. Sie kann zum einen entweder Produktanbieter sein oder zum anderen Abwickler von Finanztransaktionen über eine Service-Plattform. Es gibt sogar eine dritte Möglichkeit, bei der die Bank sagt: 'Ich besetzte die Kundenschnittstelle und kaufe mir Banking-Services im Backend ein!' Das sind große Unterschiede, die differenzierte Herangehensweisen erfordern: Konzentriert man sich auf die Customer Journey oder kümmert man sich zunächst um die Architektur?

Wie stellt sich eine GFT auf, um diesen verschiedenen Kundeninteressen gerecht werden zu können?

Lulay: Wir arbeiten mit Client Units, die einen oder mehrere Kunden betreuen können. Das sind kleine Einheiten mit sechs bis sieben Leuten auf Senior-Level. Sie verstehen den Kunden, kennen seine Ziele und Vorhaben, seine Budgetplanung und die Denkweise des Managements. Im Hintergrund werden sie von unseren Consultants unterstützt, das sind Programmierer, Architekten, Programmleiter etc. Diese sind weltweit in sogenannte Professional-Services-Units aufgeteilt, die sich wiederum in Practices aufsplitten - und zwar nach technischen Kompetenzen und fachlichen Themen. Wenn jetzt eine Client Unit sagt: Mein Kunde möchte etwas zum Thema Architektur machen, kann sie sich aus den Professional Services Units weltweit ein Team zusammenstellen, das die nötige Kompetenz mitbringt.

Wie austauschbar sind die Leistungen, die Sie weltweit erbringen? Die Märkte sind unterschiedlich, die regulatorischen Anforderungen erst recht.

Die Blockchain-Technologie wird sich aus Sicht von Marika Lulay disruptiv auf die internationalen Finanzmärkte auswirken. In den FinTechs sieht sie eher keine grundsätzliche Bedrohung.
Die Blockchain-Technologie wird sich aus Sicht von Marika Lulay disruptiv auf die internationalen Finanzmärkte auswirken. In den FinTechs sieht sie eher keine grundsätzliche Bedrohung.
Foto: GFT Technologies SE

Lulay: Fachlich gibt es große Übereinstimmungen, aber auch Differenzen - ein Kontoeröffnungsprozess in Brasilien folgt anderen Autorisierungsvorschriften als in Deutschland. Aber im Grundsatz funktioniert vieles ähnlich und unsere Mitarbeiter, die auf diese Branche spezialisiert sind, verstehen schnell, was übernommen werden kann und was individuell entwickelt werden muss. Um beim Beispiel zu bleiben: Die Details zur Problematik bei der Kontoeröffnung in Brasilien müssen vom lokalen Team kommen. Deshalb ist es so wichtig für uns, unsere fast 5000 Mitarbeiter global verteilt einzusetzen, nur so können wir die lokalen Besonderheiten verstehen. Die Technologie dahinter ist weniger problematisch. Ob sie jetzt mit einer Atlassian-Suite arbeiten oder mit irgendwelchen IBM-Tools, folgt im Prinzip dem gleichen Schema.