Blockchain vs. Distributed Ledger

Wo ist der Unterschied?

29.01.2021
Von   IDG ExpertenNetzwerk
Björn Obermeier ist Leiter des Bereichs Blockchain bei Accenture in Deutschland, Österreich und der Schweiz. Der Autor hat 18 Jahre Erfahrung in der IT-Industrie. Schon vor Accenture spezialisierte er sich als Business Consultant und IT-Architekt auf Blockchain und Distributed-Ledgers-Technologie.
DLT oder Blockchain? DLT und Blockchain? Wo liegen die Unterschiede?
Die Begriffe Blockchain und Distributed-Ledger-Technologie werden häufig synonym genutzt. Doch es gibt technische Unterschiede.
Die Begriffe Blockchain und Distributed-Ledger-Technologie werden häufig synonym genutzt. Doch es gibt technische Unterschiede.
Foto: spainter_vfx - shutterstock.com

Die Begriffe Blockchain und Distributed-Ledger-Technologie (DLT) sind in aller Munde. Häufig werden die beiden Begriffe synonym genutzt, da prinzipiell oft das Gleiche gemeint wird. Doch gibt es nun Unterschiede oder ist am Ende beides das Gleiche? Aus technischer Sicht gibt es durchaus Unterschiede, die sich je nach Einsatzgebiet unterschiedlich auswirken.

Blockchain – Definition

Eine Blockchain verkettet Blöcke miteinander und korreliert die enthaltenen Transaktionen untereinander (Beispiel bei Bitcoin). Als Vergleich kann man sich ein Kartenhaus vorstellen, dass immer mehr an Höhe gewinnt. Die Anzahl der Transaktionen erhöht die Zahl der Blöcke in einer Blockchain. Die Balance stellen das verwendete Netzwerk und die implementierten Regeln sicher. Beim Kartenhaus wie bei der Blockchain gilt: je höher und breiter desto stabiler das Konstrukt. Der Versuch eine einzelne Karte auszutauschen, sprich im Falle der Blockchain eine Information einer Transaktion zu ändern (beispielweise aus einem Bitcoin 100 zu machen), hat einen Effekt auf das gesamte Gebilde.

Was in der Theorie möglich erscheint, funktioniert in der Praxis allerdings nicht. Um bereits akzeptierte Informationen beziehungsweise Transaktionen nachträglich zu verändern, müsste das aktive Netzwerk mehrheitlich überzeugt werden. Das gilt für die zu verändernde Transaktion als auch alle nachträglich darauf aufbauenden und akzeptierten Transaktionen.

Bei einer Blockchain werden meistens Informationen, also Transaktionen im Netzwerk an alle Teilnehmer gesendet, um diese von validierungsfreudigen Teilnehmern auf Richtigkeit zu prüfen und an die Kette anzuhängen. Der Nachteil dieses Broadcasts geht auf Kosten der Vertraulichkeit und Privatsphäre von Transaktionen. Dabei ist nicht der Inhalt der Transaktion für alle Netzwerkteilnehmer sichtbar, aber die damit verbundenen Metainformationen. Also Daten wie die Anzahl der von einer Partei gesendeten Transaktionen, Absender und Empfänger, Zeitstempel und möglicherweise die Wertigkeit. Die Teilnehmer können so verschiedene Informationen ablesen oder gar ableiten.

Distributed Ledger Technology – Definition

Der Einsatz von Distributed-Ledger-Technologie erweitert die Eigenschaften eines Registers oder Kassenbuches mit einem Konsensus, um die verteilten, angenommenen und validierten Transaktionen im Netzwerk zu synchronisieren. Im Unterschied zu einer Blockchain gibt es hier die Möglichkeit, Informationen auf einer „Need-to-Know-Basis“ zu teilen – also nur mit berechtigten Parteien – und so Ansprüche an Vertraulichkeit und Privatsphäre zu gewährleisten. Ansprüche wie sie der Finanz- oder Versicherungssektor fordert.

Eine DLT-Plattform, die bereits eingesetzt wird, ist „R3 Corda“. Der Zusammenschluss von Versicherungsinstitutionen veranschaulicht den Mehrwert dieses DLT-Ansatzes. Alle Teilnehmer haben dieselbe Datengrundlage inklusive der Informationen über deren Urheber und die Transaktionshistorie. Im Sinne des Wettbewerbs und trotz des gemeinsamen Datenaustauschs besteht ein berechtigtes Interesse einzelner Institute daran, die Anzahl der Versicherungsfälle, die sie bearbeiten oder erheben, nicht mit dem ganzen Netzwerk zu teilen. Es gibt auch Blockchain-basierte Plattformen, die diesen Anforderungen entsprechen; allerdings führt dies in der Regel zu einer höheren Komplexität, verbunden mit einergeringeren Skalierbarkeit.

Was ist ein DLT- respektive ein Blockchain-Ökosystem?

Ein Distributed-Ledger- oder Blockchain-Ökosystem besteht aus unterschiedlichen Komponenten. Im Fokus steht in der Regel die Plattform. Diese kann in verschiedene Bereiche und Implementierungsformen gegliedert werden, die aus Public oder Private und Permissioned oder Permissionless bestehen. Diese Optionen sind miteinander kombinierbar und je nach Einsatzgebiet mehr oder weniger nützlich.

In Public und Permissionless finden sich Bitcoin oder auch Ethereum wieder. Im Private- und Permissioned-Umfeld sind Unternehmensanwendungen und universelle Plattformen wie zum Beispiel Hyperledger Fabric oder anwendungsspezifische wie Hyperledger Indy für den Fall von digitalen Identitäten bekannt. Die Hauptunterschiede dieser Formen ist die Art des Zugangs – offen oder restriktiv – und die zur Verfügung stehenden Konsensmechanismen zur gemeinsamen Wahrheitsfindung.

Was war die erste DLT-/Blockchain-Anwendung?

Kurze Antwort: Der Bitcoin. Blockchain ist dabei die verwendete Technologie, Bitcoin die Applikation. Die initiale Hypothese von Blockchain ging der Fragestellung nach wie man das "Double-Spending"-Problem, also das doppelte Ausgeben von digitalem Geld, zwischen unbekannten Parteien ohne zentrale Autorität abbilden kann.

Auf was basiert der Netzwerk- und Plattformgedanke?

Bitcoin basiert auf einem Netzwerk mit unbekannten Akteuren welches das Problem des „Double-Spendings“ löst und dabei Nachvollziehbarkeit und Sicherheit bietet. Aufgrund des hohen Aufwands in Form von Rechenleistung und benötigter Energie zur Blockproduktion (Proof-of-Work) lohnt sich eine Manipulation nicht. Selbst wenn es gelänge das komplette Netzwerk mit Hilfe astronomisch hoher Rechenkapazität zu übernehmen und sich alle Bitcoin zu eigen zu machen, wäre der Gewinn lediglich ein Haufen virtueller Tokens, die keinen echten Gegenwert in Form einer Fiat-Währung wie dem Euro haben. Allerdings gab es mit Bitcoin zunächst keine zusätzliche Möglichkeit, um Konditionen - wie, sende X von A nach B, wenn Y zum Zeitpunkt Z eintritt - zu setzen. Diese fehlende Möglichkeit war der Zündfunke und die Geburtsstunde von Ethereum und Smart Contracts.

Mit Blockchain oder DLT können Lieferketten zu einem Liefernetzwerk ausgebaut werden.
Mit Blockchain oder DLT können Lieferketten zu einem Liefernetzwerk ausgebaut werden.
Foto: IBM

Blockchain und Distributed Ledger Technology ermöglichen die Verbindung von Akteuren innerhalb eines Ökosystems und geben Unternehmen die Gelegenheit bisher unrentable oder technisch nicht lösbare Probleme wie beispielsweise Micro-Insurance oder P2P-Financing zu realisieren. Darüber hinaus fordern sie neue Geschäftsmodelle und -beziehungen.

Was sind Smart Contracts?

Smart Contracts kann man am besten mit einer verteilten Applikation vergleichen, mit der man geschäftliche Logiken innerhalb mit der im Netzwerk verbundenen Parteien teilen und ausführen kann. Die Möglichkeiten von Smart Contracts lösten einen Hype in den Unternehmen aus, da die Kombination von Nachvollziehbarkeit, Transparenz, Disintermediation, programmierbarer Transaktionen und Geschäftslogik als Lösung vieler aktueller Problem gesehen wurde und weiterhin gesehen wird.

Was machen DLT oder Blockchain in der Finanzwelt?

Grundsätzlich werden im Finanzwesen sowohl Blockchain als auch Distributed-Ledger-Technologie eingesetzt. Die aktuellste und prominenteste Entwicklung ist hier Central Bank Digital Currency (CBDC) – das digitale Zentralbankgeld. Seit Anfang 2020 dürfen Banken auf Basis des Gesetzes zur „Umsetzung der Änderungsrichtlinie zur Vierten EU-Geldwäscherichtlinie“ auch Kryptowährungen wie Bitcoin verwahren, was mittels Custody-Lösungen sichergestellt wird. Des Weiteren hält DLT auch im Bereich von Clearing- und Settlement-Geschäften Einzug, um Risiken zu minimieren und Abläufe zu beschleunigen.

Was machen DLT oder Blockchain in der Supply Chain?

Supply Chains sollen Transparenz, Nachhaltigkeit, Ethik aber auch einen effizienten und schnelleren Handel sicherstellen. Blockchain-Technologie ermöglicht dabei aus der Lieferkette ein Liefernetzwerk aufzubauen. Dafür werden Datensilos aufgebrochen und verschiedene Industrien, angefangen vom Rohmaterial über den Transport bis hin zur Weiterverwertung über eine Plattform verknüpft. Eine gemeinsame fälschungssichere Datengrundlage verringert die Fehleranfälligkeit und die Notwendigkeit manueller Korrekturen. Distributed Ledger Technology eröffnet zusätzlich Möglichkeiten zur effizienteren Finanzierung beziehungsweise Vorfinanzierung von Gütern oder auch von Ausgleichszahlungen innerhalb der Netzwerke.

Wie hängt DLT oder Blockchain mit digitaler Identität zusammen?

Wie viele Identitäten brauche ich? Wer stellt sie mir aus? Wer überprüft mich? Wer verwaltet meine Identität? Weiß ich, wer mich überprüft? Was kann ich mit meiner Identität alles machen? Alles Fragen der digitalen Identitätskrise. Eine auf Blockchain basierende digitale und dezentrale Identität bietet hier entscheidende Vorteile: Sie ermöglicht einen rechtssicheren Identitätsnachweis, Hoheit über die eigenen Daten und selektive Freigabe von Attributen und Informationen im jeweiligen Anwendungsfall.

So ist es bei der Feststellung des Alters nicht mehr nötig, weitere persönlichen Daten (Adresse oder Körpergröße) zu teilen. Lediglich das Geburtsdatum, die ausstellende Institution sowie die Gültigkeit der Information ist von Belang und kann vom Eigentümer selbstständig verwaltet werden. In Zukunft werden eindeutige digitale Identitäten, entweder persönliche oder die von Gütern relevanter werden, um digitale Dienstleistungen in der Supply Chain und im Finanzwesen sowie neue Geschäftsfelder sicher erschließen und abbilden zu können.