IBM Think Digital 2020

Die ambitionierten Ziele des neuen IBM CEO Krishna

06.05.2020
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Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
Der neue IBM-CEO Arvind Krishna eröffnete die Think-Konferenz mit dem Appell an die CIOs, auf dem Weg in die digitale Zukunft nicht auf halbem Wege stehen zu bleiben.

"Die COVID-19-Pandemie hat eine gewaltige Störkraft entfaltet und ist eine beispiellose Tragödie", sagte Krishna zum Auftakt der digitalen Kundenkonferenz "Think 2020". In vielen Fällen habe die Krise den digitalen Wandel aber auch beschleunigt. Unternehmen nutzten die Gelegenheit, neue Lösungen und Arbeitsweisen zu entwickeln und neue Partnerschaften einzugehen. Die weltweite Krise habe die Schwachstellen in manch einem Betrieb schonungslos aufgedeckt.

IBMs Think-Konferenz fand Anfang Mai zum ersten Mal komplett digital im virtuellen Raum statt.
IBMs Think-Konferenz fand Anfang Mai zum ersten Mal komplett digital im virtuellen Raum statt.
Foto: IBM

Ursprünglich wollte IBM seine jährlich stattfindende Think-Konferenz in San Francisco abhalten. Als Reaktion auf die Corona-Pandemie wurde die Veranstaltung kurzfristig ins Netz verlegt. Laut dem IT-Pionier haben sich mehr als 90.000 Interessierte für die zweitägige Online-Konferenz angemeldet. Krishna, der Anfang April die langjährige IBM-Chefin Virginia (Ginni) Rometty abgelöst hatte, nutzte seine Keynote, um den weiteren Kurs des IT-Konzerns abzustecken. Seine Ziele sind ambitioniert. IBM soll der für Unternehmensbelange "vertrauenswürdigste IT-Anbieter des 21. Jahrhunderts" werden, sagte der 57-jährige Manager gleich zu Beginn seiner Rede.

Auch in der Cloud droht ein Vendor-Lock-in

Als die treibenden Kräfte der Veränderung identifizierte Krishna die Themen Hybrid Cloud und künstliche Intelligenz (KI). Dabei plädierte er für offene Plattformen und warnte die Anwender davor, sich ausschließlich auf einen einzelnen Cloud-Anbieter einzulassen. Das habe einen Vendor-Lock-in zur Folge, der die Kunden abhängig von der Innovationsgeschwindigkeit dieses einen Haus- und Hoflieferanten mache. In hybriden Architekturen mit verschiedenen Cloud- und On-premises-Bestandteilen gebe es viel mehr Wahlmöglichkeiten.

IBM ist noch dabei, die eigene Position im globalen Cloud-Geschäft zu finden. Das ist allerdings nicht einfach. Zumindest im Public-Cloud-Markt scheint der Zug abgefahren, hier läuft IBM hinterher. In der letzten Marktanalyse Gartners des weltweiten Infrastructure-as-a-Service-(IaaS-)Geschäfts aus dem Sommer vergangenen Jahres lag IBM mit einem Umsatz von 577 Millionen Dollar und einem Marktanteil von 1,8 Prozent abgeschlagen auf Platz fünf.

Das Geschäft teilen andere Anbieter unter sich auf. Amazon kam mit seiner Tochter AWS 2018 auf IaaS-Einnahmen von fast 15,5 Milliarden Dollar und einen Marktanteil von fast 48 Prozent. Auf den Plätzen folgten Microsoft (fünf Milliarden Dollar und 15,5 Prozent Marktanteil), Alibaba (2,5 Milliarden Dollar, 7,7 Prozent) und Google (1,3 Milliarden, vier Prozent).

Stattdessen will sich IBM nun stärker als Spezialist für das Management und die Steuerung hybrider IT-Architekturen positionieren. Die Entscheidung, auf welcher Plattform man sein Infrastrukturmanagement aufbaut, ist Krishna zufolge die wichtigste, die Unternehmen derzeit zu treffen hätten. Allerdings ist IBM hier nicht allein. Auch Anbieter wie HP Enterprise, Fujitsu oder Dell möchten die Schaltzentralen in den IT-Landschaften besetzen. Und auch die Cloud-Marktführer AWS Microsoft und Google wissen, dass viele Kunden hybride Cloud-Landschaften bervorzugen und haben entsprechende Cockpits im Programm.

"Jedes Unternehmen wird ein KI-Unternehmen"

Der zweite Eckpfeiler der digitalen Transformation ist aus IBM-Sicht Künstliche Intelligenz. Krishna sieht künstliche Intelligenz als entscheidenden Produktivitätshebel: Unternehmen müssten sie verstärkt einsetzen, um ihre Produkte und Dienstleistungen kontinuierlich zu verbessern. "Jedes Unternehmen wird ein KI-Unternehmen - nicht, weil sie es können, sondern weil sie es müssen", sagte der IBM-Chef unter Anspielung auf ein Zitat von Marc Andreessen: Der Netscape-Mitbegründer hatte vor knapp einem Jahrzehnt gesagt, jedes Unternehmen werde in Zukunft eine Software-Company sein.

"Jedes Unternehmen wird ein KI-Unternehmen", sagte der neue IBM-CEO Arvind Krishna zum Auftakt der Think-Konferenz.
"Jedes Unternehmen wird ein KI-Unternehmen", sagte der neue IBM-CEO Arvind Krishna zum Auftakt der Think-Konferenz.
Foto: IBM

Konkret stellte IBM zur Think-Konferenz neue KI-gestützte Services vor, die CIOs dabei unterstützen sollen, ihre IT-Infrastrukturen zu automatisieren, um einen unterbrechungsfreien Betrieb zu ermöglichen und Kosten zu senken. "Watson AIOps" soll automatisiert IT-Anomalien identifizieren, Diagnosen aufstellen und direkt eingreifen können.

Die Lösung lässt sich IBM zufolge mit Partnertechnologien wie Slack oder Box kombinieren und basiert auf Red Hats Softwarecontainer-Plattform OpenShift. Mit dem "Accelerator for Application Modernization with AI" innerhalb des IBM Cloud Modernization Service sollen Kunden Tools an die Hand bekommen, um Anwendungen schneller und kosteneffizienter zu modernisieren. Der Service nutzt maschinelles Lernen und KI-Modelle, um sich an die bevorzugten Softwareentwicklungspraktiken des jeweiligen Kunden anzupassen.

Darüber hinaus hat IBM eine speziell an die Anforderungen der Finanzbranche angepasste Public Cloud angekündigt. Gerade in diesem stark regulierten Sektor gehe es darum, Compliance-Vorschriften zu beachten und einen hohen Sicherheitslevel zu garantieren, sagte der IBM-Chef. Er lud andere Software- und SaaS-Anbieter ein, sich mit eigenen Produkten und Services auf der Cloud-Plattform für Banken und Versicherer zu präsentieren.

IT-Infrastrukturen dezentralisieren sich

Krishna stellte zudem eine technische Vorschau des "IBM Cloud Satellite" vor. Unternehmen sollen damit Cloud-Satelliten, die dezentral im eigenen Rechenzentrum oder an Edge-Standorten vorgehalten werden, so steuern können, als handele es sich um IBM-Public-Cloud-Ressourcen. Dazu stehen die Management- und Steuerungsmöglichkeiten aus IBMs öffentlicher Cloud zur Verfügung, ebenso die Errungenschaften im Bereich der IT-Sicherheit. "Kunden erhalten die Flexibilität, ihre Anwendungen dort auszuführen, wo es sinnvoll ist. Die Satellitenstandorte können sich in firmeneigenen Rechenzentren, in Colocation-Zentren oder an einem Edge-Standort befinden", heißt es in einer Erklärung von Big Blue.

Der IBM-CEO glaubt, dass sich die IT-Infrastrukturen stark verändern und dezentralisieren werden. "Die 5G- und Edge-Computing-Generation kommt schnell voran und wird auf die Unternehmenssysteme genauso viel Einfluss haben, wie die Mobiltelefone auf die Verbraucher", prognostizierte Krishna. Um dafür gerüstet zu sein, müsse man jetzt die richtigen Entscheidungen über die IT-Architektur treffen.

"Es braucht eine übergreifende Architektur, die alle Umgebungen abdeckt, nicht nur eine Verwaltungsebene, die es erlaubt, das Chaos zu beobachten", sekundierte der ehemalige Red-Hat-CEO Jim Whitehurst, der heute in der Rolle eines President gemeinsam mit Krishna die Weichen bei IBM stellt. Red Hat hatte erst kürzlich die Preview der OpenShift-Virtualisierung angekündigt. Kunden werde damit die Migration von VM-basierten Workloads auf Kubernetes erleichtert, hieß es. Die Container sollen sich als native Kubernetes-Objekte in OpenShift verwalten lassen.

Das erinnert an den Ansatz, den Google in seiner Cloud mit der Anthos-Plattform verfolgt. Dort wird in ähnlicher Weise eine Basis aus Kubernetes-Containern verwendet, um Workloads unter einer einheitlichen Steuerungsebene verwaltbar zu machen.

Mit der Tochter Red Hat hat IBM zudem neue Dienste und Angebote angekündigt, um Unternehmen aus allen Branchen und insbesondere Telekommunikationsanbietern den Übergang auf Edge-Computing im 5G-Zeitalter zu erleichtern. Anwender sollen Analyse-Workloads, KI- und IoT-Anwendungen über eine große Anzahl von Geräten hinweg steuern können. Anwendungen und Rechenlasten sollen lokal laufen, dort wo die Arbeit anfällt. Dabei helfen soll unter anderem der "Edge Application Manager".

Das Werkzeug dient zur Überwachung von KI-, Analyse- und IoT-Workloads und basiert auf dem Open-Source-Projekt "Open Horizon". Bis zu 10.000 Edge Nodes könnten gleichzeitig verwaltet werden, verspricht der Anbieter. Der "Telco Network Cloud Manager" soll Unternehmen bei der Orchestrierung von virtuellen- und Container-Netzwerkfunktionen unterstützen. Workloads könnten sowohl auf Red Hat OpenShift als auch auf der Red Hat OpenStack-Plattform verwaltet werden.

Blockchain & Co. - vom Rampenlicht in den Hintergrund

Mit dem stärkeren Fokus auf Hybrid Cloud und KI rücken neue Technologien wie Blockchain und Quantum-Computing, die IBM in den vergangenen Jahren wiederholt ins Rampenlicht gestellt hatte, erst einmal in den Hintergrund. Diese Technologien würden später eine wichtige Rolle spielen, betonte IBM-Chef Krishna. Offensichtlich will sich der Konzern erst einmal darauf konzentrieren, seine Kunden bei aktuellen Herausforderungen schnell unter die Arme zu greifen.

Die Coronakrise setzt den Kunden zu, oft konzentrieren Unternehmen derzeit ihre Anstrengungen darauf, den oftmals gefährdeten Geschäftsbetrieb am Laufen zu halten und möglichst wenig Kosten zu verursachen. Experimente mit Zukunftstechnologien dürften bei den CIOs weniger gefragt sein.

Laut Krishna sollten die Unternehmen trotzdem in ihren Bemühungen um den digitalen Wandel nicht nachlassen: "Die Geschichte wird auf diese Zeit zurückblicken als den Moment, als sich die digitale Transformation von Wirtschaft und Gesellschaft plötzlich beschleunigte."