Extreme Remote Banking

Tipps für Banken gegen den Verlust der Kundennähe

23.08.2019
Von   IDG ExpertenNetzwerk


Vincenzo Fiore ist Gründer und CEO von Auriga. Nachdem er 1988 sein Studium der Informationswissenschaften mit einem Diplom abgeschlossen hatte, war er zunächst als Consultant im Bereich der technischen Informatik tätig. Er ist Experte auf dem Gebiet der Software und Anwendungslösungen für den Bankensektor und andere Finanzinstitute, insbesondere für Bezahlsysteme und das Omnichannel-Banking.
Um auch in abgelegenen Regionen Services anbieten zu können, sollten Finanzinstitute in unkonventionell und technologiebasierte Lösungen investieren. Einige Beispiele finden Sie in diesem Artikel.

Extreme Remote Banking - ein Begriff, der im deutschen Sprachgebrauch noch nicht sehr geläufig ist, mit dem sich Banken aber aktuell verstärkt auseinandersetzen müssen. Damit ist die Bereitstellung von Bankdienstleistungen in weit abgelegenen, ländlichen Regionen gemeint.

Etwa 800.000 Menschen in Deutschland müssen bis zum nächsten Geldautomaten mehr als fünf Kilometer fahren. Trotzdem gibt es Möglichkeiten, wie Banken sicherstellen können, dass auch diese Verbraucher Finanzservices in Anspruch nehmen können - ohne weite Anreise.
Etwa 800.000 Menschen in Deutschland müssen bis zum nächsten Geldautomaten mehr als fünf Kilometer fahren. Trotzdem gibt es Möglichkeiten, wie Banken sicherstellen können, dass auch diese Verbraucher Finanzservices in Anspruch nehmen können - ohne weite Anreise.
Foto: GaudiLab - shutterstock.com

Die Digitalisierung, der Kostendruck und die internationale Konkurrenz sowie der Wettbewerb durch Challenger-Banken führen dazu, dass Geldhäuser sowohl Filialen schließen als auch Geldautomaten abbauen. Wie die Deutsche Bundesbank analysiert hat, existierten 2007 etwa 40.000 Bankfilialen in Deutschland. Seitdem dünnt sich das Filialnetz auf zuletzt knapp 30.000 Niederlassungen (2017) kontinuierlich aus.

Bei der Verbreitung von Geldautomaten sieht es nicht anders aus. Die Zahl geht langsam, aber stetig zurück: Laut Analysen von Barkow Consulting sank 2018 die Zahl im dritten Jahr in Folge auf 57.800. Seit 2016 ist somit jeder 20. Geldautomat verschwunden. Geldautomaten werden von den Deutschen jedoch weiterhin nachgefragt, obwohl man Bargeld mittlerweile im Supermarkt abheben oder per App bezahlen kann.

Wo ist der nächste Geldautomat?

Wenn man einen Geldautomaten sucht, scheint keiner in der Nähe zu sein. Wie Spiegel Online berichtet, gibt es in der Bundesrepublik längst nicht so viele Geldautomaten wie vermutet, denn die Zahl der Standorte ist oft geringer als die Anzahl der Geldautomaten im Bankenverbund. Das heißt, wenn an einem Standort mehrere Geräte verfügbar sind, werden sie auch mehrfach gezählt. Für den Kunden ist die Zahl der Standorte aber wichtiger als die Anzahl der Geldautomaten. Von diesem verschleiernden Zahlenspiel sind ländliche Gemeinden noch stärker betroffen als Städte. Laut Recherche von Spiegel Online ist in dünn besiedelten Gebieten wie beispielsweise in Mecklenburg-Vorpommern, Brandenburg oder dem Alpenvorland der nächstgelegene Geldautomat teilweise mehr als fünf Kilometer entfernt

Das ist also die Realität für etwa 800.000 Menschen. Auf der anderen Seite bedeutet das aber auch, dass die Versorgung in Deutschland, insbesondere in Städten, gut und für den Großteil der Bundesbürger der Zugang zu Bankdienstleistungen relativ einfach ist. Allerdings ist der Weg für Bewohner im ländlichen Raum, vor allem in Ostdeutschland, deutlich weiter. Finanzinstitute sollten sich dieses Problems bewusst werden, auch aus ethischer Sicht, und an Lösungen - sowohl an unkonventionellen als auch technologiebasierten - arbeiten.

Wenn der Zugang zu Bankdienstleistungen fehlt

Die Auswirkungen einer ländlichen Service-Wüste wären folgenreich, nicht nur für die Bankkunden, sondern auch für die regionale Wirtschaft. Der Zugang zu Bargeld ist wichtig für den Erhalt und den Erfolg von kleinen und mittelständischen Unternehmen auf dem Land, wie zum Beispiel Tante-Emma-Läden oder Zeitschriftenkiosken. Wenn es in kleineren Städten und Ortschaften keinen Geldautomaten zur Bargeldbeschaffung gibt, kann man im schlimmsten Fall nicht mehr im Laden um die Ecke einkaufen, wenn dieser keine Kartenzahlung akzeptiert. Zudem leidet die Kundenzufriedenheit.

Nicht zu vernachlässigen sind auch die ältere Bevölkerungsgruppe oder Personen mit eingeschränkter Mobilität. Für sie kann der Weg zur nächsten Bank mit größeren Herausforderungen verbunden sein. Wer mit Online und Mobile Banking nicht sehr vertraut ist oder keine stabile Internetverbindung hat, wird Schwierigkeiten haben, seine Bankgeschäfte online zu erledigen oder bargeldlose Zahlungen abzuwickeln. All das birgt die Gefahr, dass Banken den Kontakt zu ihren Kunden verlieren können.

Banken in der Verantwortung

Neben der Aufrechterhaltung der Kundenbeziehung sollten Geldhäuser auch die weiteren Ertragsmöglichkeiten als Anreiz für Investitionen in Extreme Remote Banking nehmen.

Nur in wenigen Ländern hängt man so am Bargeld wie in Deutschland. Mit dem Launch von Bezahldiensten wie Apple Pay oder Google Pay sind die Deutschen zwar auf den Geschmack gekommen, bargeldlos zu bezahlen. Laut Bitkom könnte die Hälfte (54 Prozent) der Bundesbürger aber trotzdem nicht komplett auf Bargeld verzichten. Die Liebe zum Bargeld ist nicht nur wegen der unzureichenden Infrastruktur, das heißt das Fehlen von Kartenlesegeräten oder einer stabilen Internetverbindung in den Geschäften, so groß. Es herrschen auch Sicherheitsbedenken auf Seiten der Verbraucher vor. Da Finanzdienstleistungen für unser tägliches Leben so bedeutsam sind, besteht kein Zweifel daran, dass Finanzinstitute eine Verantwortung dafür tragen, den Zugang zu Services zu maximieren.

Unkonventionelle und technologiebasierte Lösungsansätze

Ein wesentliches Element des Remote Banking ist, dass die Bank für die Kunden zu jeder Tages- und Nachtzeit erreichbar ist, insbesondere wenn eine Geschäftsstelle zum Beispiel aufgrund von Personalmangel nur einen reduzierten Service anbietet. Selbstbedienungstechnologie in Bankfilialen kann nicht nur ein einladendes Umfeld zur Erledigung von Bankgeschäften schaffen. Sie bietet Verbrauchern auch die Möglichkeit, Informationen einzuholen oder Bankdienstleistungen in Anspruch zu nehmen selbst wenn ein persönlicher Kontakt mit einem Bankberater gerade nicht möglich ist.