Höhere Preise und Cloud-only

SAP-Kunden verlieren das Vertrauen

04.08.2023
Von 
Martin Bayer ist Chefredakteur von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO. Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP.

DSAG befürchtet Zwei-Klassen-Gesellschaft bei den SAP-Kunden

SAP hatte gerade erst im Mai 2023 anlässlich der Kundenkonferenz Sapphire in Orlando, Florida, zahlreiche Innovationen für sein Softwareportfolio angekündigt. Vieles drehte sich dabei um die neue KI-Generation Generative AI. Damit stehe man an der Schwelle zu einem neuen KI-Zeitalter, ließ das SAP-Management durchblicken. Darüber hinaus wurde ein Green Ledger angekündigt, mit dessen Hilfe Anwenderunternehmen ihren CO2-Fußabdruck genauer messen und damit ihr Nachhaltigkeits-Management besser in den Griff bekommen könnten. SAP will diese neuen Funktionen offenbar im Rahmen von Premium-Paketen für die Cloud anbieten, die die Anwender bis zu 30 Prozent teurer kommen könnten.

Viele SAP-Kunden werden diese Innovationen gar nicht nutzen können. Laut DASG gilt das für Unternehmen, "die eine Umstellung auf S/4HANA geplant haben und die bestehenden Lizenzen nutzen beziehungsweise neue erwerben und entweder in ihren Rechenzentren oder Cloud-nativ mittels Infrastructure-as-a-Service (IaaS)-Umgebung eines Hyperscalers implementieren wollen". Thomas Henzler, DSAG-Fachvorstand Lizenzen, Service & Support, fragt sich: "Wenn das bei KI-Funktionalitäten der Fall ist, womit müssen Bestandskunden dann für andere Innovationen rechnen?"

Was SAP-Kunden wollen - und was nicht:

Der DSAG-Vertreter ist enttäuscht. Offenbar herrsche bei SAP hinsichtlich der Kunden eine Zwei-Klassen-Gesellschaft. Als DSAG müsse man den Mitgliedern aufgrund der neuen Ausrichtung von SAP jetzt dazu raten, mögliche geplante S/4HANA-Einführungen bezogen auf das Betriebsmodell genauestens zu überdenken - insbesondere vor dem Hintergrund der erneuten Erhöhung der Wartung. "Die Ankündigung ist ein echter Show-Stopper und eine große Enttäuschung", so Henzler.

Wer auf S/4HANA On-premises gesetzt hat, gerät nun ins Hintertreffen, lautet die bittere Bilanz von DSAG-Chef Jens Hungershausen.
Wer auf S/4HANA On-premises gesetzt hat, gerät nun ins Hintertreffen, lautet die bittere Bilanz von DSAG-Chef Jens Hungershausen.
Foto: DSAG

Die SAP-Kunden verlieren das Vertrauen in ihren Softwarelieferanten. "Wer bisher auf S/4HANA On-Premise gesetzt hat, gerät durch die neue SAP-Strategie ins Hintertreffen", konstatiert DSAG-Chef Hungershausen. "Kunden, die bereits in S/4HANA On-Premise investiert haben, können nun den Eindruck gewinnen, Millionen verschwendet zu haben."

SAP-Anwender fühlen sich getäuscht

Viele Betriebe, auch kleine und mittelständische Unternehmen, hätten in den vergangenen Jahren die Herausforderung angenommen und trotz des damit verbundenen Aufwands und der hohen Komplexität die S/4HANA-Migration angegangen - mit der Erwartung, im Zuge dessen auch die neueste Technologie und Innovationen zu erhalten. Die DSAG habe diese SAP-Strategie auch noch unterstützt.

Die Anwendervertreter fühlen sich offensichtlich getäuscht. "Mit der Bekanntgabe der ursprünglichen Wartungsverlängerung bis 2040 hatte SAP ebenfalls zugesichert, Innovationen für S/4HANA bereitzustellen und Kunden damit Stabilität versprochen", sagt DSAG-Technologie-Vorstand Sebastian Westphal. Aus Kundensicht stelle sich jetzt allerdings die Frage: "Was ist diese Wartungs- und Innovationszusage ohne die genannten Bereiche wert, wenn das System nicht kontinuierlich mit Innovationen versorgt und damit am Bedarf der Unternehmen vorbeientwickelt wird?"

In den Reihen der SAP-Kunden herrscht Unverständnis und Unsicherheit über die SAP-Strategie. "Sie stellen sich jetzt die Frage, womit sie in Zukunft noch zu rechnen haben und, ob das erst der Anfang für viele weitere Innovationen ist, von denen sie nicht profitieren werden", sagt Henzler. Die Diskussionen dürften jetzt erst so richtig losgehen. "SAP möchte damit erreichen, dass sich Unternehmen von traditionellen Lizenzierungs- und Implementierungsmodellen lösen", so Hungershausen, "und will mit diesem Vorgehen den Gang seiner Kunden in die Cloud forcieren." Aus DSAG-Sicht ist dies jedoch noch nicht für alle Unternehmen ein gangbarer Weg.