Frauen in DAX-Vorständen

Allein unter Männern

09.01.2024
Von 
Martin Bayer ist Chefredakteur von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO. Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP.
Der Frauenanteil in deutschen Vorstandsetagen bleibt überschaubar. Vielen Konzernen geht es offenbar nur darum, die gesetzliche Quote zu erfüllen.
In den meisten Vorständen der deutschen DAX-Konzerne geben immer noch die Männer den Ton an.
In den meisten Vorständen der deutschen DAX-Konzerne geben immer noch die Männer den Ton an.
Foto: Everett Collection - shutterstock.com

Die gute Nachricht vorweg: Noch nie saßen so viele Frauen in den leitenden Gremien der insgesamt 160 deutschen DAX40-, MDAX- und SDAX-Unternehmen. 128 weibliche Vorstände im Jahr 2023 bedeuteten 20 Frauen mehr als noch im vorangegangenen Jahr. Im Vergleich zum Januar 2020 (59) hat sich die Zahl der Frauen in den hiesigen Vorstandsetagen sogar mehr als verdoppelt.

Das ist das zentrale Ergebnis einer aktuellen Analyse der Prüfungs- und Beratungsgesellschaft EY. Demzufolge lag der Frauenanteil in deutschen Vorständen Ende 2023 bei 18,7 Prozent - das sind 2,7 Prozentpunkte mehr als im Jahr zuvor. Den 128 Top-Managerinnen saßen 568 männlichen Kollegen gegenüber.

Gesetzliche Mindestanforderungen erfüllen

Die schlechte Nachricht: In 37 Prozent der DAX40-, MDAX- und SDAX-Vorständen sitzt keine einzige Frau. "Wir sehen zwar einen stabilen Aufwärtstrend, der Frauenanteil in den Vorständen bleibt jedoch überschaubar", urteilt denn auch Ev Bangemann, Managing Partner Markets bei EY Deutschland. Zwar hätten inzwischen immerhin 63 Prozent der Unternehmen mindestens eine Frau in den Vorstand berufen - zumeist sei diese Frau allerdings allein unter Männern: In 49 Prozent der Konzerne habe es genau eine Frau in eine Vorstandsposition geschafft. Gerade mal 14 Prozent der Unternehmen wiesen zwei oder mehr weibliche Vorstandsmitglieder auf. "Etliche Unternehmen begnügen sich damit, nur eine Frau in den Vorstand zu berufen", beobachtet Bangemann. "Da liegt die Vermutung nahe, dass gerade mal die gesetzlichen Mindestanforderungen erfüllt werden sollen."

Viele Unternehmen begnügen sich damit, nur eine Frau in den Vorstand zu berufen, sagt Ev Bangemann, Managing Partner Markets bei EY Deutschland.
Viele Unternehmen begnügen sich damit, nur eine Frau in den Vorstand zu berufen, sagt Ev Bangemann, Managing Partner Markets bei EY Deutschland.
Foto: EY

Zu ähnlich ernüchternden Resultaten kommt eine Untersuchung von Russell Reynolds Associates. Demnach hätten die Bemühungen um mehr Diversität in den Vorständen der DAX40-Unternehmen 2023 einen Rückschlag erlitten. Erstmals habe die Zahl der ausscheidenden Frauen die der Neubesetzungen (neun vs acht) übertroffen. Die Analyse der Vorstandsgremien durch die Personalberatung habe außerdem gezeigt, dass Frauen fünfmal häufiger als Männer innerhalb der ersten drei Jahre ihrer Amtszeit aus DAX-Vorständen ausschieden.

Viele Konzerne können Frauen nicht im Vorstand halten

Den DAX-Unternehmen gelinge es offenbar nicht, Frauen längerfristig in Vorstandspositionen zu halten, legen die Studienergebnisse nahe: 80 Prozent der 2023 aus DAX-Vorständen ausgeschiedenen Frauen verließen nach drei Jahren oder weniger ihren Vorstandsposten wieder, bei den Männern traf das nur auf 15 Prozent zu. Während die Frauen maximal drei Jahre im Amt blieben, kamen die 2023 ausgeschiedenen Männer auf eine durchschnittliche Amtszeit von fast acht Jahren (2,7 vs. 7,8 Jahre).

Warum Frauen in Führungspositionen kündigen

Nachdem es in den Jahren 2021 und 2022 die historisch größten Steigerungen beim Frauenanteil in DAX-Vorständen gegeben habe, stagniere der Frauenanteil jetzt, nachdem das zweite Führungspositionen-Gesetz erfüllt sei, bei rund 23 Prozent, stellen die Personalberater fest. "Wir beobachten in den Vorständen eine vergleichbare Entwicklung wie seinerzeit in den Aufsichtsräten: Mit der Erfüllung der Quote findet der positive Trend ein Ende", konstatiert Jens-Thomas Pietralla, Leiter der Europäischen Board & CEO Praxisgruppe von Russell Reynolds Associates. "2023 ist der Anteil weiblicher Neubesetzungen in DAX40-Vorständen gegenüber der zweiten Hälfte des Vorjahres um zwei Drittel eingebrochen."

Pietralla spricht von einem Rückschlag für die Bemühungen um mehr Diversität in den Vorstandsgremien und verweist auf einen Rückfall in alte Rollenmuster. Seien 2022 noch vermehrt Frauen in Vorstandspositionen mit Ergebnisverantwortung aufgerückt, sei es 2023 vorwiegend wieder das historisch besonders häufig von Frauen geführte Vorstandsressort Personalwesen/HR gewesen, das mit Frauen besetzt wird (50 Prozent der neu bestellten Frauen).

Deutschland braucht mehr Frauen in Führungspositionen

Laut EY-Partnerin Bangemann besteht erheblicher Nachholbedarf. "Es ist wichtig, daran zu arbeiten, dass mehr Frauen den Weg an die Spitze schaffen. Denn einerseits geht es um Chancengleichheit für Frauen und Männer bei ihren Karrierewegen. Anderseits geht es aber auch um die Veränderungsbereitschaft und -fähigkeit der deutschen Wirtschaft insgesamt." Ein niedriger Frauenanteil in den Top-Etagen der deutschen Wirtschaft zeige, dass der Kulturwandel in den Betrieben hierzulande noch lange nicht abgeschlossen sei: "Es sollte unser Ziel sein, dass Frauen als Teil des Top-Managements nicht Ausnahme bleiben, sondern zur Regel werden."

Diversity an der Unternehmensspitze: So kommen Frauen nach oben

"Deutschland braucht mehr Frauen in Führungspositionen, auch und gerade ganz an der Spitze", lautet Bangemanns Fazit. eine größere Vielfalt im Top Management könne dafür sorgen, dass der Führungsstil im gesamten Unternehmen ein anderer wird, die Gesprächskultur und der Debattenstil sich verändern. Es sei wichtig, Menschen mit unterschiedlichen Perspektiven, Erfahrungen und Hintergründen zusammenzubringen. Diese Vielfalt fördere Innovation und Kreativität und sorge für einen reichhaltigeren Ideenpool: "Ich bin davon überzeugt, dass die Kombination unterschiedlicher Fähigkeiten und Perspektiven unerlässlich ist, um komplexe Herausforderungen zu verstehen und passende Lösungen zu entwickeln, die nachhaltig Wert stiften."