Die neuen Fesseln der Wissensarbeiter

Arbeit ohne festen Arbeitsplatz

09.01.2014
Von 
Hans Königes ist Ressortleiter Jobs & Karriere und damit zuständig für alle Themen rund um Arbeitsmarkt, Jobs, Berufe, Gehälter, Personalmanagement, Recruiting sowie Social Media im Berufsleben.

Wissensarbeiter brauchen andere Strukturen

CW: Vor welchen Problemen stehen diese neuen Wissensarbeiter?

KLOTZ: Wissensarbeiter brauchen Strukturen, in denen sie ihr Know-how optimal mit dem anderer Spezialisten verbinden können. Tatsächlich arbeiten Wissensarbeiter aber in Organisationen, die noch vom hierarchischen Modell der Industrieära geprägt sind: Oben wird entschieden, unten wird ausgeführt. Wissen ist aber nicht hierarchisch strukturiert, sondern situationsabhängig relevant oder irrelevant. Hier entsteht ein Dilemma: Die da oben entscheiden über Dinge, von denen sie meist weniger verstehen als die da unten. Die Folgen: Demotivation, Reibungsverluste, Fehlentscheidungen und Frustration.

Entscheidungsträger glauben, sie wüssten etwas besser, weil sie eine bestimmte Position innehaben – das traf zu Frederick Taylors Zeiten vielleicht zu, ist aber heute absurd. Die erschreckenden Ergebnisse von Umfragen über Arbeitszufriedenheit und Motivation sind direkte Folge der Tatsache, dass zu viele Manager an den 100 Jahre alten Konzepten eines Taylor festhalten, die im Zeitalter der Wissensarbeit kontraproduktiv sind.

CW: Wie muss die Welt der optimalen Wissensarbeit aussehen?

KLOTZ: Ein gutes Beispiel liefern die Open-Source-Gemeinschaften. Das sind weltweite Netzwerke freiwilliger Programmierer, die komplexe Projekte wie etwa Linux, Firefox, Wikipedia oder auch wesentliche Teile des Internets realisieren. Die Menschen arbeiten in solchen Projekten mit hoher Motivation, oft Begeisterung – und das alles ohne Bezahlung. Warum tun sie das? Weil hier Menschen anders miteinander umgehen als in der hierarchisch-bürokratischen Arbeitswelt: Hier basiert Wertschöpfung auf gegenseitiger Wertschätzung. Die Beteiligten arbeiten auf Augenhöhe miteinander, deshalb wird Wissen nicht als Herrschaftswissen missbraucht, sondern bereitwillig mit anderen geteilt, daher auch der Name: Open Source = Offene Quelle.

Anerkennung, Vertrauen, Respekt, Toleranz und Fairness sind nicht bloße Sonntagsreden, sondern gelebte Realität. Führungsfunktionen basieren auf Sachkompetenz und nicht auf formaler Autorität. Im Netz zählt nicht das größere Büro, sondern die Leistung. Neue Ideen haben hier viel bessere Chancen als in bürokratischen Strukturen. Darum sind viele Open-Source-Produkte der kommerziellen Konkurrenz oft schon nach kurzer Zeit voraus.

Gegenseitige Wertschätzung und Wissenstausch: Open-Source-Communities wie die Gnome- Entwickler (hier bei der Guadec 2013 in Brno) – sind Vorbilder für moderne Arbeitskultur.
Gegenseitige Wertschätzung und Wissenstausch: Open-Source-Communities wie die Gnome- Entwickler (hier bei der Guadec 2013 in Brno) – sind Vorbilder für moderne Arbeitskultur.
Foto: Guadec / Ana Rey

CW: Warum setzen sich diese Ideen so langsam durch?

KLOTZ: Wo Organisationen noch auf dem alten Prinzip „Wissen ist Macht“ basieren, wird neues Wissen als Bedrohung empfunden und zunächst bekämpft. Zwar wird überall von Innovation geredet, aber wirkliche Veränderungen sind oft gar nicht gewollt – das habe ich im Verlauf meiner Berufstätigkeit sehr häufig erlebt. Innovationen sind Bottom-up-Prozesse, die sich mit Top-down-Strukturen nun einmal schlecht vertragen. In den klassisch hierarchischen Organisationspyramiden – oben die Würdenträger, unten die Innovationsträger und dazwischen jede Menge Bedenkenträger –ist Loyalität wichtiger als Leistung.

Den Entscheidungsträgern geht es zuerst um Machterhalt und danach um Inhalte, da können Ideen noch so gut sein. Wo bevorzugt pflegeleichte Ja-Sager Karriere machen und Opportunismus als Qualifikationsersatz dient, gibt es kaum noch Weiterentwicklung, weil andere Meinungen – neue Ideen sind anfänglich stets Minderheitenmeinung – keine Fürsprecher finden. Aus diesem Grund wurden schon zahllose Firmen, ja ganze Branchen, Opfer ihrer internen Strukturen und Innovationsbremsen – wie zum Beispiel die gesamte deutsche Computerindustrie, die Unterhaltungselektronik, die Fotoindustrie und einiges mehr.

CW: Wie sieht Ihr Lösungsvorschlag aus?

KLOTZ: Mich treibt die Frage um, wie wir endlich die innovationsfeindlichen Kommandostrukturen der Industriegesellschaft überwinden können – hin zu einer Arbeitskultur, die von gegenseitiger Wertschätzung, Respekt und Toleranz geprägt ist. Von den Open-Source-Communities können wir eine Menge über zeitgemäße Arbeitsgestaltung lernen. Die junge Generation, die mit Wikis, Blogs und Social Networks groß geworden ist, lebt ohnehin eine neue Kultur des Wissensaustauschs. Viele dieser „Digital Natives“ werden sich nicht mehr in eine graue Sachbearbeiter-Welt einsperren lassen, wo sie zwischen Karriereleitern, Gehaltsgittern, Planstellen und Dienstwegen viel Zeit und Energien mit internen Machtspielen vergeuden.

Unsere Unternehmen werden von diesen Internet-Communities lernen müssen, weil sie andernfalls diese Generation nicht als kreative Mitarbeiter gewinnen oder halten können werden. Natürlich wird unsere Welt keine Open-Source-Welt werden. Aber ich bin davon überzeugt, dass sich intelligentere Formen der Zusammenarbeit und offene Innovationskulturen langfristig durchsetzen und künftig zu einem neuen Verständnis von Arbeit führen werden. Unternehmen, die hingegen zu lange an den überkommenen Arbeitsstrukturen der Industrieära festhalten, werden aufgrund ihrer internen Innovationsbarrieren untergehen.