Multi-Cloud-Management

Mit Azure Arc drängt Microsoft ins Zentrum hybrider Cloud-Umgebungen

14.11.2019
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Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
Um zusätzliche Werkzeuge erweitert Microsoft die Funktionspalette seiner Azure Cloud. So sollen die Anwender damit künftig auch hybride Landschaften inklusive AWS- und Google-Cloud-Infrastrukturen verwalten und steuern können.

"Wir wollen, dass jedes Unternehmen ein digitales Softwareunternehmen ist", sagte Microsoft-CEO Satya Nadella zum Auftakt der Entwicklerkonferenz Ignite Anfang November in Orlando, Florida. Microsoft habe sich zum Ziel gesetzt, digitale Technologien so weit herunterzubrechen und zu verallgemeinern, dass jedes Unternehmen in die Lage versetzt werde, die eigene Orga­nisation in eine digitale Company umzuwandeln. Das sollte nicht nur für einige Firmen an der Westküste der USA oder im Osten Chinas gelten. "Unsere Mission ist – einfach ausgedrückt –, Sie zu befähigen, die notwendigen technologischen Fähigkeiten aufzubauen."

Microsoft-Chef Satya Nadella rückt Azure ins Zentrum der eigenen Softwarestrategie. Auf der Ignite in Orlando warb der Manager vor über 26.000 Besuchern mit neuen Tools und Services für die eigene Cloud-Infrastruktur um die Gunst der Entwickler.
Microsoft-Chef Satya Nadella rückt Azure ins Zentrum der eigenen Softwarestrategie. Auf der Ignite in Orlando warb der Manager vor über 26.000 Besuchern mit neuen Tools und Services für die eigene Cloud-Infrastruktur um die Gunst der Entwickler.
Foto: Microsoft

Für den digitalen Unterbau dient Nadella seinen Kunden die eigene Cloud-Plattform Azure an. Er bekräftigte seine bereits im vergangenen Jahr getätigte Absicht, Azure zu einer Art Weltcomputer auszubauen. Um die Daseins­berechtigung eines solchen Systems zu untermauern, verwies Nadella auf die für das Jahr 2030 prognostizierte Zahl von etwa 50 Milliarden vernetzten Geräten und die bis 2025 bevorstehende Vervierfachung des weltweiten Datenvolumens auf 175 Zettabyte. "Das ist es, was uns motiviert, Azure in dieser verteilten Compute-Fabric zu einem Weltcomputer zu entwickeln."

Nadella verwies auf die mittlerweile 54 Data-Center-Regionen, die Microsoft weltweit für Azure betreibt, und strich die Offenheit der In­frastruktur heraus. "Windows und Linux, Java und .NET, Kubernetes, RedShift, VMware, Ora­cle, SQL Server, Postgres – jede Schicht des Stacks ist offen." Als neues Kriterium für den Betrieb der eigenen Rechenzentren brachte der Microsoft-Chef die Nachhaltigkeit ins Spiel. In diesem Sommer habe Microsoft ein Data-Center-Design entwickelt, das keine Abfälle produziere und zu 100 Prozent mit erneuerbaren Energien laufe. Ein erstes umweltschonendes Data Center werde in Schweden aufgebaut. Langfristig will Microsoft dieses Design in sämtlichen Azure-Regionen weltweit ausrollen.

Mit Azure Arc die Multi-Cloud im Griff behalten

Auch funktional baut Microsoft seine Azure Cloud weiter aus. Auf der Ignite stellte der Softwarekonzern das Management-Tool "Azure Arc" vor, mit dessen Hilfe Anwender ihre gesamte IT-Infrastruktur von On-Premises- Ressourcen über Multi-Cloud-Umgebungen bis hin in den Edge-Bereich verwalten und steuern könnten. Microsoft zufolge umfasst das auch Clouds anderer Anbieter wie Amazon Web Services (AWS) und Google. Als hybrides Cross-Cloud/Cross-Platform-Management-Werkzeug ermögliche Azure Arc das Verwalten, Bereitstellen und Absichern dieser unterschiedlichen Umgebungen, heißt es in einer Mitteilung. Das umfasst Linux- und Windows-Server sowie auf Kubernetes basierende Container-Umgebungen.

So positioniert CEO Satya Nadella den Microsoft-Konzern:

Die Grenzen der Automatisierung – und wie man sie überschreitet

Kunden bekommen mit Azure Arc eine zentrale Lösung für die Verwaltung hybrider Umgebungen an die Hand, verspricht der Hersteller. Zu den darin enthaltenen Tools zählen der "Azure Resource Manager", die "Microsoft Azure Cloud Shell", das "Azure Portal" sowie entsprechende APIs und die "Microsoft Azure Policy". Über das Azure Portal erhielten Kunden beispielsweise eine einheitliche und konsistente Sicht auf alle ihre Datenservices, die auf verschiedenen lokalen Standorten und in diversen Clouds laufen, beschrieb Julia White, Corporate Vice President für Microsoft Azure, ein Anwendungsbeispiel. Zudem ließen sich damit Richtlinien, Sicherheitsregeln und Governance-Funktionen auf Daten über verschiedene Umgebungen hinweg anwenden.

Aktuell liegt Azure Arc in einer Betaversion vor. Wann das Werkzeug endgültig marktreif sein wird, steht noch nicht fest. Erst im April 2019 hatte Google die mit Arc vergleichbare Plattform "Anthos" vorgestellt. Damit wolle man Kunden in die Lage versetzen, Anwendungen für Hybrid- und Multi-Cloud-Umgebungen zu schreiben, sagte Googles Cloud-Chef Thomas Kurian auf der Hausmesse "Next 19". Mit Hilfe eines einheitlichen Cloud-Technologie-Stacks könnten Entwickler Anwendungen mit einem einheitlichen Programmiermodell "Cloud-agnostisch" schreiben, versprach der Microsoft-Konkurrent.

Datenquellen mit Synapse verknüpfen

Mit "Azure Synapse Analytics" will Microsoft seine Kunden in die Lage versetzen, Daten aus unterschiedlichen Datenquellen, Data Warehouses und Big-Data-Analysesystemen auszuwerten. Dafür verknüpft das Werkzeug die einzelnen Datenquellen im Hintergrund für eine Auswertung mit Power BI und Azure Machine Learning. Der Hersteller positioniert Azure Synapse Analytics als Unterstützung für das "Azure SQL Data Warehouse". Bereits bestehende Data-Warehouse-Workloads könnten weiter genutzt werden. Abfragen ließen sich in der gängigen SQL-Sprache verfassen.

Mehr Automatisierung und KI in Workflows

Neben den Erweiterungen für Azure hat Microsoft in Orlando neue Workflow-Tools vorgestellt. Mit "Power Automate", in dem das bisherige "Microsoft Flow" aufgehen soll, gibt es neue Funktionen für Robotic Process Automation (RPA). Manuelle Aufgaben ließen sich damit direkt über Maus und Bildschirm ("Point and Click") in automatisierte Workflows übersetzen. Über die neuen "UI Flows" könnten benutzergesteuerte Aktionen ohne Unterstützung der API-Automatisierung auf­gezeichnet und wiedergegeben werden.

Darüber hinaus hat Microsoft erste Einzel­heiten über "Project Cortex" verraten, einen neuen Service innerhalb von "Microsoft 365". Damit soll mit Hilfe von künstlicher Intelligenz (KI) eine Art Knowledge-Netz im Unternehmen entstehen. Daten und Informationen sollen je nach Perspektive wie zum Beispiel aus Projekt- oder Kundensicht automatisch an die betreffenden Mitarbeiter verteilt werden. Jared Spataro, Corporate Vice President für Microsoft 365, spricht von einem interaktiven "Knowledge Repository". Beispielsweise ließen sich damit Dokumente analysieren und Metadaten daraus extrahieren.

Anwender könnten sich zum Beispiel bestimmte Begriffe in einer Mail oder einem Dokument erklären lassen oder nach einem Experten in der eigenen Organisation fragen, der sich mit dem Thema auskennt. Darüber hinaus ließen sich Inhalte aus einem Dokument abfragen. So könnte ein Nutzer beispielsweise nach einem Zahlungstermin fragen, ohne zuvor das ganze Schriftstück durcharbeiten zu müssen, beschreibt Microsoft einen Vorteil des Tools. Project Cortex soll nach den Plänen des Softwarekonzerns im ersten Halbjahr 2020 verfügbar sein.

Speicher im Glas

Zukunftsmusik ist dagegen noch ein Hardwareprojekt. In Kooperation mit dem Filmstudio Warner Bros. hat Microsoft mit "Project Silica" einen speziellen Speicher für Filmdaten entwickelt. In einer 75 mal 75 Millimeter großen und zwei Millimeter dicken Glasscheibe wurde mit Hilfe von Laseroptik und künstlicher Intelligenz der erste Superman-Film aus dem Jahr 1978 gespeichert. Die Daten werden in Schichten aus dreidimensionalen Gittern und Deformationen im Nanoformat codiert. ML-Algorithmen können sie wieder auslesen, indem sie Bilder und Muster decodieren, die erzeugt werden, wenn polarisiertes Licht durch das Glas scheint.

Microsoft hat mit Projekt Silica den ersten Superman-Film aus dem Jahr 1978 in einen Glasspeicher gepackt.
Microsoft hat mit Projekt Silica den ersten Superman-Film aus dem Jahr 1978 in einen Glasspeicher gepackt.
Foto: Jonathan Banks für Microsoft

Die Verantwortlichen des Film­studios stehen vor der Herausforderung, alte und empfindliche Filmrollen aufzubewahren. Dafür sind aufwendige Maßnahmen wie beispielsweise speziell klimatisierte Archivräume notwendig. Gäbe es hier Probleme, würde die Welt das Original von Superman verlieren, warnte der Microsoft-Chef. "Das wäre eine Tragödie." Der neue Glasspeicher soll hier helfen. "Wir haben Silica wirklich in die Mangel genommen", berichtete Nadella. "Wir haben es gekocht. Wir haben es gebacken. Wir haben es geschüttelt. Wir haben versucht, es zu zerkratzen." All das habe den Superman-Film nicht zerstören können.