Vom E-Commerce-Riesen zum Cloud-Primus

Amazon - die heimliche Supermacht

23.05.2012
Von 
Wolfgang Herrmann ist Editorial Manager CIO Magazin bei IDG Business Media. Zuvor war er unter anderem Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO und Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel.

Droht Kunden eine Abhängigkeit von AWS?

Droht Amazon-Kunden also auf mittlere Sicht eine Abhängigkeit vom derzeit mächtigsten Cloud-Provider? Experton-Mann Velten relativiert solche Befürchtungen. Unternehmen seien heute viel mehr von etablierten IT-Anbietern wie SAP, Oracle oder IBM abhängig: "Die Gefahr einer strategischen Abhängigkeit von AWS ist zurzeit kein Thema." Zum einen seien die AWS-Dienste kleinteilig gestaltet, zum anderen handele es sich meist um standardisierte Web-Techniken auf gängigen Standardplattformen wie x86-Server und Linux. Ein Anbieterwechsel sei deshalb in der Regel leicht möglich.

„Ich glaubt nicht, dass Amazon im Cloud-Geschäft derzeit viel verdient“. Frank Sempert, Saugatuck Technology.
„Ich glaubt nicht, dass Amazon im Cloud-Geschäft derzeit viel verdient“. Frank Sempert, Saugatuck Technology.
Foto: Saugatuck

Auch Frank Sempert vom auf Cloud Computing spezialisierten Beratungshaus Saugatuck Technology hält die Gefahr einer Abhängigkeit derzeit für gering. Im Cloud-Markt gebe es zwar durchaus Anbieter, die einen "Lock-in" ihrer Kunden anstrebten. Doch Amazon gehöre nicht dazu. Eher schon könne eine Art Abhängigkeit aus der schieren Menge der genutzten Amazon-Services entstehen, die zu sehr niedrigen Preisen angeboten werden. So könnte etwa ein CFO durchaus Druck auf das IT-Management ausüben, mit Hilfe von billigen Cloud-Services die Kosten weiter zu drücken, nach dem Motto: "Die Konkurrenz macht`s ja auch."

Gute Gründe für die Amazon-Cloud

Auch wenn sich etliche Unternehmen auf mittlere Sicht enger an Amazon binden, gibt es gewichtige Argumente für die Nutzung der Cloud-Dienste. Ein prominentes Beispiel ist der Online-Dienst Dropbox, der für seine Angebote Amazons S3 Storage Service nutzt. Für eine eigene IT-Infrastruktur hätte das kleine Unternehmen viel Geld in die Hand nehmen müssen. AWS bringt zudem den Vorteil, dass sich IT-Ressourcen fast unbegrenzt skalieren lassen und es Dropbox damit erlauben, ohne Einschränkungen zu wachsen.

Flexibilität und Skalierbarkeit sind für die meisten AWS-Kunden entscheidende Vorteile; in vielen Fällen kommen auch konkrete Einsparpotenziale ins Spiel. So berichtet etwa das Software-Startup Instacoll aus dem indischen Bangalore von Einsparungen in Höhe von 60 Prozent durch die Nutzung von Amazon Web Services. Einige Venture-Capital-Firmen machten die Verwendung von Amazons Cloud-Services fast schon zur Bedingung, wenn sie in ein junges Unternehmen investierten, berichtet Mark Mahaney, Analyst bei der US-Bank Citigroup.

Doch auch jenseits der Startup-Szene zählt Amazon mittlerweile eine ganze Reihe größerer Unternehmen und Organisationen zu seinen Cloud-Kunden, darunter etwa Pfizer, Adobe Systems, Shell und die Nasa. Auch deutsche Unternehmen aus unterschiedlichsten Branchen stehen auf der Kundenliste. So nutzt etwa "Der Spiegel" Amazons S3-Speicherdienst. Der Flughafen Nürnberg hat seine Web-Anwendungen komplett in die Amazon-Cloud verlagert. Fraunhofer-Institute und andere Forschungseinrichtungen verwenden die High-Performance-Computing-Dienste von AWS für komplexe Berechnungen.