Vom E-Commerce-Riesen zum Cloud-Primus

Amazon - die heimliche Supermacht

23.05.2012
Von 
Wolfgang Herrmann ist Editorial Manager CIO Magazin bei IDG Business Media. Zuvor war er unter anderem Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO und Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel.

Welche Strategie verfolgt AWS?

“Wir orientieren uns nicht an Industriebegriffen wie IaaS oder SaaS” Matt Wood, Technology Evangelist, Amazon Web Services Emea
“Wir orientieren uns nicht an Industriebegriffen wie IaaS oder SaaS” Matt Wood, Technology Evangelist, Amazon Web Services Emea
Foto: Amazon Web Services Emea

Fragt man bei Amazon nach der Strategie in Sachen Cloud Computing, kommt überraschend wenig Konkretes. "Wir orientieren uns nicht an Industriebegriffen wie IaaS oder PaaS", erklärt Wood im Gespräch mit der Computerwoche. Im Mittelpunkt ständen die Kundenbedürfnisse. Darauf basierend entwickle man laufend neue Services.

Auch die Frage nach den Zielgruppen für AWS beantwortet der Evangelist eher unkonkret. Amazon konzentriere sich nicht auf bestimmte Kundengruppen. Vielmehr gehe man bei neuen Produktentwicklungen von den Wünschen der Kunden aus, ganz gleich, um welche Art von Unternehmen es sich dabei handle. Wood: "Unsere Ausgangsfrage lautet immer: Wie können wir unseren Kunden helfen, nicht wettbewerbsrelevante Aufgaben effizient abzuwickeln?" Dabei könne es sich etwa um das Aufsetzen eines Servers, eines Speichersystems oder auch einer Datenbank handeln.

„Amazon ist der einzige Anbieter, der signifikante Umsätze mit der Public Cloud macht.“ Carlo Velten, Experton Group
„Amazon ist der einzige Anbieter, der signifikante Umsätze mit der Public Cloud macht.“ Carlo Velten, Experton Group
Foto: Experton Group

"Wenn sich ein Unternehmen derart bedeckt hält, muss etwas wirklich Wichtiges im Hintergrund geschehen", kommentiert Velten die zurückhaltende Kommunikation des Amazon-Managements. Er ist überzeugt, dass hinter AWS eine klare Strategie steht: "Jeff Bezos (der Amazon-CEO) hat mit diesem Business noch viel vor."

Tatsächlich hatte Bezos schon auf der Aktionärsversammlung im Mai 2010 die schnell wachsende Bedeutung der Cloud-Sparte unterstrichen, wie der amerikanische Journalist Richard Brandt in seinem Buch "Mr. Amazon" berichtet. Cloud Computing sei "im Moment ein sehr großer Bereich und wird unserer Ansicht nach auf sehr ineffiziente Weise bedient", erklärte der CEO den Anteilseignern: "Wenn etwas Großes ineffizient bedient wird, schafft das Möglichkeiten."

Wachstumschancen im SaaS-Markt

„Mit jedem Seat, den die SaaS-Anbieter ihren Kunden verkaufen, steigt auch der Wert von AWS“ Steve Janata, Experton Group.
„Mit jedem Seat, den die SaaS-Anbieter ihren Kunden verkaufen, steigt auch der Wert von AWS“ Steve Janata, Experton Group.
Foto: Experton Group

Steve Janata, ebenfalls Analyst und Cloud-Spezialist bei der Experton Group, sieht drei strategische Ansatzpunkte für AWS im Cloud-Markt: 1. Amazon als Enabler hinter vielen SaaS-Anbietern, 2. Infrastrukturdienste für E-Commerce-Firmen, 3. IT-Dienste für große und mittlere Unternehmen. Insbesondere der SaaS-Markt steckt nach Einschätzung von Janata noch immer in den Kinderschuhen und berge große Wachstumschancen: "Mit jedem Seat, den die SaaS-Anbieter ihren Kunden verkaufen, steigt auch der Wert von AWS." Schließlich stelle Amazon den SaaS-Companies die komplette Infrastruktur für ihre Mietsoftware zur Verfügung.

Enormes Wachstumspotenzial in den Kernregionen USA, Europa und Asien sehen die Experton-Analysten auch im Bereich E-Commerce. AWS wendet sich in diesem Segment sowohl an Online-Händler auf der Amazon-Plattform als auch an eigenständige E-Commerce-Shops. Ihnen nimmt der Cloud-Provider eine Reihe von IT-Aufgaben ab. Neben klassischen Infrastrukturdiensten gehören dazu beispielsweise Payment-Services und E-Mail-Dienste für Bestellprozesse und den Kundensupport. Allein die beiden Segmente SaaS und E-Commerce reichen nach Meinung von Velten aus, um das rasante Wachstumstempo von AWS fortzusetzen.

Vorsichtiger beurteilt er das Geschäft mit großen IT-Anwendern als dritte AWS-Säule. Gerade Konzerne hielten sich in Sachen Public Cloud oft noch zurück. Gleichwohl investiere Amazon auch in diesen Bereich und baue beispielsweise seine EuropaMannschaft in Luxemburg weiter aus. Relevante neue Dienste in diesem Segment sind neben NoSQL-Datenbank-Services beispielsweise Identity- und Access-Management-Dienste (IAM), aber auch ein Angebot namens "AWS Direct Connect". Unternehmen erhalten damit eine direkte Hochgeschwindigkeitsleitung in die Amazon-Cloud, die Datentransferraten bis 10 GB/s verspricht. Die Internet-Verbindung in die Amazon-Wolke war in der Vergangenheit häufig zum Flaschenhals beim Nutzen von AWS-Diensten geraten.