Studium verliert (etwas) an Bedeutung

Wo sich Arbeitgeber kompromissbereit zeigen

17.08.2022
Von 
Hans Königes ist Ressortleiter Jobs & Karriere und damit zuständig für alle Themen rund um Arbeitsmarkt, Jobs, Berufe, Gehälter, Personalmanagement, Recruiting sowie Social Media im Berufsleben.
Not macht kompromissbereit und flexibel, heißt: Arbeitgeber sind durchaus bereit, auf das oft verlangte Standardkriterium Studium zu verzichten, wenn sonstige Qualifikationen und Erfahrungen stimmen.
Angeblich zeigen sich Arbeitgeber im Bewerbungsverfahren kompromissbereiter als früher, wenn es um einen akademischen Abschluss geht.
Angeblich zeigen sich Arbeitgeber im Bewerbungsverfahren kompromissbereiter als früher, wenn es um einen akademischen Abschluss geht.
Foto: Luis Molinero - shutterstock.com

Immer weniger Arbeitgeber beharren bei der Besetzung von Schlüsselpositionen darauf, dass Bewerber und Bewerberinnen alle in der Stellenausschreibung aufgeführten Qualifikationen erfüllen. Welche Abstriche Führungskräfte tatsächlich machen würden, untersuchte die Arbeitsmarktstudie von Robert Half. Gefragt danach, worauf sie bei einer schwer zu besetzenden Stelle am ehesten verzichten würden, nannte rund ein Fünftel der befragten Manager den akademischen Abschluss an erster Stelle.

"Viele Unternehmen suchen bei Schlüsselpositionen sehr lange nach einer geeigneten Besetzung. Hier hat sich oft ein großer Handlungsdruck aufgebaut, Projekte mussten geschoben werden", sagt Emine Yilmaz, Vice President Permanent Placement bei Robert Half. "Auf einen Masterabschluss oder eine Promotion kann im Zweifel eher verzichtet werden, solange die Person die benötigten Fähigkeiten mitbringt, über eine Hands-on-Mentalität verfügt und sich schnell in Neues einarbeiten kann."

Standortnähe - hier scheiden sich die Geister

Mit dem Ende der coronabedingten Home-Office-Pflicht rückt das Thema Anwesenheitspflicht im Büro in den Fokus. Bei der Frage nach der Gewichtung der Standortnähe eines Bewerbenden für eine Schlüsselposition ergeben sich große Differenzen. Für fast die Hälfte der Führungskräfte ist die Standortnähe nach wie vor ein wichtiger Auswahlfaktor für Bewerber, bei dem keine Abstriche gemacht werden.

Gleichzeitig spielt für 19 Prozent der Befragten der Standort als Einstellungskriterium aber die geringste Rolle. "Hier kommt es auf die unternehmerische Haltung zu hybriden Arbeitskonzepten und auf die konkret zu besetzende Position an. Vor allem von Teamleitern, Vertriebsmitarbeitern oder Auszubildenden wird erwartet, dass sie nah am Unternehmenssitz und für Kundenprojekte oder Vor-Ort-Termine verfügbar sind", beobachtet Yilmaz.

Laut Arbeitsmarktstudie bestehen größere Unternehmen bei der Bewerberauswahl tendenziell stärker auf Standortnähe als kleinere. "Kleine Unternehmen haben vielleicht besser erkannt, dass ihre Attraktivität und Wettbewerbsfähigkeit im Arbeitnehmermarkt steigen, je flexibler und offener sie sich bei der Remote-Working-Frage zeigen", erklärt Yilmaz.

Cultural Fit bleibt wichtig

Ein Faktor, auf den Führungskräfte bei der Besetzung von Schlüsselpositionen am wenigsten verzichten wollen, ist der Cultural Fit. 50 Prozent der Befragten legen größten Wert darauf, dass Bewerbende zur Unternehmenskultur passen. Nur elf Prozent würden hierbei Abstriche machen. Die Dauer der Branchenerfahrung wählten 16 Prozent auf Platz 1 der am ehesten verzichtbaren Faktoren, 14 Prozent entschieden sich für fachliche Zusatzqualifikationen.

Die Studie wurde im März 2022 im Auftrag von Robert Half durchgeführt. In Deutschland wurden 300 Manager mit Personalverantwortung (General Manager, CIOs, CFOs) in kleinen (50-249 Mitarbeiter), mittelgroßen (250-499 Mitarbeiter) und großen (500+ Mitarbeiter) Unternehmen befragt.