New Work - Interview

Warum Basisarbeit mehr Wertschätzung verdient

17.06.2020
Von 
Hans Königes ist Ressortleiter Jobs & Karriere und damit zuständig für alle Themen rund um Arbeitsmarkt, Jobs, Berufe, Gehälter, Personalmanagement, Recruiting sowie Social Media im Berufsleben.
An über einem Fünftel der Beschäftigten geht die Digitalisierung vorbei. Der Referatsleiter im Bundesarbeitsministerium, André Große-Jäger, erläutert im COMPUTERWOCHE-Gespräch, was passieren muss, dass möglichst viele Mitarbeiter, vor allem die sogenannten BasisarbeiterInnen, in die neue Arbeitswelt mitgenommen werden.
BasisarbeiterInnen legen den Grundstein für vieles, was uns selbstverständlich erscheint, sind jedoch gesellschaftlich oft außen vor.
BasisarbeiterInnen legen den Grundstein für vieles, was uns selbstverständlich erscheint, sind jedoch gesellschaftlich oft außen vor.
Foto: Gajus - shutterstock.com

Ihr Steckenpferd ist das Thema Basisarbeit. Können Sie uns sagen, was sich hinter diesem Begriff verbirgt und warum das Thema für Sie so wichtig ist, aber auch im Allgemeinen mehr Aufmerksamkeit verdient?

Große-Jäger: Basisarbeit, so wie wir sie verstehen, ist zuerst einmal ein deutlicher Perspektivwechsel dahingehend, wie wir uns Arbeit ansehen. Einer der Gründe, warum wir beispielsweise relativ wenig Forschung zu Basisarbeit haben, ist, dass bisher zur Abgrenzung dieser Gruppe eher geringes Einkommen oder Qualifizierung herangezogen wurde. Wir zielen hingegen auf die Anforderung der Tätigkeiten ab und verstehen Basisarbeit als jene Arbeit, die man ohne eigene, formale Qualifikationsanforderungen sozusagen "on the job" lernen kann.

Zum Beispiel?

Große-Jäger: Klassische Beispiele sind Zustelldienste, Reinigungskräfte, aber auch einige Tätigkeiten in der Pflege oder Produktion. Das sind nicht zwingenderweise alles Tätigkeiten, bei denen man schlecht bezahlt wird. Auch wissen wir, dass einige Basisarbeitende durchaus umfangreiche Qualifikationen mitbringen. Für einige ist Basisarbeit zwar ein Einstieg in die Arbeitswelt, für andere ist es hingegen eine Möglichkeit für den eigenen Unterhalt zu sorgen, wenn ein anderer Job nicht (mehr) ausgeführt werden kann. Wichtig ist das Thema für mich, weil es Tätigkeiten sind, die nicht nur von sehr vielen Beschäftigten ausgeübt werden, sondern weil es im sprichwörtlichen Sinne Arbeit an der Basis unserer Gesellschaft ist. Auch wenn die BasisarbeiterInnen gesellschaftlich oft außen vor sind, sind sie selbst immer mittendrin in der Arbeitswelt und ohne sie würde das meiste - auch in der New-Work-Welt - schlichtweg nicht laufen. Oder können Sie sich vorstellen, was los wäre, wenn es morgen auf einmal keine Reinigungskräfte oder Kassiererinnen mehr gäbe?

André Grosse-Jäger, Bundesministerium für Arbeit und Soziales: "Auch wenn die BasisarbeiterInnen gesellschaftlich oft außen vor sind, sind sie selbst immer mittendrin in der Arbeitswelt und ohne sie würde das meiste - auch in der New Work Welt - schlichtweg nicht laufen."
André Grosse-Jäger, Bundesministerium für Arbeit und Soziales: "Auch wenn die BasisarbeiterInnen gesellschaftlich oft außen vor sind, sind sie selbst immer mittendrin in der Arbeitswelt und ohne sie würde das meiste - auch in der New Work Welt - schlichtweg nicht laufen."

Warum BasisarbeiterInnen so wichtig sind

Was muss aus Ihrer Sicht getan werden, dass dieses Thema einen höheren Stellenwert erhält?

Große-Jäger: Wenn wir Menschen, die in Basisarbeit arbeiten, zuhören, dann sprechen diese in erster Linie von mangelnder Anerkennung und fehlendem Respekt. Für BasisarbeiterInnen selbst ist ihre Arbeit sehr wichtig und sie nehmen diese nicht als "einfache Arbeit" oder "niedere Tätigkeiten" wahr, sondern als ehrliche Arbeit, um den eigenen Lebensunterhalt zu sichern, für sich und andere zu sorgen. Für BasisarbeiterInnen stehen Werte wie Verantwortungsbewusstsein im Mittelpunkt. Allerdings auch Werte wie Respekt und Würde. Verständlicherweise schmerzt es, wenn im Betrieb oder in der Öffentlichkeit auf die eigene Arbeit herabgeschaut wird, man sich als "moderne Sklaven" sieht und bei betrieblichen Angeboten außen vor ist. Aktuell, darauf komme ich später noch, ändert sich hier einiges, aber hier müssen wir daran arbeiten, dass Basisarbeit mehr Wertschätzung erhält, nicht nur weil sie so wichtig ist, sondern auch, weil sie uns nicht ausgehen wird und wir den Leuten mehr bieten müssen als nur das Versprechen, dass man irgendwann die Qualifikationsleiter hochklettern kann. Das ist für viele nämlich keine wirkliche Option.

Welche Bedeutung messen Sie diesem Thema für die Zukunft der Arbeitswelt bei?

Große-Jäger: In der öffentlichen Diskussion steht die Zukunft der Arbeitswelt oft ganz im Lichte der Digitalisierung, der agilen Arbeit, der vernetzten, automatisierten und schnellen Arbeit. Selbstverständlich müssen wir über diese Veränderungen auch sprechen, aber wir dürfen dabei nicht übersehen, dass jede beziehungsweise jeder Fünfte in Deutschland in Berufen tätig ist, die von den Vorzügen der neuen, digitalen Arbeitswelt außen vor gelassen sind oder für die neue Technologien eher mit neuen Anforderungen und Belastungen einhergehen ohne dafür im Rampenlicht zu stehen. Eine der Theorien zum Wandel der Arbeitswelt ist, dass zukünftig mehr und mehr Tätigkeiten automatisiert werden und wegfallen. Hierbei sollen gerade die Tätigkeiten ohne eigene Qualifikationsanforderungen mutmaßlich als erste wegfallen. Nach ersten Auswertungen des Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung gibt es hierfür jedoch keine systematischen Belege. Basisarbeit begleitet uns seit Beginn der Industrialisierung und wird uns auch zukünftig erhalten bleiben. Die Anforderungen und konkreten Tätigkeiten werden sich verändern, aber einige Tätigkeiten kann man entweder nicht automatisieren oder es lohnt sich schlichtweg nicht.

Wo sehen Sie die wichtigen Stellschrauben dafür?

Große-Jäger: Der Klassiker war ja immer das Aufstiegsversprechen, sprich "Aufstieg durch Bildung", und das hat für meine Generation und meine Kinder auch noch irgendwie geklappt. Im Rheinland gibt es zahlreiche Menschen, die aus Arbeiterfamilien kommen. Allerdings ist das nicht mehr ohne weiteres der Weg, der für alle passt. Weder verspricht eine universitäre Bildung zwingend bessere Berufschancen, man denke an Basisarbeitende mit Diplom in der Tasche, noch ist es allen Basisarbeitenden ohne weiteres möglich Qualifikationsangebote zu erhalten und anzunehmen. Das bedeutet nicht, dass wir diese nicht mehr machen sollen, im Gegenteil, aber wir können Basisarbeit auch nicht "wegqualifizieren". Wenn wir anerkennen, dass Basisarbeit gesellschaftlich unabdingbar ist und auch nicht aussterben wird, dann muss die Devise heißen: Arbeitsbedingungen sicherzustellen, in denen auch Basisarbeiterinnen und -arbeiter gut und menschengerecht arbeiten können. Entlohnung und Arbeitsschutz sind hier zwei ganz wichtige Stellschrauben.

Change geht nur gemeinschaftlich

Welchen Einfluss hat Corona auf das Thema genommen? Und was glauben Sie, was wird sich danach verändern? Oder auch nicht?

Große-Jäger: Ich denke, Corona hat in erster Linie als riesiges Brennglas gewirkt. Die Arbeitsbedingungen sind zweifelsohne auch für die Betroffenen teilweise "Arbeit am Limit", aber grundlegend waren die Tätigkeiten in Helferberufen, Supermarktkassen oder in der Fleischindustrie auch vor Corona nicht wesentlich anders. Es hat nur niemand darauf geachtet. Schlimmer noch, vor einem Jahr hat man - wenn überhaupt - dann eher im Kontext von gesellschaftlicher Abwertung über diese Berufe berichtet. Die Corona-Krise hat deutlich gezeigt, wie sehr wir alle von diesen Berufen abhängen und was für anstrengende Jobs es sind. Wenn jetzt Leute für die Corona-Heldinnen und Helden auf dem Balkon klatschen, zeigt es, dass da wirklich ein Umdenken stattfindet. Schön ist, dass auch die schlechten Arbeitsbedingungen hier angesprochen werden, denn der Applaus ist das eine, aber langfristig müssen hier natürlich bessere Arbeitsbedingungen und angemessene Bezahlung her.

Wo sehen Sie Ansatzpunkte, dass sich zum Beispiel Ihr Ministerium und auch die Initiative Neue Qualität der Arbeit (INQA) stärker engagiert, wo erwarten Sie mehr Engagement aus der Wirtschaft?

Große-Jäger: Die Qualität der Arbeitsbedingungen in Deutschland ist für eine hochentwickelte Volkswirtschaft wie unsere ein Dauerthema. Wir werden die großen Veränderungen in der Arbeitswelt, die etwa mit der Digitalisierung verbunden sind - nur dann erfolgreich meistern, wenn in den Betrieben dafür gesorgt wird, dass der Wandel nicht ohne die Beschäftigten stattfindet. Wandel bedeutet Change, und Change-Prozesse lassen sich erfolgreich nur gemeinsam umsetzen. Und nur solche Betriebe und Unternehmen werden erfolgreich sein, die Veränderungen mit allen Beteiligten und Betroffenen umsetzen und nicht gegen sie. Das Bundesarbeitsministerium verfügt mit INQA über die zentrale Plattform für Arbeitsqualität in Deutschland - die Angebote von INQA zeichnen sich dadurch aus, dass sie in hohem Maß beteiligungsorientiert ausgestaltet sind und die Belange und Bedürfnisse der Beschäftigten und ihrer Interessenvertretungen berücksichtigen, aber auch etwas für Arbeitgeber und Führungsverantwortliche bieten. Insbesondere für Basisarbeiter ist dieser Aspekt von großer Bedeutung und insbesondere für diese Beschäftigtengruppe besteht in vielen Unternehmen sicher noch Potenzial, die Einbindung zu stärken. Mit INQA können wir im Rahmen der Projektförderung Beispiele guter Praxis identifizieren und Leuchttürme einer Beteiligung von Basisarbeitern an der Entwicklung und Umsetzung von Prozessen entwickeln. Und ich kann mir auch gut vorstellen, dass aus INQA - zusätzlich über die bestehenden Angeboten hinaus - klar die Rahmenbedingungen formuliert und damit Standards gesetzt werden, die eine gute Qualität von Arbeit auch für Basisarbeiter beschrieben und die Orientierung für Betriebe geben.

Welche Trends zeichnen sich aus Ihrer Sicht rund um das Thema Arbeit 4.0 ab?

Große-Jäger: Wir stellen fest, dass die psychische Gesundheit ein sehr wichtiges Thema wird - auch gerade im Lichte von Corona. Da denken wir aktuell darüber nach, wie sich das Ganze über den reinen Arbeitsschutz hinaus als ein Präventionskonzept über alle Lebenswelten hinweg umsetzen lässt. Was mich auch sehr beschäftigt, ist das agile Arbeiten. Einerseits ist es in aller Munde und auch bei uns im Ministerium angekommen, andererseits wird mitunter etwas unbedarft damit umgegangen. Ich habe den Verdacht, dass nicht überall, wo "agil" draufsteht auch wirklich locker, innovativ und - vor allem - kollaborativ gearbeitet wird, sondern sich manchmal dahinter informelle Hierarchien und Zwänge verstecken, die für gesundes Arbeiten bestenfalls nicht förderlich sind. Da müssen wir in Zukunft nochmal drüber sprechen.