Automobilindustrie vs. Tech-Branche

Wer gewinnt den Kampf um die Rechenzentren auf Rädern?

18.04.2018
Von   
Matthias Schorer ist Lead Business Development Manager IoT EMEA beim Virtualisierungs- und Cloud-Anbieter VMware.
IoT ermöglicht Autoherstellern neue Wege, indem es dem traditionellen Konzept des Autos völlig neue Chancen verleiht. Allerdings sind es nicht die Autohersteller, die bisher den Weg dorthin weisen – sondern Technologieunternehmen.

Das vernetzte, intelligente Auto stellt für uns eine revolutionäre Möglichkeit dar, zu fahren und gleichzeitig mit der Welt in Kontakt zu bleiben. Die heutigen Autos sind digitale Wunderwerke - mit einer Rechenleistung, die in der Lage ist, viele Milliarden Anweisungen pro Sekunde zu verarbeiten, mit hundert Millionen Zeilen Programmcode und einem Datendurchsatz von mehreren hunderten Gigabytes bis zu einem Terabyte pro Stunde. Das vernetzte Auto ist Sinnbild einer der größten Umwälzungen der Automobilindustrie. Gleichzeitig ist es aber auch eines der größten Unbekannten, das eine Spannung zwischen den etablierten Herstellern und einer neuen Generation von Unternehmen aufbaut, die Software, Komponenten und Infrastruktur außerhalb der Autobranche liefern. Der Kampf darum, wer die Herzen und Gemüter der Kunden gewinnen wird, hat gerade erst begonnen.

Neben den Autobauern sind auch Technologiefirmen stark an intelligenten vernetzten Autos interessiert.
Neben den Autobauern sind auch Technologiefirmen stark an intelligenten vernetzten Autos interessiert.
Foto: Chaikom - shutterstock.com

Digitale Wunderwerke wälzen die Automobilindustrie um

Vernetzte Fahrzeuge erzeugen riesige Datenmengen. Diese werden herangezogen, um den eigenen Betrieb und die Wartung zu optimieren, sowie den Komfort und die Bequemlichkeit der Fahrer mit Hilfe von Sensoren, Kameras und Internetverbindungen zu verbessern. Beispielsweise, indem Unterhaltungsdienste oder Fahrmodi, wie Parkassistenten individuell angepasst werden können. Oder, indem die Reisezeit verkürzt wird, da die Fahrzeug- und Navigationssysteme mit Verkehrs- und Wetterdaten in Echtzeit versorgt werden. Fahrer, die sich an diese auf sie zugeschnittenen Erlebnisse gewöhnen, fühlen sich mit der Marke verbunden. Denn diese hört ihnen zu und reagiert auf ihre Bedürfnisse.

Für Automobilhersteller stellen all die neuen Technologien eine große Chance dar: Sensoren, die diese Innovationen antreiben, können auch Daten erfassen und das Engagement der Verbraucher messen, ohne dass eine direkte Interaktion mit diesen erforderlich ist. Sie können ein vollständiges Bild von den kognitiven, emotionalen und körperlichen Reaktionen der Autofahrer erzeugen und auf diese Weise eine nie dagewesene Beziehung zum Kunden aufbauen. Statt einem kurzfristigen Point-of-Sale-Kontakt entwickelt sich das Verhältnis zwischen Hersteller und Kunde zu einer immerwährenden Beziehung, die ständig gepflegt und weiterentwickelt wird.

Herausforderung: Carsharing

Neben all diesen Entwicklungen sieht der CEO von Nissan eine noch größere Herausforderung auf die Branche zukommen: Denn die um die Jahrtausendwende geborene Generation hegt eine weniger große Leidenschaft für Autos, als dies Generationen zuvor taten. Um sie dennoch für sich zu gewinnen, sagt Nissan, wird ein Fahrzeug benötigt, das seine Fahrgäste in einem immerwährenden Zustand des Online-Seins, der Kreativität und der gemeinsamen Erfahrung hält. Denn die neuen Kunden sind es gewohnt, sich selbst zu bedienen, selbst zu recherchieren und zu ihren eigenen Konditionen einzukaufen. Für sie ist das traditionelle Eigentumsmodell archaisch und unnötig. Carsharing ist die Antwort auf diese Forderungen. Aufgrund dessen kommt nach fast achtzig Jahren kontinuierlichen Wachstums, eine Zeit, in der die Autonutzung pro Kopf sinkt.

Wie bei anderen Formen der Shared Economy, z.B. Airbnb, erschüttert auch Carsharing traditionelle, seit Jahrzehnten bestehende Branchen. Angesichts der zunehmenden Überlastung der städtischen Zentren wird erwartet, dass Carsharing in den nächsten zehn Jahren jedoch weiter zunehmen wird, insbesondere in Städten, die gezwungen sind, Autos als dominierende Verkehrsmittel zu überdenken. Auch aus diesem Grund wird die Rolle von Software immer wichtiger. Software bietet den Verbrauchern ein breiteres Spektrum an Möglichkeiten, unabhängig davon, ob sie selbst ein Fahrzeug besitzen oder fahren. Alles, vom Fahrmodus und den Energieverbrauchseinstellungen bis hin zu Unterhaltungs- und Informationsdiensten, wird bei Bedarf durch wenige Berührungen eines Touchscreens, durch Gesten oder per Sprachkommando konfigurierbar sein. Angetrieben durch die Fähigkeit des Autos, sich mit der Außenwelt zu verbinden, war die Verbesserung des Erlebnisses Auto noch nie so wichtig wie heute. Ob es nun darum geht, dass sich das Auto am Morgen selbst vorheizt oder am Abend eine Nachricht nach Hause schickt, um die Beleuchtung einzuschalten.

Aber nicht nur die Automobilhersteller selbst können gewinnen, sondern das gesamte Ökosystem. So bieten Versicherungsgesellschaften beispielsweise Programme an, bei denen der Fahrer ein Modul in sein Auto einbauen kann, das Prämien nicht mehr auf Prognosen, sondern auf dem tatsächliche Fahrverhalten berechnet. Ein weiteres Beispiel sind automatisierte Park- und Bezahlsysteme, die Parkgaragen und Autos so miteinander verbinden, dass Parkschranken beim Einfahren des Autos angehoben und die Gebühren automatisch entrichtet werden.

Wer liefert das Auto der Zukunft?

Ganz gleich, wie sich der Markt letztendlich strukturieren wird, eines ist sicher: Software-Lösungen werden ein Teil davon sein und den Wandel vorantreiben. Erfolg wird sich nicht automatisch dann einstellen, wenn man das Beste zu haben glaubt. Erfolg erfordert die Fähigkeit, die Services kontinuierlich an die sich ändernden Präferenzen und Bedürfnisse der Fahrzeugnutzer anzupassen. Vor allem deshalb, weil Fahrzeuge zunehmend von mehreren Fahrern genutzt werden, von denen jeder ein maßgeschneidertes persönliches Transporterlebnis erwartet. Die nächsten Jahre werden für Autobauer deshalb entscheidend sein und über Aufstieg und Niedergang bestimmen. Und sollten Autobauer sich nicht der Herausforderung stellen und auf die Bedürfnisse der Verbraucher eingehen, dann sitzen viele Technologieunternehmen schon mehr als in den Startlöchern. (mb)