Gartner über deutsche CIOs

3 Mythen über Industrie 4.0

Christiane Pütter ist Journalistin aus München. Sie schreibt über IT, Business und Wissenschaft. Zu ihren Auftraggebern zählen neben CIO und Computerwoche mehrere Corporate-Publishing-Magazine, vor allem im Bereich Banken/Versicherungen.
Industrie 4.0 ist ein rein technologischer Ansatz, bezieht sich nur auf das produzierende Gewerbe und das "Plattform Industrie 4.0"-Projekt schafft allgemeingültige Standards. Stimmt nicht, sagt Gartner.
  • Etwa 2011 gelang deutschen Unternehmen der Sprung von der "Industrie 3.0" in die "Industrie 4.0"
  • Beim Gemeinschaftsprojekt "Plattform Industrie 4.0" der Branchenverbände Bitkom, VDMA und ZVEI klaffen Anspruch und Wirklichkeit auseinander

Deutsche IT-Entscheider betrachten das Internet of Things (IoT) zu technisch. Das ist dem US-Marktforscher Gartner aufgefallen. Die Analysten widmen deutschen CIOs ein eigenes Papier mit dem Titel "Debunking myths and misconceptions about Industrie 4.0". Sie übernehmen den in der Bundesrepublik üblichen Begriff "Industrie 4.0", sprechen aber auch vom IoT (Internet of Things).

Gartner hat ein fünfstufiges Reifegrad-Modell entwickelt.
Gartner hat ein fünfstufiges Reifegrad-Modell entwickelt.
Foto: Gartner

Gartner benennt drei Mythen oder Missverständnisse. Es geht um Folgendes:

Mythos 1: Industrie 4.0 ist ein rein technologischer Ansatz

Richtig ist, dass das IoT neue Geschäftsmodelle ermöglicht und neue Märkte erschließt. Die Technologie fungiert nur als Enabler. Wer das nicht versteht, geht laut Gartner zwei Risiken ein: Zum einen wird er die Unternehmensführung schwer von IoT-Projekten überzeugen können. Zum anderen nehmen die Endnutzer im Unternehmen neue Tools schlechter an, wenn sie den übergreifenden Sinn nicht verstehen und glauben, es gehe um die Technologie an sich.

Mythos 2: Industrie 4.0 betrifft nur produzierendes Gewerbe

Dieser Irrtum schließt an den ersten an. Gartner sieht das IoT immer im Zusammenhang mit dem Entstehen neuer Ecosysteme, also Kooperationen verschiedener Unternehmen über verschiedene Branchen hinweg. Hier entstehen neue gemeinsame Wertschöpfungsketten.

Wer das nicht erkennt, hat die Zukunft des Wirtschaftsgeschehens nicht verstanden, so Gartner. Er verharrt in Silostrukturen und wird zurückfallen. Zwar haben sich derzeit erst fünf Prozent der Hersteller-Firmen mit Unternehmen aus anderen Branchen zu solchen Ecosystemen zusammengeschlossen. Die Analysten sehen hier jedoch eine dynamische Entwicklung: Sie erwarten, dass es bereits 2020 etwa 20 Prozent sein werden.

Mythos 3: Das Projekt "Plattform Industrie 4.0" schafft übergreifende Standards

Hier gehen aus Sicht von Gartner Anspruch und Wirklichkeit auseinander. "Plattform Industrie 4.0" entstand 2013 als Gemeinschaftsprojekt der Branchenverbände Bitkom, VDMA (Verband Deutscher Maschinen- und Anlagebau) und ZVEI (Zentralverband Elektrotechnik und Elektroindustrie). Ziel ist, das Zukunftsprojekt Industrie 4.0 der Bundesregierung umzusetzen. Die Plattform will die bisherige Expertise im Land bündeln und deutschen Unternehmen, insbesondere Mittelständlern, bereitstellen.

Testen Sie Ihr IoT-Grundwissen

Gartner sieht das Vorhaben skeptisch. Die Analysten sprechen von einem formalisierten, akademischen Ansatz. Auch lasse die technologische Reife zu wünschen übrig. Wer sich auf "Plattform Industrie 4.0" verlasse, könne im Wettbewerb zurückfallen. Gartner rät zu einem pragmatischen Ansatz.

Reifegradmodell mit 5 Stufen

Gartner wendet auf die Entwicklung in Deutschland ein eigenes Reifegradmodell an. Es besteht aus fünf Stufen und beginnt mit dem rein reaktiven Einsatz von Automation ohne jegliche Kooperation mit Partnern. Die Analysten sprechen hier von "Industrie 3.0".

Etwa 2011 gelang der Sprung in die "Industrie 4.0" mit der zweiten Stufe, der Smart Factory. Hier ging es bereits um die Steigerung der Produktqualität und um die Optimierung der Wartung. Stufe drei ist durch Integration geprägt. Es setzt sich durch, dass Unternehmen schnell auf Marktveränderungen reagieren müssen.

Stufe vier läuft unter dem Schlagwort der Collaboration. Entscheider betrachten Liefer- und Wertschöpfungsketten End-to-End und integrieren externe Datenquellen. Auf Stufe fünf geht es um das Orchestrieren verschiedener Partner im selben Eco-System. Diese Stufe haben bei weitem noch nicht alle Unternehmen erreicht.