Einseitiger Fokus

Woran Cloud-Schulungen kranken

Kommentar  22.11.2023
Von 

David Linthicum ist ein US-amerikanischer Technologieexperte und Buchautor. Zu seinen Schwerpunktthemen gehören unter anderem Cloud Computing, SOA, Enterprise Application Integration und Enterprise Architecture.

Das Gros der Cloud-Schulungen vermittelt Anbieter- beziehungsweise markenspezifische Kenntnisse. Mit Blick auf die Fähigkeit zu skalieren, ist das unter Umständen ein fataler Weg.
Spezifische Zertifizierungen für die Cloud-Angebote der Hyperscaler stehen hoch im Kurs. Mit Blick auf die Zukunft könnte sich dieser einseitige Fokus allerdings verheerend auswirken.
Spezifische Zertifizierungen für die Cloud-Angebote der Hyperscaler stehen hoch im Kurs. Mit Blick auf die Zukunft könnte sich dieser einseitige Fokus allerdings verheerend auswirken.
Foto: VDB Photos - shutterstock.com

Beim Blick auf die diversen Listen, die einen Überblick über die bestbezahlten Cloud-Zertifizierungen geben, sind Marken- und Anbieter-spezifische regelmäßig im Übermaß vertreten. Sie fokussieren auf bestimmte Security-, Datenbank- oder DevOps-Services und garantieren aktuell einen gut bezahlten Job.

Das ist einerseits verständlich, weil die Recruiter ihren Marschbefehl von den IT-Verantwortlichen bekommen. Meist ausgestattet mit sehr spezifischen Anforderungen läuft es dann am Ende auf einen Kandidaten mit entsprechender Cloud-Zertifizierung hinaus. Unternehmen, die künftig mit ihren Talenten skalieren wollen, sollten allerdings eher in der Breite statt in der Tiefe rekrutieren.

Problembehafteter Fokus

Denn ansonsten bekommen sie eine Gruppe von Talenten, die sich zwar mit einer bestimmten Cloud-Marke und einem bestimmten technologischen Subsystem auskennen, aber nicht in der Lage sind, über diese Rolle hinauszugehen. Das ist problematisch, denn wenn wir Cloud-Lösungen weiterdenken, wird Vielseitigkeit zu einer maßgeblichen Fähigkeit: Was Unternehmen brauchen, sind breite Skillsets, keine One-Trick-Ponys.

So kommt es dann zu Situationen, in denen Unternehmen Millionen einsparen könnten, wenn sie von Cloud A zu Cloud B mit der besseren Architektur wechseln - es aber nicht können, weil sie ähnlich viel Geld investiert haben, um Mitarbeiter mit spezifischen Cloud-Kenntnissen zu verpflichten. Diese vermeintliche Zukunftsinvestition stellt sich spätestens dann als hinderlich heraus - und wird zur Blockade, wenn bei den Mitarbeitern der Wille zur Umschulung fehlt. Cloud B überhaupt als Option ins Spiel zu bringen, kann bereits ungeahnte Folgen nach sich ziehen. Etwa, dass sich die Mitarbeiter mit der Cloud-A-Zertifizierung zurückgesetzt fühlen.

Die traurige Realität in vielen Firmen: In Cloud A wurde so viel investiert, dass das Unternehmen nicht bereit ist, andere Lösungen in Betracht zu ziehen und unter suboptimalen Lösungen leidet, die seinen Wert schmälern.

Geradewegs in die neue, alte Cloud-Falle

Sich über diese Zustände zu beschweren, wird allerdings nicht viel ändern. Schließlich pumpen die Cloud-Hyperscaler Milliarden in Marketing-Kampagnen für Brand Awareness und Zertifizierungsprogramme. Sie haben die Cloud-Anwender längst davon überzeugt, dass ihre hauseigenen Zertifizierungen notwendig sind, damit ihre Produkte funktionieren - und das stimmt größtenteils auch.

Die Teilnehmer der Zertifizierungs- und Schulungskurse sind sich der künstlich geschaffenen Nachfrage zwar bewusst, buchen die Angebote aber dennoch, um den Anforderungen des Arbeitsmarktes gerecht werden zu können. Es ist dieselbe Formel, die wir schon in den letzten 25 Jahren erlebt haben - etwa wenn es um Zertifizierungen in den Bereichen Netzwerke und Datenbanken geht. Es handelt sich also um ein altes Problem - nur dass die negativen Folgen im Fall der Cloud wahrscheinlich weit gravierender ausfallen.

Der Schwerpunkt einer Cloud-Schulung sollte auf allgemeinen Fähigkeiten liegen, beispielsweise Architektur, Datenbankdesign, DevOps, Security oder Governance. Erst danach sollten spezifische Cloud-Skills auf der Tagesordnung stehen. Diese werden sich im Laufe der Zeit auch sehr wahrscheinlich verändern - die betroffenen Mitarbeiter müssen sich also anpassen.

Ein gutes Fundament von Cloud-Allgemeinkenntnissen würde es erleichtern, die Grundlagen auf verschiedene Technologien anzuwenden. Dazu sind heute nur wenige Cloud-Spezialisten in der Lage. Damit ein solcher Wandel stattfinden kann, müsste er von den Cloud-Anwendern ausgehen. Und die IT-Abteilung sich wieder auf ihre Wurzeln besinnen, wenn es darum geht, neue Mitarbeiter einzustellen und auszubilden. Es gilt sicherzustellen, dass diese ein abgerundetes Qualifikationsprofil aufweisen.

Ich kann gar nicht genug betonen, wie wichtig es wäre, die Art und Weise zu ändern, wie Cloud-Systeme ausgewählt, konfiguriert, aufgebaut und bereitgestellt werden. Im Moment steuern wir direkt auf "Walled Gardens" zu, die den Unternehmenswert schmälern. Schlimmer noch: Die meisten Unternehmen werden das erst realisieren, wenn es bereits zu spät ist. (fm)

Dieser Beitrag basiert auf einem Artikel unserer US-Schwesterpublikation Infoworld.