Digitale Schulen

Mit Geld will die Politik alle Probleme lösen

12.11.2020
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Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
Milliarden Euro sollen in die Digitalisierung der deutschen Schulen fließen – vor allem in Geräte und Infrastruktur. Lehrerverbände fordern indes mehr Personal und eine bessere Weiterbildung in Sachen IT-Kompetenz.

Die Bundesregierung pumpt Milliarden Euro in die Digitalisierung des deutschen Schulsystems. Bereits im vergangenen Jahr wurde der Digitalpakt Schule aufgesetzt. Fünf Milliarden Euro sollen darüber in eine bundesweite Infrastruktur für digitales Lernen fließen, hieß es 2019. Im Zuge der Coronakrise wurde der Geldhahn noch weiter aufgedreht: 500 Millionen Euro für ein Sofortausstattungsprogramm, damit Schulen Laptops an Schülerinnen und Schüler ausleihen können, die zu Hause keine eigenen Endgeräte zur Verfügung haben. 500 Millionen Euro zur Förderung von Administratoren, die sich um die digitale Technik kümmern sollen, und weitere 500 Millionen Euro, um Lehrerinnen und Lehrer mit Laptops auszustatten.

Die Digitalisierung in deutschen Schulen kommt nur schleppend voran - das hat viele Gründe. Geld allein wird das nicht lösen.
Die Digitalisierung in deutschen Schulen kommt nur schleppend voran - das hat viele Gründe. Geld allein wird das nicht lösen.
Foto: LiliGraphie - shutterstock.com

Anfang November kamen nochmals 500 Millionen Euro hinzu – für eine zweite Zusatzvereinbarung "Administration", um die Verwaltung der IT-Infrastruktur in den Schulen und damit deren Digitalisierung zu fördern, wie aus dem Bundesforschungsministerium verlautete. Insgesamt summiert sich damit der Fördertopf für eine flächendeckende Digitalisierung des hiesigen Schulsystems auf sieben Milliarden Euro.

"Wir sind noch nicht am Ziel"

"Durch die vom Bund bereitgestellten Mittel im Digitalpakt Schule konnte gerade in den zurückliegenden Monaten die digitale Infrastruktur für digitales Lernen verbessert werden", zog Bundesbildungsministerin Anja Karliczek eine zufriedene Zwischenbilanz, musste aber gleichzeitig auch einräumen, dass "wir noch nicht am Ziel sind". Durch die Fördermaßnahmen seien die Anforderungen an den technischen Support vor Ort enorm gestiegen, konstatierte die Politikerin. Deshalb investiere der Bund jetzt auch in die Förderung der Ausbildung und die Finanzierung von IT-Administratoren. Es brauche Personal, das sich vor Ort um die Technik kümmere, wenn die Digitalisierung der Schulen gelingen solle.

Die digitale Infrastruktur habe sich mit dem Digitalpakt in den vergangenen Monaten verbessert, sagt Bundesbildungsministerin Anja Karliczek.
Die digitale Infrastruktur habe sich mit dem Digitalpakt in den vergangenen Monaten verbessert, sagt Bundesbildungsministerin Anja Karliczek.
Foto: BMBF / Laurence Chaperon

Karliczeks Zuversicht, in Sachen "Smart Schooling" auf einem guten Weg zu sein, können indes nur wenige teilen. Eine Umfrage des ITK-Verbands Bitkom vom August dieses Jahres zeigt, dass viele Eltern den Verantwortlichen eher schlechte Noten geben. Nach ihrer Einschätzung ist an den meisten Schulen der Wechsel ins virtuelle Klassenzimmer nicht ­geglückt.

4- für digitale Bildung

Als gerade noch "ausreichend" wird der Stand der digitalen Bildung in Deutschland bewertet, etwa wenn es um Geräteausstattung, Internet­anbindung und digitale Unterrichtsinhalte geht. Neun von zehn der über 1.000 befragten deutschen Bürgerinnen und Bürger sind der Meinung, dass die Pandemie die Defizite bei der Digitalisierung der Schulen schonungslos offengelegt habe.

Gerade noch ausreichend - wenig schmeichelhafte Note für die deutschen Schulen im Fach Digitalisierung.
Gerade noch ausreichend - wenig schmeichelhafte Note für die deutschen Schulen im Fach Digitalisierung.
Foto: Bitkom

Die Digitalisierung der Schulen müsse endlich konsequent umgesetzt werden, fordert Bitkom-Präsident Achim Berg. "So wichtig der Digitalpakt ist, so schleppend und bürokratisch läuft die Umsetzung." Das Geld komme bislang nur tröpfchenweise bei den Schulen an. Bislang seien lediglich ein Fünftel der Mittel bewilligt. "Die Schulen brauchen das Geld jetzt, um in die digitale Zukunft zu starten", verlangt der IT-Lobbyist. Und es müsse schneller gehen: "Corona ist der Startschuss. Jetzt heißt es, die Digitalisierung der Schulen von Null auf Hundert zu beschleunigen", fordert Berg.

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Dagegen warnt Simone Fleischmann, Präsidentin des Bayerischen Lehrer- und Lehrerinnenverbands (BLLV), vor übertriebenem Aktionismus. Digitalisierung könne nicht von heute auf morgen allein durch finanzielle Investitionen entstehen. "Wir begrüßen, dass nun viel Geld in die Hand genommen wird, um die Systembetreuung, das Schul-Rechenzentrum, die ­IT-Administration und die Bayern-Cloud zu ­realisieren", sagte die Lehrerin. Das seien die richtigen Stellschrauben, um Fortschritte zu erzielen. Allerdings dürfe man darüber nicht den eigentlichen Auftrag der ­Schulen vergessen. "Wir Lehrerinnen und ­Lehrer wollen nicht unter dem Tisch irgendwelche Kabel zusam­menstöpseln, für uns stehen ­immer die Kinder und Jugendlichen im Mittelpunkt."

Lehrerverband fordert mehr Personal

Fleischmann fordert, dass sowohl die Schülerinnen und Schüler als auch deren Eltern auf dem Weg in die digitale Zukunft mitgenommen werden. Zugleich gelte es, die Ressourcen aufzustocken. Die Lehrkräfte bräuchten genügend Zeit, um professionell mit der neuen IT-Infrastruktur umgehen zu können. "Sie dürfen nicht auf der Strecke bleiben, wenn die Erwartungen immer höher, schneller und größer werden."

Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV, fordert mehr Personal und warnt vor dem Irrglauben, mit Geld und Technik alle Probleme erschlagen zu können.
Simone Fleischmann, Präsidentin des BLLV, fordert mehr Personal und warnt vor dem Irrglauben, mit Geld und Technik alle Probleme erschlagen zu können.
Foto: BLLV

Fleischmann hatte in den vergangenen Monaten immer wieder auf die angespannte Personalsituation in vielen Schulen aufmerksam gemacht. Entspannung ist auch angesichts der vielfach überalterten Lehrerkollegien und der aktuell hohen Corona-bedingten Fehlzeiten nicht in Sicht.

Die Politik versucht der Herausforderung vor allem mit Geld Herr zu werden. Der bayerische Ministerpräsident Markus Söder sprach im Sommer von einem Digital-Turbo, der nun gezündet werde. "Ziel ist es, zu beschleunigen." Insgesamt sollen bis 2024 rund zwei Milliarden Euro in die Digitalisierung des bayerischen Schulsystems fließen. Im Fokus dabei vor allem die Infrastruktur. So ist ein Schulrechenzentrum mit 200 neuen Stellen geplant. 600 Stellen sollen – verteilt über alle Landkreise – für die Administration geschaffen werden. Söder träumt von einer Bayern-Cloud und einer Art "Schul-Youtube".

Gute IT macht noch keinen guten Unterricht

Auch in die Medienkompetenz der Lehrkräfte soll kräftig investiert werden. Dazu will Bayern 100 neue Stellen für Fortbildungsmaßnahmen im Rahmen von Webinaren schaffen. Dabei dürften allerdings große Klassen entstehen: Im vergangenen Jahr beschäftigte der Freistaat über 114.000 Lehrerinnen und Lehrer.

Gerade in der Coronakrise seien die Defizite in Sachen Digitalisierung an deutschen Schulen offen zu Tage getreten.
Gerade in der Coronakrise seien die Defizite in Sachen Digitalisierung an deutschen Schulen offen zu Tage getreten.
Foto: Bitkom

Die wollen sich den schwarzen Peter als Digi­talisierungsbremser nicht zuschieben lassen. Den Vorwurf, das Lehrpersonal habe seinen Einsatz verpasst, weist BLLV-Präsidentin Fleischmann entschieden zurück. "Wir Lehrer leben auch im 21. Jahrhundert und halten nicht starr an alten Traditionen fest." Statt­dessen habe es die Staatsregierung in den ­vergangenen Jahren versäumt, die Digitalisierung voran­zutreiben. Es sei vergessen worden, Lehrerinnen und Lehrern beizubringen, wie sie die IT-Technik in ihren Unterricht einbauen könnten.

Die Lehrkräfte betonen, sie seien aufgeschlossen gegenüber neuen digitalen Techniken und würden sich nicht dagegen sperren.
Die Lehrkräfte betonen, sie seien aufgeschlossen gegenüber neuen digitalen Techniken und würden sich nicht dagegen sperren.
Foto: Rawpixel.com - shutterstock.com

Deshalb stünden jetzt die Lehrkräfte unter Druck, ihren Unterricht digital zu gestalten. Technik könne aber auch kein Selbstzweck sein, warnt Fleischmann. "Kein Laptop, keine Cloud und keine noch so schnelle Internetverbindung gestaltet Unterricht." Gute Pädagogik bedeute, dass Menschen miteinander interagierten. Diese emotionale Facette könne letztlich kein IT-Gerät ersetzen.

Die Mühlen des Föderalismus

Dazu kommt, dass es um Fragen der Bildungspolitik und Zuständigkeiten zwischen Bund und Ländern immer wieder Diskussionen gibt. Die Bildungspolitik ist in Deutschland laut Grundgesetz Sache der Bundesländer – und dazu gehört auch die Digitalisierung der Schulen. Daher gab es rund um den ­"Digitalpakt Schule" monatelang Streit, wie die Gelder vom Bund an die Schulen gelangen sollten.

In der Öffentlichkeit kommt der Zank nicht gut an. Laut Bitkom-Umfrage sehen drei Viertel der Eltern den Föderalismus in der Bildung als Bremsklotz. Es sei nicht mehr zeitgemäß, dass jedes Bundesland unkoordiniert nach eigenen Plänen vorgehe, sagt eine große Mehrheit. Stattdessen solle der Bund die Fäden der Bildungspolitik in die Hand nehmen.

Für drei Viertel der Deutschen ist der Föderalismus ein Bremsklotz für die Digitalisierung der Schulen.
Für drei Viertel der Deutschen ist der Föderalismus ein Bremsklotz für die Digitalisierung der Schulen.
Foto: Bitkom

Auch die jüngste Initiative von Bildungsministerin Karliczek könnte in den Mühlen der Bürokratie zermahlen werden. Zwar stünden die 500 Millionen Euro für eine bessere IT-Administration bereit. Bevor Anträge bei den Ländern gestellt werden könnten, müssten diese allerdings erst ihre Förderrichtlinien veröffentlichen. Dazu kommt, dass der Bund Ergebnisse sehen will. Die Ländern sollen laut Mitteilung des BMBF bilanzieren und berichten, welche Früchte die digitale Fortbildung der Lehrkräfte trägt. Doch die haben anderes zu tun, als Berichte darüber abzuliefern, wie gut sie Netzwerke verkabeln und Software installieren können - nämlich unsere Kinder zu unterrichten.