5 Tipps

Was Freelancer vor der Festanstellung bedenken sollten

26.08.2020
Von 
Lilian Loke ist Autorin und Senior PR-Beraterin bei Web&Tech PR.
Viele Freelancer liebäugeln angesichts hoher Risiken und einer mitunter schwierigen Auftragslage mit einer Festanstellung. Vor dem Schritt in den sicheren Hafen gilt es jedoch, einige Dinge zu bedenken.
In harten Zeiten steigt der Wunsch nach einem sicheren Refugium. Dennoch sollten Freelancer den Wechsel in eine Festanstellung nicht vorschnell vollziehen.
In harten Zeiten steigt der Wunsch nach einem sicheren Refugium. Dennoch sollten Freelancer den Wechsel in eine Festanstellung nicht vorschnell vollziehen.
Foto: Vlad Ungurianu - shutterstock.com

Die Freiberuflichkeit bietet Beratern - besonders solchen mit SAP-Know-how - viele Vorteile wie etwa Freiheit bei der Projektauswahl und hohe Verdienstmöglichkeiten. Auf der anderen Seite stehen Belastungen durch große Eigenverantwortung und die Risiken einer schwierigen Auftragslage, weshalb nicht wenige Freelancer den Schritt in den sicheren Hafen der Festanstellung erwägen.

"Viele Freelancer erkennen nach einigen Jahren in der Freiberuflichkeit, dass auch eine Festanstellung attraktive Vorteile bietet", so Thomas Biber, Geschäftsführer der auf SAP spezialisierten Personalberatung Biber & Associates. "Wichtig bei einem Wechsel sind jedoch eine klare Entscheidung und frühzeitige Planung, um diesen Weg auch konsequent zu gehen."

SAP Freelancer, die über eine feste, sozialversicherungspflichtige Stelle nachdenken, sollten deshalb die folgenden fünf Punkte überdenken, bevor sie einen Wechsel erwägen.

1. Vertriebsarbeit entfällt

Festangestellte SAP-Fachkräfte profitieren von einer hohen sozialen Absicherung. Lohnfortzahlung im Krankheitsfall, Anspruch auf Rente und Arbeitslosengeld sowie ein monatlich fixes Gehalt bieten mehr Planungssicherheit - gerade Fachkräfte mit Familie schätzen diese Vorteile. Um eine ähnlich gute Absicherung zu erzielen, müssen Freelancer eine hohe Auslastung erreichen, konsequent Geld zurückgelegen oder sich teuer freiwillig versichern.

"Jeder Freiberufler ist für seinen Projektvertrieb verantwortlich - eine Fähigkeit, die nicht jedem gleich gut liegt", so Personalberater Biber. "Freelancer müssen gut vernetzt sein, um immer wieder Folgeprojekte zu akquirieren. Einer der Hauptgründe für Freelancer, in die Festanstellung zu wechseln, ist häufig der hohe Aufwand des Vertriebs ihrer eigenen Tätigkeit. Inhouse übernimmt dies natürlich der Arbeitgeber." Daher entscheiden sich viele Freiberufler mit zunehmendem Alter für die Suche nach einer Festanstellung, um mehr Zukunftssicherheit zu erreichen.

2. Umsatz ist nicht gleich Gehalt

Freiberufler haben Phasen, in denen sie überaus gut verdienen können. "Qualifizierte Fachkräfte mit entsprechender Erfahrung können in der Freiberuflichkeit häufig einen Tagessatz von deutlich über tausend Euro verlangen", so Biber. "Bei durchgehend guter Auslastung macht dies in der Spitze durchaus 200.000 bis 250.000 Euro pro Jahr aus." Im Vergleich liegen beispielsweise festangestellte Senior-Berater in einem Consultinghaus bei 100.000 bis 120.000 Euro pro Jahr. Bei Führungspositionen sind 140.000 Euro und teilweise auch mehr möglich, je nachdem, welche genaue Rolle der Berater ausführt. Im Inhouse-Bereich bei SAP-Anwenderunternehmen fallen die Gehälter durchschnittlich circa zehn bis 15 Prozent geringer aus.

Eine Regelmäßigkeit im Einkommen können Freelancer nicht voraussetzen, was eine Planung für Jahre im Voraus schwierig macht. Auch müssen wirtschaftlich schwächere Zeiten eingeplant werden, in denen Freelancer eventuell keine Einnahmen verzeichnen.

Möchten SAP-Freiberufler in eine Festanstellung wechseln, sollten sie sich darüber bewusst sein, dass eine Führungsposition in der Regel nicht möglich ist: "Bei den meisten Freelancern scheitert der Wechsel in die Festanstellung an einer nicht abbildbaren Gehaltsvorstellung", so Biber. "Und dort, wo die Gehaltsvorstellung abbildbar wäre - nämlich in einer Führungsposition - werden diese Fachkräfte von Unternehmen nicht gesehen, weil sie häufig keine entsprechende Führungserfahrung in der Linienorganisation vorweisen können."

3. Festanstellung schützt vor Reisen nicht

In der Regel sind Freelancer circa 60 bis 80 Prozent ihrer Arbeitszeit unterwegs und gewohnt, drei bis fünf Tage pro Woche beim Kunden vor Ort an Projekten zu arbeiten. "Manche Freelancer bauen sich zwar einen Arbeitgeberstamm in ihrer Region auf und nehmen gegebenenfalls niedrigere Tagessätze in Kauf, um ihre Reisetätigkeit zu reduzieren, jedoch ist dies nicht der Standard", erläutert Biber. "Die meisten Freiberufler setzen auf finanziell oder fachlich attraktive Projekte und sind dafür uneingeschränkt mobil."

SAP-Fachkräfte, die weniger reisen möchten, sind in einer Festanstellung jedoch nicht automatisch besser aufgehoben. Auch im Consulting-Bereich bei Anstellung in einem Beratungshaus arbeiten Fachkräfte vor Ort bei Unternehmen an Projekten und haben im Allgemeinen eine hohe Reisetätigkeit. Berater, die weitgehend ohne Reisetätigkeit auskommen möchten, sollten interne Stellen bei SAP-Anwenderunternehmen anstreben. Wer hier Verantwortlichkeit für die Maintenance der Systeme trägt, geht normalerweise nur in Einzelfällen auf Geschäftsreise.

4. Weiterbildung als Win-Win

"Freelancer sind in der Regel fachlich sehr stark spezialisiert", so Biber. "Die Chancen, sich insgesamt weiterzuentwickeln, sind hier im Vergleich zur Festanstellung überschaubarer, weil das äußere Interesse eines Arbeitgebers zur Weiterbildung fehlt. Freelancer werden oft immer wieder für die gleichen oder sehr ähnliche Projekttätigkeiten engagiert, in denen sie bereits Expertise haben." Eine Gefahr für freiberufliche Berater besteht daher darin, dass sie, vertieft in ihr Tagesgeschäft, zu spät bemerken, dass sie seit Jahren an den gleichen oder veralteten Themen arbeiten, und ihr Lebenslauf deshalb Schwächen aufweist.

In der Festanstellung liegt das Thema Weiterbildung dagegen beim Arbeitgeber: "Vor allem Beratungshäuser haben ein großes wirtschaftliches Interesse daran, dass sich ihre Mitarbeiter systematisch weiterentwickeln und Fachkenntnisse etwa zu den neuesten SAP-Themen konsequent aufbauen", erläutert Biber. Consultinghäuser schulen ihre Berater regelmäßig und akquirieren gezielt fachlich interessante Projekte, um die entsprechende Praxiserfahrung bei ihren Mitarbeitern zu fördern und selbst zukunftsfähig zu bleiben.

5. Notlösung unerwünscht

"Als Ex-Freelancer ist man im Bewerbungsprozess für Unternehmen zunächst einmal ein unsicherer und mit Risiko behafteter Kandidat", erklärt Biber. "Bewerber müssen ganz klar kommunizieren, dass die Festanstellung für sie nicht nur eine Notlösung aufgrund mangelnder Projektauslastung ist. Sie müssen einem potenziellen Arbeitergeber glaubhaft machen, dass sie langfristig umsatteln wollen und ihre Gründe offen darlegen. Wenn eine Fachkraft dagegen im Bewerbungsgespräch sagt, dass sie sich auch eine freiberufliche Mitarbeit vorstellen könne, ist das Gespräch sofort gelaufen, da Arbeitgeber befürchten, dass die erste interessante Projektanfrage den neuen Mitarbeiter gleich wieder zur Rückkehr in ein Freiberuflerdasein veranlasst."

Sprunghaftes Verhalten sei mittelfristig problematisch für den Lebenslauf, so Biber. "Ein unruhiges Hin- und Her zwischen zwei Jahren Freelancer und zwei Jahren Festanstellung geht vielleicht ein paarmal gut. Doch kommt schließlich der Faktor Alter hinzu, bei dem der Festanstellungsmarkt noch stärker diskriminiert als der Freelance-Markt, funktioniert diese Taktik nicht mehr. Solch ein Lebenslauf nimmt Fachkräften schließlich die Entscheidungsfreiheit, in eine Festanstellung zu gehen, da er potenzielle Arbeitgeber massiv abschreckt."

Zwischenzeitliche Freiberuflichkeit von Fachkräften, die bisher festangestellt waren, jedoch aufgrund eines schwächeren Arbeitsmarkts wie durch die Coronakrise keine Festanstellung finden, sind laut Biber jedoch sehr gut begründbar und daher unproblematisch. (mp/fm)