Entwicklung erst am Anfang

Gartner sieht enormen wirtschaftlichen Hebel im KI-Einsatz

07.05.2019
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Zu künstlicher Intelligenz haben nahezu alle Medien, Regierungen, Unternehmen und Individuen eine Meinung, so die Analysten von Gartner, doch die Ideen seien oft allzu vage. Die wirtschaftlichen Prognosen der Analysten zeigen dennoch, dass die Aufregung gerechtfertigt ist.
  • Viele Technologien sind noch nicht in der Unternehmenspraxis angekommen
  • KI wird laut Gartner mehr Arbeitsplätze schaffen als vernichten
  • Der globale Wirtschaftseffekt soll im Jahr 2022 bei 3,9 Billionen Dollar liegen

Zum Thema KI hat Gartner schon im vergangenen Jahr einen Hypecycle veröffentlicht. Wie immer in diesen Diagrammen wird die Entwicklung einer Technologie anhand von Phasen beschrieben: Am Anfang steht ein rasanter Aufstieg, der auf den Gipfel der überzogenen Erwartungen führt. Von dort geht es steil nach unten in das Tal der Enttäuschungen, aus dem sich die Technologie dann langsam über den "Pfad der Erleuchtung" auf das "Plateau der Produktivität" hocharbeitet.

Gartner-Hypecycle zu KI: Spracherkennung, Grafikprozessoren und Ensemble Learning sind a
Gartner-Hypecycle zu KI: Spracherkennung, Grafikprozessoren und Ensemble Learning sind a
Foto: Gartner

Auf dem Hypecycle zum Thema Künstliche Intelligenz zeigt sich eine Vielzahl an Entwicklungen, die unterschiedlich fortgeschritten sind. Vor dem Gipfel der überzogenen Erwartungen ist ein Stau auszumachen: Viele Implementierungen sind noch in einem frühen Stadium, produktive Umsetzungen noch die Ausnahme. Das öffentliche Interesse an KI werde langfristig andauern, so die Analysten, viele Technologien seien erst noch auf dem Weg zur Marktreife.

Zu den Themen, die den Hype-Gipfel noch nicht erreicht haben, gehören beispielsweise Chatbots, AI PaaS, Smart Robots, Knowledge Graphs oder neuromorphische Hardware. Oben angekommen sind bereits Deep Learning, Machine Learning, Natural Language Processing (NLP) sowie Graph und Prescriptive Analytics. Unten im Tal der Desillusionierung befinden sich Augmented Reality und Virtual Reality sowie Knowledge Management Tools. Drohnen sind auf der Hype-Kurve im freien Fall.

Welche KI-Technologien sind also laut Gartner reif und in der produktiven Nutzung angekommen? Die Ausbeute ist bislang mager: Spracherkennung, Ensemble Learning und Grafikprozessoren haben den Analysten zufolge das Plateau der Produktivität erreicht, wobei Vorsicht angebracht ist: Die Analyse stammt von Mitte 2018 und in den vergangenen Monaten hat sich viel getan.

Gartner: Die Arbeitsplätze werden netto nicht weniger

3,9 Billionen Dollar durch KI verursachtes Wachstum in 2022 - da muss man Gartner erstmal das Gegenteil beweisen.
3,9 Billionen Dollar durch KI verursachtes Wachstum in 2022 - da muss man Gartner erstmal das Gegenteil beweisen.
Foto: Gartner

Für die nächsten Jahre ist Gartner optimistisch. Bis 2020 sollen beispielsweise in der Finanzbranche 20 Prozent der für Back-Office-Aufgaben zuständigen Mitarbeiter auch bei nicht routinemäßigen Arbeiten von KI unterstützt werden, heißt es. Das Akquirieren und Halten von Mitarbeitern soll für Betriebe mit klaren Analytics- und KI-Konzepten einfacher werden, lautet eine weitere Prognose. Und, erstaunlich, im Jahr 2020 soll KI 2,3 Millionen neue Arbeitsplätze schaffen, aber nur 1,8 Millionen vernichten. Gartner stellt also entgegen landläufiger Meinung eine positive Prognose für die weltweiten Arbeitsmärkte.

Bis 2021 werden Gartner zufolge dann 70 Prozent der Unternehmen in irgendeiner Form KI nutzen, um die Produktivität ihrer Mitarbeiter zu steigern. Besonders gewagt: Bis 2023 bewältigen "Zentauren" die Hälfte der traditionellen Programmier-Workloads. In der griechischen Mythologie sind Zentauren Mischwesen aus Pferd und Mensch. Gartner erwartet demnach menschliche Programmierer, die unterstützt durch neue KI-Tools und -Plattformen ganz andere Pferdestärken auf die Straße bringen. Sie sollen einen doppelt so hohen Durchsatz wie "normale" Programmierer erreichen.

Welche wirtschaftlichen Effekte versprechen sich die Analysten von künstlicher Intelligenz? Gartner sieht darin einen wichtigen Hebel für Umsatz, Kostensenkung und Kundenerlebnisse. Im Jahr 2017 soll der weltweit erzeugte Mehrwert für die Wirtschaft, der durch den Einsatz von KI erzielt wurde, schon bei 692 Milliarden Dollar gelegen haben. In diesem Jahr rechnet Gartner mit 1,9 Billionen und 2022 mit sage und schreibe 3,9 Billionen Dollar.