McKinsey prophezeit

Generative KI – ein Billionen-Dollar-Geschäft?

14.06.2023
Von 
Heinrich Vaske ist Editorial Director a.D. von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO.
Generative KI wird zu einer Automatisierung vieler Arbeitsprozesse führen. Einem Bericht des McKinsey Global Institute zufolge schafft die Technik jährlich bis zu 4,4 Billionen Dollar an zusätzlichen Werten für die Weltwirtschaft.
Geht es nach McKinsey, bringt Generative AI vor allem eines: wirtschaftlichen Mehrwert.
Geht es nach McKinsey, bringt Generative AI vor allem eines: wirtschaftlichen Mehrwert.
Foto: Jiri Markalous - shutterstock.com

Spätestens seit dem Erscheinen des großen Sprachmodells GPT-4 von OpenAI und des Chatbots ChatGPT kennt die Phantasie keine Grenzen mehr. Wenn auf natürlichsprachige Aufforderungen superschnell und automatisch Texte, Bilder, Präsentationen und mehr erzeugt werden können, revolutioniert das nach Meinung von McKinsey in vielfacher Hinsicht wirtschaftliche Prozesse.

Die Management-Beratung hat 63 verschiedene Use Cases über 16 Geschäftsfunktionen hinweg analysiert. Sie erwartet im Zusammenhang mit Generative AI die Schaffung zusätzlicher Werte von 2,6 bis 4,4 Billionen Dollar für Unternehmen in aller Welt. Am meisten sollen kundennahe Prozesse, Marketing und Vertrieb, Software-Engineering und Forschung & Entwicklung profitieren.

Der Generative-AI-Zug rollt

Zum Vergleich: Das Bruttosozialprodukt von Großbritannien lag im Jahr 2021 bei 3,1 Billionen Dollar. Werde die Technik - wie von vielen Anbietern geplant - in gängige Softwareprodukte integriert, könne sich die Wertsteigerung sogar noch einmal verdoppeln. Die Produktivität der Arbeitnehmer werde erheblich gesteigert, wenn sie 60 bis 70 Prozent ihrer Aufgaben an die Technik abgeben könnten, heißt es in dem Bericht.

"Generative KI hat das Potenzial, die Anatomie der Arbeit zu verändern, indem sie die Fähigkeiten jedes einzelnen Mitarbeiters durch die Automatisierung individueller Tätigkeiten erweitert", schreibt McKinsey. Die Analyse befeuert die gegenwärtige Begeisterung im Silicon Valley, wo der Hype um Tools wie ChatGPT und Googles Bard keine Grenzen kennt, und viele Unternehmen ihre Produkte bereits einem "AI-Washing" unterziehen, um ein wenig vom großen Kuchen abzubekommen. Auch die Risikokapitalgeber investieren derzeit völlig enthemmt Milliardensummen in diese Technologien.

Alle fragen sich, ob und wie eine neue Generation von KI-basierten Chatbots die Wirtschaft auf den Kopf stellen wird - angefangen bei den IT-Konzernen selbst. So macht ChatGPT seit November letzten Jahres Schlagzeilen, weil es beispielsweise in der Lage ist, komplexe Fragen zu beantworten, Gedichte zu schreiben, Code zu generieren, Urlaube zu planen und Sprachen zu übersetzen. Die neueste Version des zugrundeliegenden großen Sprachmodells GPT - GPT-4 -, die Mitte März vorgestellt wurde, erweiterte die Funktionalität noch einmal signifikant und ist etwa in der Lage, das deutsche Abitur oder eine Anwaltsprüfung in den USA zu meistern.

Zwei Monate nach dem Debüt von ChatGPT hat Microsoft, der Hauptinvestor und Partner von OpenAI, seiner Suchmaschine Bing einen Chatbot hinzugefügt, der in der Lage ist, offene Textkonversationen zu praktisch jedem Thema zu führen. Allerdings muss der Konzern hier noch eine Menge lernen: Vor allem die ungenauen, irreführenden und teils bizarren Antworten des Bots zogen nach der Veröffentlichung zunächst die öffentliche Aufmerksamkeit auf sich.

Google geriet angesichts der Ankündigungen erst einmal unter Druck, das Geschäftsmodell der Internet-Suche schien fundamental bedroht. Doch der Konzern reagierte schnell und brachte den Chatbot Bard heraus, der im März für eine begrenzte Anzahl von Usern in den Vereinigten Staaten und Großbritannien freigegeben wurde. Ähnlich wie ChatGPT schreibt Bard E-Mails und Gedichte, kann Ideen entwickeln, Blogbeiträge schreiben und Fragen mit Fakten oder Meinungen beantworten.

In China stieg bald darauf der Suchgigant Baidu in den Ring - mit dem ChatGPT-Rivalen "Ernie" (Enhanced Representation through Knowledge Integration). Die Präsentation geriet allerdings zu einer Peinlichkeit, nachdem sich herausstellte, dass eine versprochene Live-Demonstration des Bots auf einer Aufzeichnung basierte.

Generative KI entfesselt Superkräfte?

Die vielen Generative-AI-Tools, von denen einige auch Bilder, Videos und Präsentationen erzeugen sowie Gespräche führen können, haben eine Debatte darüber ausgelöst, wie sie die Unternehmen sowie die Arbeitsplätze verändern werden. Wie immer bei großen Technologiesprüngen gibt es Skeptiker, die einen großen Stellenabbau befürchten, und die Optimisten, die in den Tools eher nützliche Werkzeuge sehen, mit denen Menschen ihre Produktivität steigern können.

Die US-Bank Goldman Sachs veröffentlichte kürzlich einen Bericht, in dem sie davor warnte, dass die KI die Arbeitswelt disruptiv verändern könnte und dass sich in der Wirtschaft bald die Spreu vom Weizen trennen werde. Einige Unternehmen und Branchen würden viel mehr von der Technologie profitieren als andere.

Weniger alarmiert blicken Forscher des Massachusetts Institute of Technology (MIT) in die Zukunft. Sie nennen als Beispiel unerfahrene Call-Center-Mitarbeitender, deren Produktivität durch generative AI um 35 Prozent gesteigert werden könne. Generell werde generative KI aber wohl nicht die Wunder bewirken, an die viele Menschen glaubten. Man befinde sich immer noch in einem frühen Stadium.

Lareina Yee, Partnerin bei McKinsey und Autorin des Berichts, glaubt dagegen, dass die Technik "Superkräfte" für hochqualifizierte Arbeitskräfte entfalten werde. Inhalte könnten künftig viel schneller zusammengefasst und bearbeitet werden, was enorme Zeitvorteile bringe. Überdurchschnittlich profitieren sollen der Finanzsektor, High-Tech-Unternehmen sowie die Pharma- und Biotech-Branche. Allein Banken könnten jährlich zusätzliche Werte in Höhe von 200 bis 340 Milliarden Dollar schaffen, wenn sie alle relevanten Anwendungsfälle umsetzen würden. Im Handel sollen sogar 400 bis 660 Milliarden Dollar jährlich drin sein.

Yee warnt aber auch: "Der tiefgreifendste Wandel, den wir erleben werden, findet bei den Menschen statt." Vor allem für Innovations- und Führungsprozesse sei die Herausforderung groß. Der Bericht beschreibt auch die Herausforderungen, die Unternehmen und Aufsichtsbehörden im Zusammenhang mit KI bewältigen müssen - einschließlich der Bedenken, dass KI-generierte Inhalte irreführend und ungenau sein können.