IoT in Deutschland

Mut und Methode

21.08.2019
Von 
Florian Stocker ist Journalist in München.
Hohe Komplexität, viele Partner, ein später ROI: Gerade kleine und mittlere Unternehmen scheuen oft die Investitionen, die mit IoT-Projekten einhergehen. Dabei lassen sich viele Risiken mit der richtigen Herangehensweise in der POC-Phase deutlich minimieren.

Es ist noch nicht lange her, da erreichte eine bis dato völlig unbekannte Dame kurzzeitig internationale Prominenz. Die "schwäbische Hausfrau" wurde nach einer Rede der Bundeskanzlerin zur Metapher für eine sehr bodenständige Eigenschaft: Investitionen mit Augenmaß zu tätigen und wirtschaftliche Verantwortung ins Zentrum unternehmerischen Handelns zu stellen. Wie eine schwäbische Hausfrau zu handeln heißt, die Fähigkeit zur Selbstbeschränkung zu haben. Und genau diese von Grund auf positive Eigenschaft dürfen sich viele erfolgreiche Mittelständler und Hidden Champions zu Recht selbst attestieren.

Mit Blick auf das Thema "Internet der Dinge" (Internet of Things - IoT) scheint das Konzept der schwäbischen Hausfrau allerdings an seine Grenzen zu stoßen, und genau hierin mag ein Grund dafür liegen, warum sich viele Unternehmen mit der Einführung von IoT noch schwer tun. Das Thema scheint schlicht zu komplex und mit zu vielen Variablen versehen, als dass eine Nutzen- und Risikobewertung nach "konservativem" Vorbild möglich wäre. Das Wissen um den Nutzen ist da, der Wille auch, doch trotzdem scheuen Unternehmen die Umsetzung in der Praxis.

Dass der Aufbau von IoT-Infrastrukturen gerade kleineren und mittleren Unternehmen besonders schwerfällt, liegt laut den Experten des IDG-Round-Tables zum Thema "Internet of Things" vor allem an der hohen Individualität von IoT-Projekten. Das Internet der Dinge werde niemals "Stangenware" sein, weil allein schon die Vielfalt der möglichen Use Cases nach individuellen Gesamtlösungen verlange, bei denen unzählige Parameter exakt auf das angestrebte Endresultat abgestimmt werden müssen. Das macht die Projekte schwerer planbar und erhöht die Anzahl der Variablen um ein Vielfaches.

Informationen zu den Partner-Paketen der IoT-Studie

Für Vincent Ohana vom Beratungsunternehmen Concept Reply unterscheiden sich IoT-Projekte von anderen Investitionen vor allem in einem wesentlichen Punkt: "Der Return on Investment tritt in IoT-Projekten relativ spät ein, oft erst nach drei, vier oder sogar fünf Jahren. Grund ist die hohe Komplexität: In einer IoT-Umgebung kommunizieren viele Komponenten miteinander, und es entstehen riesige Ökosysteme, die Projektpartner aus den unterschiedlichsten Bereichen integrieren. Dieser Komplexität können Unternehmen nur gerecht werden, wenn sie frühzeitig die richtigen Architekturentscheidungen treffen."

Eine Frage der Orchestrierung

Doch diese Entscheidung ist keineswegs trivial: Eine typische IoT-Referenzarchitektur besteht zum Beispiel aus Sensoren, die an jeder relevanten Komponente (meist eine Maschine oder ein bestimmtes Bauteil) Daten erheben. Diese werden wiederum über ein - im Idealfall drahtloses - Sensornetzwerk mit einem sogenannten IoT-Gateway verbunden, das mit angeschlossenen Sensoren oder Aktoren kommuniziert und die Daten in die (Public oder Private) Cloud schickt, wo diese Informationen wiederum zusammengeführt und immer häufiger auch unter Nutzung von Artificial-Intelligence (AI)-Technologien ausgewertet werden.

Dabei gilt, dass diese "Basis"-Architektur keineswegs als Standard gesehen werden sollte: Auf jeder Stufe der IoT-Wertschöpfungskette haben Unternehmen unzählige Entscheidungsmöglichkeiten, die allesamt einen großen Einfluss auf das Funktionieren des Gesamtprojektes haben:

"Der Aufbau wirklich funktionierender IoT-Infrastrukturen ist vor allem eine Frage der richtigen Orchestrierung. Wo es früher reichte, die Software eines einzelnen Anbieters ein bisschen anzupassen, stammt eine Gesamtlösung im IoT-Kontext heute von vier oder fünf unterschiedlichen Herstellern. Die Aufgabe ist es also, sicherzustellen, dass zum Beispiel Sensorik, Plattform, Systemintegration, AI und all die anderen Komponenten reibungslos ineinandergreifen", betont Oliver Edinger, Vice President im IoT Competence Center der Software AG.

Intellektuelle Investitionen statt externer Berater

IoT ist also heute mehr denn je auch eine Frage der Partnerwahl. Doch genau dieser Umstand stellt einen der größten Hemmschuhe gerade für mittelständische Unternehmen dar. Denn wer für das Gelingen eines Projektes eine Reihe von Anbietern orchestrieren soll, muss dafür Ressourcen mobilisieren, die in der Regel im Tagesgeschäft gebunden sind. Vor diesem Hintergrund ist es nur allzu reizvoll, dieses Know-how in Form von externen Beratern ins Unternehmen zu holen - ein Weg, der laut den Round-Table-Experten häufig dazu führt, dass Projekte die Proof-of-Concept-Phase nicht überstehen. Nachdem IoT große Teile der unternehmerischen Wertschöpfungskette betrifft, sei es wichtig, die Konzepte auch in der Breite im Betrieb zu verankern. Es brauche also eine ausgewogene Mischung aus internem und externer Expertise, wofür wiederum mutige Investitionen nötig seien:

"Die erfolgreiche Überführung von IoT-Konzepten in die Praxis gelingt am besten in den Unternehmen, die frühzeitig ,intellektuelle Investitionen' tätigen und eigene Kompetenzzentren aufbauen", konstatiert Peter Gaspar von A1 Digital.

An dieser Stelle allerdings wird IoT zum Wagnis: Je früher Investitionen erfolgen und je offensiver Unternehmen daraufsetzen, desto mehr Risikobereitschaft müssen sie mitbringen. Genau hier tun sich allerdings vor allem kleinere Unternehmen mit begrenzten Investitionsmitteln schwer.

Informationen zu den Partner-Paketen der IoT-Studie

Eine Schlüsselrolle spielt hier die Proof-of-Concept-Phase. Wenn die eigenen Mittel begrenzt sind, müssen diese eben sinnvoller eingesetzt werden. Das heißt übersetzt: nicht einfach "draufloskonzepten", sondern sich genau überlegen, welches spezifische Problem man zuerst lösen will. "Start small" lautet hier das Schlüsselwort. Ein Proof of Concept (POC) sollte niemals die Lösung aller Probleme in kürzester Zeit abbilden, sondern zeigen, wie eine IoT-Technologie ein ganz bestimmtes Problem lösen oder einen Mehrwert für ein einzelnes Geschäftsfeld schaffen kann. Aus dieser einfachen Aufgabenstellung sollten dann im Anschluss messbare Parameter abgeleitet werden, die wiederum Einfluss auf die Wahl der einzelnen IoT-Komponenten haben. Allein dieses streng methodische Vorgehen, ein Bewusstsein für das Machbare und eine Schritt-für-Schritt-Umsetzung haben einen direkten Einfluss auf das Gelingen eines POC, der gleichzeitig mit dem Aufbau von Know-how einhergeht.

Klein anfangen - aber anfangen!

Der IDG-Round-Table zum Thema IoT machte so vor allem eines klar: Um das Internet der Dinge in der Fläche zu verankern, müssen Unternehmen zuallererst über ihren Schatten springen. IoT-Projekte haben mittlerweile Komplexitätsstufen erreicht, die immer ein erhöhtes Risiko beinhalten. Lange Pilotphasen, ein später Return on Investment (ROI) und die Einbindung vieler verschiedener Partner verlangen nach einer Risikobereitschaft, die vor allem in kleinen Unternehmen allein aus wirtschaftlicher Vernunft heraus keine Selbstverständlichkeit ist. Umso wichtiger ist es, jedes Risiko zu minimieren: Eine hohe Methodenkompetenz und eine streng systematische Umsetzung in der POC-Phase, realistische Zielsetzungen, der bewusste Einsatz externen Wissens und die Bereitschaft, die Mitarbeiter mitzunehmen, um das generierte Wissen langfristig im Unternehmen zu verankern, sind allesamt Faktoren, die zum Gelingen eines IoT-Projektes beitragen.

Der Nutzen, und das ist den meisten Unternehmen klar, lohnt das Risiko: Bei erfolgreicher Umsetzung kann das Internet der Dinge die Produktivität deutlich steigern, Verschwendung reduzieren, nachhaltige Ökosysteme schaffen oder neue Einkommensquellen in Form von datengestützten Geschäftsmodellen generieren.

Vorausgesetzt, man fängt einfach mal damit an.