COMPUTERWOCHE Round Table IoT

Von 600 Plattformen auf zwei oder drei

20.08.2018
Von 
Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Das Internet of Things (IoT) in Deutschland und anderswo – die Diskussion über dieses Phänomen reicht von Plattformen und Ent-Netzung über Geschäftsmodelle und Proof of Concepts bis hin zu kulturell begründeten Hemmnissen. Erfahrungen von neun Branchenkennern.

Den Mut, auch mal Fehler zu machen - den wünscht Nicolai Blonner deutschen Entscheidern in Sachen Internet of Things (IoT). Nicht, damit es weh tut, sondern, damit sie lernen. Blonner kommt von Alcatel-Lucent Enterprise (ALE) Deutschland und diskutiert Mitte Juli auf Einladung der COMPUTERWOCHE mit Christian Deilmann (Tado), Oliver Edinger (Software AG), Andreas Gallasch (Software Factory), Mark Hartmann (Drivelock), Alexander Heßeler (Capgemini), Michael Scherm (New Leaf Partners Europe) und Steffen Schmickler (Bosch) sowie Michal Skubacz (Siemens) über das Internet der Dinge und seine Verankerung in den Unternehmen.

IoT zwischen Hype und Realität. Über die IoT-Adaption in den Unternehmen diskutierten die Teilnehmer des IoT-Round-Table der COMPUTERWOCHE.
IoT zwischen Hype und Realität. Über die IoT-Adaption in den Unternehmen diskutierten die Teilnehmer des IoT-Round-Table der COMPUTERWOCHE.
Foto: Patrick Hagn

Blonners beherzter Aufruf zeigt, dass das IoT weit mehr ist als ein Technologiethema. Die Runde kommt zu folgenden Ergebnissen:

1. Unternehmenskultur und Mentalität können die Adaption des IoT hemmen: Die Frage nach der Kultur oder Mentalität ist auch eine Standortfrage. "Die deutsche Wirtschaft brummt, und so fragen sich viele Entscheider: 'Wozu brauche ich das IoT?'", erklärt Blonner. Andere Länder seien da weiter. In den USA zum Beispiel frage man nicht gleich nach dem Business Case. Man lege einfach mal los.

Nicht über den großen Teich, sondern nur über den Kanal guckt Tado-Manager Deilmann. "Am Beispiel Smart Meter zeigen sich die unterschiedlichen Mentalitäten. Während wir in Deutschland immer noch abwägen, wird in England einfach entschieden und eine Smart-Meter-Lösung ausgerollt, die die Politik bestimmt hat", sagt er.

Informationen zu den Partnerpaketen für die IoT-Studie

Konzerne treiben IoT

Uneins zeigt sich die Runde bei der Einschätzung des Faktors Unternehmensgröße. So beobachtet Edinger (Software AG): "Ein Konzern, der mit bewährten Geschäftsmodellen Milliarden erwirtschaftet, tut sich schwerer als ein Start-up." Sein Rat: sich an ebensolchen beteiligen. Anders die Erfahrung von Scherm (New Leaf Partners Europe): "In Deutschland wird das IoT durch Konzerne getrieben. Deren Chefs erkennen, dass das in fünf oder 20 Jahren wichtig wird." Mittelständler orientieren sich eher am jetzigen Markt und ziehen dann nach.

Ein weiterer Aspekt liegt in der Arbeitsweise eines Unternehmens. Schmickler und sein Team arbeiten agil. Die Kunden reagieren positiv - können es aber selten im eigenen Unternehmen umsetzen. "Und dann fragen sie doch wieder nach dem Drei-Jahres-Plan", so der Bosch-Manager. Das Festhalten an den herkömmlichen Prozessen blockiert die breitere Adaption des IoT.

Proof of Value statt Proof of Concept

2. Proof of Concept und Business Case haben ihre Grenzen: Eine Erfahrung teilen alle Diskussionsteilnehmer: Der Weg ins IoT beginnt oft mit einem Proof of Concept (PoC). Dazu Edinger: "Das ist die falsche Herangehensweise. Denn technisch ist vieles möglich. Aber ich brauche einen Proof of Value!" Dieser Forderung will Deilmann (Tado) gar nicht widersprechen. Wobei er genug erfolgreiche Beispiele dafür kennt, dass zunächst ein begrenzter PoC aufgesetzt und das IoT danach Schritt für Schritt im Unternehmen ausgerollt wurde. Sein Fazit lautet also: "Business Value, Business Case, PoC - das ist ein iterativer Prozess."

Damit stellt sich die Frage nach dem Ziel der IoT-Einführung. Hier unterscheidet Heßeler (Capgemini) zwei Bereiche: "Zum einen kann es darum gehen, komplett neue Geschäftsmodelle zu entwickeln, zum anderen darum, Prozesse effizienter zu gestalten."

Plattformen konsolidieren

3. Die Zahl der Plattformen wird sich konsolidieren: Auf rund 600 schätzt die Runde den Status quo in Deutschland. Wie man dabei Security gewährleisten solle, das sei eine echte Herausforderung, kommentiert Hartmann (Drivelock). Gerade weil in Deutschland so viel produzierendes Gewerbe sitze, müsse das Interesse an Standards hoch sein. "Hier könnte Deutschland eine Vorreiterrolle beim Technologieaustausch übernehmen", fordert er.

ALE-Manager Blonner zeigt sich pessimistisch. Angesichts dieser Mengen an Plattformen werde es keine Standards geben, unkt er. Die Aufgabe der Verantwortlichen liege daher in der Orchestrierung. Sein eigenes Unternehmen jedenfalls spricht inzwischen schon von Ent-Netzung. "Wir müssen dafür sorgen, dass der Traffic nur dahin gerät, wo er hin darf", erklärt Blonner.

Zum Thema Internet of Things (IoT) führt die COMPUTERWOCHE derzeit eine Multiclient-Studie unter IT-Entscheidern durch. Die Studie soll zeigen, wie europäische Unternehmen das Thema Internet of Things (IoT) angehen. Haben Sie Fragen zu dieser Studie oder wollen Sie Partner werden, dann hilft Ihnen Frau Nicole Bruder (nbruder@idg.de, Telefon: 089 36086 137) gerne weiter. Informationen zur IoT-Studie finden Sie auch hier zum Download.

Industrial IoT versus Consumer IoT

Deilmann (Tado) unterscheidet zwischen Industrial IoT und Consumer IoT. "Im Industrial IoT wird es sicher auch in Zukunft viele Plattformen geben, die vernetzt und orchestriert werden müssen, im Consumer IoT dagegen maximal zwei bis drei. Solche Consumer-Plattformen unterliegen Netzwerkeffekten und resultieren immer in einem "The-Winner-takes-it-all-Markt", behauptet er. Gelächter in der Runde - und der Zwischenruf: "Ist das eine These oder eine Hoffnung?"

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Fazit von Capgemini-Analyst Heßeler: "Es wird immer mehrere Plattformen geben. Das Rennen werden die machen, die sich am besten vernetzen lassen." Was Edinger (Software AG) bestätigt. Die Bereitschaft, sich zu öffnen, sei für Plattformanbieter zwingend notwendig. "Die Plattform wird immer eine Horizontaltechnologie bleiben, denn der Kunde will sich damit nicht auseinandersetzen. Der will sich mit Vertikalisierung befassen", sagt er. Basis für einen offenen Marktplatz ist die Nutzung offener Standards und Open Source, fügt Schmickler (Bosch) an. Niemand in der Runde kann sich auf eine künftige Anzahl festlegen, aber als sicher gilt: Der Markt für Plattformen wird sich konsolidieren.

IoT-Plattformen als Marktplätze?

Eine andere Frage ist, ob und wie sich Geschäftsmodelle und Kundenverhalten ändern. Konkret: Werden die Unternehmen Plattformen als Marktplätze begreifen? Werden sie sich dort selbst umsehen? Dazu Scherm (New Leaf Partners Europe): "Der Vertrieb muss den Kunden immer wieder dazu bringen, auf die Plattform zu kommen. So, wie es bisher war - der Deal ist für den Vertriebler abgeschlossen und der Service übernimmt -, wird es nicht mehr sein." Skubacz fügt an: "Das gilt insbesondere für Maschinenbauer. Sie haben bisher eine sehr enge Beziehung zum Kunden. Das muss man bei Plattformen berücksichtigen und mit entsprechenden Geschäftsmodellen auffangen." Allerdings wollen sich gerade Maschinenbauer nicht als Softwarelieferanten positionieren, überlegt Gallasch (Software Factory). Umgekehrt verstehen Firmen, die jetzt schon softwarelastig sind, Plattformen schon eher als Marktplätze.

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Zwischen Hype und Hard Facts

In der Gesamtbetrachtung lässt sich also die Ausgangsfrage der Diskussion, wieweit das Internet der Dinge hierzulande und international in den Unternehmen verankert ist, nur jeweils für die einzelnen technologischen und organisatorischen Aspekte beantworten. Dabei mischen sich Hard Facts mit Hype. Ein Beispiel nennt Gallasch: "Augmented Reality kommt im Marketing sehr gut an. Aber die Frage ist doch, wie es im Service ankommt, und dort müssten sich viele Prozesse verändern."

Manchen Entscheidern fehlt auch einfach das Vertrauen, dass die Technologie stabil bleibt. Oder sie gehen davon aus, dass sie ihren Bestand an Maschinen und Systemen ja ohnehin irgendwann ersetzen müssen und IoT-Komponenten aufgrund des Fortschritts dann sowieso mitgeliefert bekommen. Es fehle eben das "Think big", seufzt Blonner (ALE). Neben seiner Aufforderung zum Mut am Scheitern gibt deshalb auch Siemens-Mann Skubacz Entscheidern etwas mit auf den Weg: "Man muss an das IoT glauben. Es wird kein Weg daran vorbeiführen. Ein Unternehmen braucht deshalb eine Vision und ein Commitment aus der Geschäftsführung. Und das muss länger halten als zwei Wochen und einen Proof of Concept."