Umdenken im Management durch Corona

Weg von den Zahlen

20.11.2020
Von 
Hans Königes ist Ressortleiter Jobs & Karriere und damit zuständig für alle Themen rund um Arbeitsmarkt, Jobs, Berufe, Gehälter, Personalmanagement, Recruiting sowie Social Media im Berufsleben.
Unternehmen nutzen die Krise, um sich selbstkritisch zu fragen, welche Form der Führung sinnvoll ist und wie Zielvereinbarungen in Zukunft aussehen können, das zeigt das Beispiel von BAD.

"Wir wollen nicht ein Unternehmen sein, in dem Vision und Mission nur an Wänden hängen", sagt Ulrike Lüneburg, Geschäftsführerin der BAD GmbH, einem Unternehmen, das sich auf Themen rund um Arbeitsmedizin, -sicherheit und Gesundheitsmanagement spezialisiert hat und in 200 Gesundheitszentren um die 3500 Mitarbeiter beschäftigt. Die Geschäftsführung versuche die Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter aktiv zu beteiligen und ihnen das Gefühl zu vermitteln, dass sie ihren Betrieb aktiv mitgestalten können.

In der Geschäftsführung werde nicht nur über Zahlen und Sachthemen diskutiert. Man setze sich mit der eigenen Rolle auseinander, analysiere, was die Organisation benötige, viele Feedback-Schleifen, auch mit anderen Führungskräften fänden statt, Coaching werde angeboten - "und das alles setzt viel Energie frei", versichert Ulrike Lüneburg. Das habe die erfahrene und langjährige Managerin so in anderen Unternehmen nicht kennengelernt.

Vor allem seit Beginn der Coronakrise habe man den Austausch im Unternehmen sehr intensiviert. So habe die Geschäftsführung ihre Führungskräfte dabei unterstützt, am Anfang täglich, danach in größeren zeitlichen Abständen, mit ihren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern zu kommunizieren - und auch die persönliche Ebene nicht zu vernachlässigen. Man habe viele Entscheidungen in die Hände von Führungskräften und Mitarbeitern gelegt und die vielzitierte Kommunikation und das Handeln auf Augenhöhe in die Praxis umgesetzt. "Wir machen da keine Unterschiede und haben an jeden Beschäftigten des Unternehmens die gleiche Erwartung", sagt die BAD-Geschäftsführerin. Es gehe um Respekt, Wertschätzung und Begegnung auf Augenhöhe.

Als die Krise begann, hatte das Management drei Ziele ausgegeben, die als Orientierung für alle gelten:

  1. Alle Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter sollen gesund durch die Krise kommen.

  2. Die Kunden sind dabei zu unterstützen, dass sie ihre Mitarbeiter ebenfalls gesund durch die Krise bringen.

  3. Das eigene Unternehmen soll stabil durch diese Pandemie-Zeiten kommen.

Damit wollte die Geschäftsführung jedem Mitarbeiter signalisieren, wie man als Unternehmen zu Corona stehe. "Wir können Dinge nur vorleben", gibt Lüneburg zu bedenken. Und natürlich hätte das Führungspersonal Vorbildfunktion, sowohl, was das Thema Gesundheit angeht, aber auch in Bezug auf Führungsqualität im Allgemeinen. Andererseits gibt sie zu bedenken, dass auch jeder Mitarbeiter selbstverantwortlich für sein Tun ist, dass man nicht "erziehen" wolle, was ja gar nicht ginge. Das Management habe nicht das Recht, dem Einzelnen Vorschriften in die Privatsphäre hinein, etwa zu gesunder Lebensweise, zu machen.

Bei BAD sind verstellbare Tische und verschiedene Lichtkonzepte schon länger selbstverständlich. Im Zuge der Coronapandemie kam ein Online Fitness-Angebot hinzu.
Bei BAD sind verstellbare Tische und verschiedene Lichtkonzepte schon länger selbstverständlich. Im Zuge der Coronapandemie kam ein Online Fitness-Angebot hinzu.
Foto: ORION PRODUCTION - shutterstock.com

BAD habe schon frühzeitig den Mitarbeitern ein Online Fitness-Angebot gemacht, weil die meisten ihre Sportarten nicht mehr ausüben konnten, was auf eine ganz gute Resonanz stieß. Im Unternehmen selbst sind verstellbare Tische schon lange, ebenso wie doppelte Bildschirme und unterschiedliche Lichtkonzepte selbstverständlich, um "Gesundheit im Alltag erlebbar zu machen", so Lüneburg. Ihr sei es wichtig, nicht nur über die Gesundheit ihrer Mitarbeiter zu sprechen, sondern auch über ein "gesunde Unternehmen und gesunden Erfolg". Damit meint sie, dass sich BAD nicht nur auf die "wirtschaftliche Gesundheit" der Firma, also auf gute Zahlen konzentriere. Es müsse, das ist ihr Ziel "um eine gesunde Balance zwischen der Gesundheit der Mitarbeiter, der Gesundheit der Kunden und der Wirtschaftlichkeit der eigenen Firma gehen."

Mit der Konsequenz, dass das Unternehmen dabei ist, seine Zielvereinbarungen neu zu formulieren. "Die klassische Zielvereinbarungen haben uns in der Krise null geholfen", lautet ihr ernüchterndes Urteil. Sie seien zu zahlenorientiert und zu statisch und es fehlten motivatorische Aspekte. Nun arbeite BAD an neuen Vereinbarungen. Hier gehe es um qualitative Aspekte, dass sich jede Einzelne zum Beispiel fragt, was er aus einem Projekt gelernt hat, wie es ihn weiterbringt, dass ehrliches und konstruktives Feedback stattfinde. Der wirtschaftliche Erfolg ergäbe sich aus einem solchen Vorgehen fast von selbst.

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