Konferenz Crisp Perspective

Feuerlöscher as a Service

29.11.2018
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director von COMPUTERWOCHE und CIO. Seine wichtigste Aufgabe ist die inhaltliche Ausrichtung beider Medienmarken - im Web und in den Print-Titeln. Vaske verantwortet außerdem inhaltlich die Sonderpublikationen, Social-Web-Engagements und Mobile-Produkte und moderiert Veranstaltungen.
Geschäfts- und Digitalstrategie sind in der Regel untrennbar miteinander verbunden. Crisp-Analyst Stefan Ried zeigte am Beispiel des Produkts „Feuerlöscher“, wie die Digitalisierung das Business von Grund auf verändern kann.

Das Kasseler Analystenhaus Crisp Research hatte auf seiner Frankfurter Jahreskonferenz "Crisp Perspective" Einiges zu bieten. Ein Highlight war in diesem Jahr der Beitrag von Principal Analyst Stefan Ried, der über digitale Wertschöpfung sprach.

Ried nannte zunächst einige wichtige Trends für 2019 und vermied dabei erfreulicherweise die handelsüblichen Buzzwords. Unternehmen werden seinen Ausführungen zufolge bis Mitte nächsten Jahres zu 90 Prozent eine Digitalstrategie haben. Derzeit würden viele neue Geschäftsmodelle diskutiert. Da es ausreichend IoT-Plattformen gebe, auf denen Unternehmen aufsetzen könnten, und zudem immer mehr Daten verfügbar seien, gehe es jetzt darum, mit cleveren Geschäftsmodellen die Ernte einzufahren.

Wie das funktionieren könnte, veranschaulichte der Analyst anhand der potenziellen digitalen Wertschöpfung rund um einen handelsüblichen Feuerlöscher. Ried hievte einen Feuerlöscher auf die Bühne und sagte: "Dies ist ein typisches Commodity-Produkt, es kostet rund 25 Euro im Baumarkt. Feuerlöscher sind im Prinzip alle gleich, ich kaufe also den billigsten."

Stefan Ried, Principal Analyst von Crisp Research, veranschaulichte am Beispiel eines einfachen Feuerlöschers, wohin die digitale Reise gehen kann.
Stefan Ried, Principal Analyst von Crisp Research, veranschaulichte am Beispiel eines einfachen Feuerlöschers, wohin die digitale Reise gehen kann.
Foto: Crisp Research

Um daraus ein digitales Produkt zu machen, könne man mit einem Digital Twin beginnen. Er sei die Basis dafür, eine gewisse "digitale Attraktivität" eines per se analogen Geräts zu schaffen, indem der Nutzer zum Beispiel über einen QR-Code oder eine App mehr über das Produkt herausfinden und beispielsweise erfahren könne, wann es gebaut wurde und wie lange es voraussichtlich einsatzfähig sein wird.

Der zweite Schritt wäre eine "digitale Ergänzung". Feuerlöscher verlieren nach und nach an Druck, so dass ihre Einsatzfähigkeit zeitlich eingeschränkt ist. Mit einem Sensor lässt sich der Druck kontinuierlich messen, so dass sich der Nutzer jederzeit über die Gebrauchstüchtigkeit informieren kann. "Vielleicht ist der Kunde schon bereit, dafür fünf Euro mehr auszugeben", mutmaßte Ried.

Der größere Effekt liege aber darin, dass der Sensor-bewährte Feuerlöscher nun auch im Handel eine neue Wahrnehmung erhalte. "Im Baumarkt wird unser digitaler Feuerlöscher nun nicht mehr zwischen fünf anderen im unteren Regal stehen, er wird gut greifbar auf Sichthöhe platziert werden, denn er ist jetzt ein 'Smart Feuerlöscher'".

Intelligenz am Feuerlöscher

Ried schlug nun vor, im nächsten Schritt einen kleinen Mikrocontroller anzubringen, zum Beispiel "sein intelligentes Lieblingsstück", einen "ESP8266". Er ermöglicht den Aufbau von WLAN-gesteuerten Aktuatoren und Sensoren. Jetzt lasse sich nicht mehr nur der Druck, sondern etwa auch die Temperatur messen. Der Feuerlöscher werde nun auch zum Rauchmelder.

Brennt es in einem Hotel, können die ausgebildeten Helfer jetzt nicht nur über eine App schnell herausfinden, wo der nächste Feuerlöscher ist, nachdem ihrer nach nur zweiminütigem Einsatz leer ist. Sie wissen auch, ob die anderen Geräte noch gebrauchstüchtig oder schon verschmort sind. Ebenso können sie ermitteln, ob der Gebäudebereich noch zugänglich ist.

Jetzt wird das Szenario auch geschäftlich interessant. Der Erbauer des Hotels ist derjenige, der eine Reihe von Feuerlöschern installiert hat. Der Mieter oder Betreiber kann nun unabhängig davon in einem Abo-Modell Zusatzdienste im Sicherheitsbereich buchen, zum Beispiel eine smarte App. Er zahlt nun eine monatliche Gebühr für die Nutzung eines Netzwerks digitaler Feuerlöscher in einem Gebäude.

Jetzt sind der Phantasie keine Grenzen mehr gesetzt. Wie wäre es, wenn in einem brandgefährdeten Gebäude, vergleichbar mit einem Flugzeug, eine Lichtspur im Boden zum nächstgelegenen funktionstüchtigen Feuerlöscher führen würde? Die Zusammenarbeit mit dem auf digitale Beleuchtungssysteme spezialisierten Anbieter Osram auf einer gemeinsamen Plattform würde das möglich machen. Oder wie wäre es, wenn der Feuerlöscher melden würde, wenn sich Vandalen an ihm zu schaffen machen?

Voraussetzung dafür wäre seine Einbindung in ein digitales, Cloud-basiertes, offenes Ökosystem. Solche IoT-Plattformen gibt es längst, dort könnten die Unternehmen ohne weiteres andocken. "Dann habe ich einen Feuerlöscher, der auch mit der Brandmeldezentrale in Verbindung steht, der vielleicht sogar online Brand-Audits aus dem Gebäude liefert", schwärmte der Analyst.

"Das Beispiel zeigt, wie man ein Stück Stahl mit einem bisschen Pulver und Druckluft mit digitaler Wertschöpfung aufladen kann." Das Tückische an solchen digitalen Geschäftsmodellen liege allerdings darin, dass den großen Chancen beträchtliche Risiken gegenüber stünden. Wer auf digitale Wertschöpfung aus ist, muss seine Komfortzonen verlassen und das Business neu denken. Ried wies zudem daraufhin, dass die Wertschöpfung in IoT-Projekten mehrstufig sei. Es koste erst einmal Geld, die Daten zu erheben und in einem Data Lake anzustauen. Wenn dann das Produkt digital erweitert sei, bringe das in der Regel noch keine finanziellen Vorteile für den Kunden. Die entstünden meist erst im nächsten Schritt, wenn Netzwerkwerte erschlossen würden.

Chance als Datenbroker?

In unserem Beispiel könnte der Hersteller über ein "Feuerlöscher-as-a-Service-Modell" nachdenken, da er alle dafür notwendigen Daten, einschließlich den Druckluft-Ständen der Geräte im Feld - eingesammelt hat. Denkbar wäre auch, dass er als Datenbroker auftritt. Vielleicht haben andere Interesse an seinen Daten, weil sie über neue, datenbasierte Geschäftsmodelle nachdenken? Möglicherweise lassen sich etwa Netzwerkwerte schöpfen, weil Spezialisten für Hausautomatisierung die Zusammenarbeit suchen.

Dass die Gesankenspiele des Crisp-Analysten keineswegs weltfremd sind, zeigten zahlreiche Anwenderbeispiele und Diskussionen auf der Frankfurter Veranstaltung. Oft ging es dabei um digitale Ökosysteme, Daten und API-Management. 2019, so der Eindruck, wird sich in Sachen Digitalstrategie die Spreu vom Weizen trennen.

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