Vom E-Commerce-Riesen zum Cloud-Primus

Amazon - die heimliche Supermacht

23.05.2012
Von 
Wolfgang Herrmann ist Editorial Manager CIO Magazin bei IDG Business Media. Zuvor war er unter anderem Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO und Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel.

Wie mächtig wird Amazon?

Wie auch immer die Cloud-Strategie von Amazon-Gründer Bezos, der sich selbst gerne als Nerd bezeichnet, im Detail aussehen mag: Das stetig wachsende Cloud-Portfolio und der damit verbundene Machtzuwachs wirken sich auf den IT-Markt aus. Einerseits tritt AWS teilweise in Konkurrenz zu Anbietern, die zugleich Kunden sind, weil sie ihre Dienste auf der Amazon-Infrastruktur feilbieten. Dazu gehört beispielsweise der Video-Streaming-Dienst Netflix, der durch Amazons eigenen Service CloudFront Streaming unter Druck geraten könnte. Zum anderen dürfte es gerade für größere Kunden schwieriger werden, den Cloud-Anbieter zu wechseln, wenn sie mehr als nur Server und Speicher nutzen. Im "IT- Stack" der Unternehmen bewegt sich AWS immer weiter nach oben Richtung Software-Services und dringt damit auch in das Terrain klassischer IT-Schwergewichte vom Schlage einer IBM oder Oracle ein.

IT-Dienste für große Unternehmen

Beispiel AWS Storage Gateway: Das im Januar vorgestellte Paket erlaubt es Kunden, Backups beziehungsweise Datenkopien im Rahmen von Disaster-Recovery-Konzepten sicher und verschlüsselt über eine Software-Appliance in der Amazon-Cloud zu speichern. Bisher nutzen Großanwender dazu in der Regel eigene Storage-Ressourcen. Die Stoßrichtung erläuterte Alyssa Henry, General Manager für den Bereich AWS Storage Services, in einem Interview. Der Dienst sei speziell für große Unternehmen konzipiert. Gleichwohl könnten ihn auch Wiederverkäufer von IT-Diensten nutzen, um damit Angebote für kleine und mittlere Betriebe zu schnüren.

Auf die Bedürfnisse von größeren Organisationen zielt auch Amazons Partnerschaft mit Eucalyptus, einem Anbieter von Open-Source-Software für den Aufbau einer Private Cloud. Die Kooperation ermöglicht es Kunden, ihre interne Cloud auf Basis des Eucalyptus-Stacks mit der Amazon-Cloud zu verknüpfen. Mit Hilfe der Amazon-APIs können Unternehmen einheitliche Management-Werkzeuge verwenden, um damit sowohl ihre eigenen Private- als auch die Public-Cloud-Ressourcen von AWS zu verwalten.

Allerdings ist im noch jungen Private-Cloud-Markt gerade ein heftiger Wettbewerb entbrannt, in dem Eucalyptus nicht die besten Karten zu haben scheint. Vor allem die konkurrierende Open-Source-Initiative OpenStack kann auf die Unterstützung zahlreicher ITK-Schwergewichte zählen, darunter AT&T, Dell, Hewlett-Packard und IBM. Dennoch zeigt die Eucalyptus-Partnerschaft, dass Amazon die Private Cloud beziehungsweise die in der Praxis häufig anzutreffenden Hybrid Clouds ernst nimmt. AWS-Manager Wood bestätigt das: "Der Wunsch kam von den Kunden selbst. Sie wollten eine bessere Integration der Amazon-Cloud mit ihrer internen IT-Infrastruktur."

Die AWS-Cloud wird zur Plattform

Beispiel DynamoDB und Simple Workflow Service (SWF): Diese ebenfalls relativ jungen Dienste machen deutlich, wie Amazon IT-Nutzer immer enger an sich bindet. "Wenn Sie SimpleDB oder DynamoDB nutzen, können Sie den Cloud-Provider nicht mehr wechseln", warnt Will Shulman, CEO von MongoLab, der seinen NoSQL-Datenbank-Service auf der Amazon-Plattform betreibt.

"Sie können Ihre Anwendung nicht einmal in einem Flugzeug ohne WiFi entwickeln, weil diese Datenbanken ausschließlich in der Amazon-Cloud laufen." Shulmans Unbehagen hat noch einen anderen Grund, wie er selbst einräumt. Gegenwärtig sei Amazon zwar kein direkter Konkurrent. Doch das könne sich ändern: "Käme AWS mit einem MongoDB-Service oder einem anderen Typ einer Dokumenten-Datenbank auf den Markt, müssten wir uns natürlich Sorgen machen."