Interview mit Marika Lulay, ab Juni 2017 CEO von GFT Technologies

Blockchain wird die Bankenwelt verändern

02.05.2017
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.

FinTechs knabbern an der Wertschöpfungskette

In der Digitalisierung stehen alle Branchen unter Druck, auch die Banken, deren Wertschöpfungsketten durch die FinTechs angeknabbert werden. Wie bedrohlich sind die Startups für alteingesessene Finanzinstitute?

Lulay: Anknabbern ist ein hervorragendes Sinnbild. Die meisten FinTechs bieten keine End-to-End-Services an, sondern nehmen sich Teile der Wertschöpfungskette heraus. Viele von ihnen machen das gut. Sie haben den Banken vorgeführt, wie man bessere, kundennähere Dienstleistungen erbringen kann. Doch das Anknabbern tut den Banken nur ein bisschen weh, es erschüttert sie nicht in ihrem Fundament - auch, wenn es zeigt, wo sie im Detail besser werden können. Übrigens kommt die wahre Bedrohung meiner Ansicht nach nicht von FinTechs, sondern von großen Tech-Unternehmen.

Abgesehen von der Konkurrenz ist das eigentliche Problem hausgemacht: Die Bankenwelt krankt oft an ihren eigenen Prozessen. Diese könnten zum Großteil einfacher, schneller und intelligenter aufgesetzt werden - und darin steckt richtig viel Geld. Banken haben heute eine Cost-Income-Ratio-Quote von bestenfalls 70 Prozent. Oberhalb der Grenze von 80 Prozent wird es langsam problematisch. Wir haben einige Kunden, die auf 50 Prozent kommen wollen. Sie glauben, dass zehn Prozent alleine durch Digitalisierungsinstrumente erreichbar sind, beispielsweise durch Prozessautomatisierung und Künstliche Intelligenz.

Ein Kernproblem besteht also darin, dass viele Banken immer noch alles wollen. Sie möchten die Kundenschnittstelle besetzen und investieren deshalb in die Customer Journey. Sie wollen ihre internen Prozesse automatisieren und investieren dort. Und sie denken daran, als Plattformbetreiber zu agieren und investieren deshalb in APIs und neue Architekturen. Die wenigsten werden es allerdings schaffen, alles zu machen. Zukünftig werden wir eher verschiedene Banktypen sehen, auch wenn heute noch keine der großen Banken bereit ist, den Allrounder-Anspruch aufzugeben.

Kann man überhaupt Banking-Services anbieten, ohne die Kundenschnittstelle zu kontrollieren?

Lulay: Durchaus, es gibt da auch ein ganz prominentes Beispiel hier in Deutschland: das O2-Konto. Der Mobilfunk-Carrier bietet seinen Kunden ein Bankkonto an, ist aber keine Bank und hat auch keine Banklizenz. O2 bedient sich der Plattform-Services der Fidor Bank. Die macht die Abwicklung, der Endkunde kennt diese Bank im Zweifel gar nicht. Er bekommt auch keine Zinsen ausgezahlt, sondern wird in Datenvolumen bezahlt.

Man muss heute also keine Bank sein, um ein Konto anzubieten. Im Hintergrund brauchen Sie aber immer ein Institut mit einer Banklizenz. Ein weiteres Beispiel für einen Anbieter der ohne Kundenschnittstelle agiert ist die Solaris-Bank, sie ist ausschließlich eine Plattform.

Tech-Riesen könnten die Bankenwelt entdecken

Sie haben angedeutet, dass die großen Tech-Konzerne die eigentliche Bedrohung für Banken werden könnten. Wie meinen Sie das?

Lulay: Bisher beschränken sich die Technologieriesen darauf, die Werkzeuge zur Verfügung zu stellen: Cloud-Lösungen, Apps, Plattformen, Algorithmen. Solange sie damit höhere Gewinnmargen erzielen als mit regulierten Bankgeschäften, wird das auch so bleiben. Aber irgendwann kommt vielleicht der Zeitpunkt, an dem die Marge im eigenen Kerngeschäft nicht mehr attraktiv genug ist. Dann werden sich die Tech-Riesen auf andere Branchen ausbreiten, auch auf die Bankenwelt.

Konzerne wie Google, Amazon oder Facebook werden von nahezu jeder Branche als potenzielle Bedrohung angesehen, obwohl sie ihre angestammten Technologiemärkte nie verlassen haben. Warum traut man ihnen die Kompetenz zu?

Lulay: Wir sollten den Blick nicht nur nach Westen, sondern auch nach Osten richten. Schauen Sie sich an, wie tief Alibaba mit Services wie AliPay und AliBank bereits in das klassische Bankengeschäft eingestiegen ist. Diese IT-Provider, auch Apple oder Google, können ihre Kunden einfach dazu bringen, ein bargeldloses Bezahlverfahren zu verwenden, indem sie es flächendeckend ausrollen und ihren Größenvorteil ausspielen.Unsere Banken müssten sich erst Gedanken über ihre Geldautomaten und Filialnetze machen. Die Silicon-Valley-Riesen können diesen Schritt übergehen. Sie haben wenig Komplexität und sie wissen, wie man mit Milliarden von Endkunden umgeht. Sie haben ihren Kunden außerdem beigebracht, dass ein unfertiges Produkt kein Problem darstellt. Außerdem haben sie unmittelbaren Zugriff auf die Daten ihrer Kunden. Wie viele Industrien arbeiten sonst noch direkt mit ihren Endkunden? Die IT-Konzerne haben ihre Kunden ganz anders im Griff.

Die Banken könnten ja endlich einmal vernünftig zusammenarbeiten, um beispielsweise Verfahren wie Paydirekt oder Giropay wirklich flächendeckend voranzubringen…

Lulay: Tatsächlich arbeiten sie in vielen Konsortien bereits zusammen, wir sehen das beispielsweise beim Thema Blockchain. Doch solange jede Bank noch denkt, sie können alle drei Spielfelder besetzen, werden sie weiterhin allenfalls taktisch kooperieren. Sie nehmen dann zwar an Konsortien teil, wollen aber eigentlich nur wissen, was dort passiert und nicht die Dinge wirklich vorantreiben.