Kooperation mit Dediq

SAP lagert Finance-Lösungen aus

15.04.2021
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Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
Gemeinsam mit den Investoren von Dediq gründet SAP die Gesellschaft Financial Services Industry (FSI). Dort soll künftig die Entwicklung von Cloud-Lösungen für Banken und Versicherungen gebündelt werden.
Banken und Versicherungen müssen ihre IT-Systeme modernisieren - sonst gehen ganz schnell die Lichter aus. Welche Rolle SAP mit seiner neuen Gesellschaft dabei spielen kann, bleibt abzuwarten.
Banken und Versicherungen müssen ihre IT-Systeme modernisieren - sonst gehen ganz schnell die Lichter aus. Welche Rolle SAP mit seiner neuen Gesellschaft dabei spielen kann, bleibt abzuwarten.
Foto: Pigprox - shutterstock.com

SAP lagert sein Portfolio für Finanzdienstleister in eine separate Gesellschaft aus. Gemeinsam mit der Münchner Beteiligungsgesellschaft Dediq GmbH soll eine Firma für die Finanzdienstleistungsbranche (Financial Services Industry: FSI) gegründet werden, an der beide Partner beteiligt sein werden. Sowohl SAP als auch Dediq würden die erforderlichen finanziellen Mittel, die Technologie und das Entwicklungs-Know-how sowie ein breites Partnernetz einbringen, um die neue FSI-Geschäftseinheit im IT-Markt zu etablieren, heißt es in einer offiziellen Mitteilung.

Dediq werde demzufolge über 500 Millionen Euro in die neue FSI-Geschäftseinheit investieren. Wie viel Geld SAP hineinstecken wird und wie die Beteiligungsverhältnisse genau aussehen, wurde nicht verraten. Die kartellrechtliche Genehmigung vorausgesetzt, soll die neue Geschäftseinheit im zweiten Halbjahr 2021 ihren Betrieb aufnehmen.

Dediq steht für "Dedicated Entrepreneurs with digital IQ". Die 2011 in München gegründete Beteiligungsgesellschaft versteht sich als operativ aktiver Investor. Es gehe um die Weiterentwicklung von Geschäftsmodellen. Dafür bringe man neben Kapital auch unternehmerische Expertise mit ein. Die eigene Rolle sei je nach Situation unterschiedlich, heißt es von Seiten des Investors. "Vom aktiven Gesellschafter bis hin zur Übernahme von Managementaufgaben."

Gemeinsames Ziel sei es, das SAP-Portfolio für Finanzdienstleisterauszubauen und in neue branchenspezifische Lösungen zu investieren. Diese sollen auf SAP-Software basieren und in das Portfolio und die Produkt-Roadmap von SAP integriert werden, hieß es. FSI werde sich auf rasche Innovationen für Kernprozesse von Banken und Versicherungen sowie auf Lösungen konzentrieren, die speziell für diese Branche entwickelt werden. Damit sollen die Anforderungen von Finanzdienstleistern bezüglich digitaler Innovationen und Kosteneffizienz besser erfüllt werden.

"Der Finanzsektor ist eine Schlüsselbranche für SAP"

"Durch die Partnerschaft mit Dediq werden wir die Digitalisierung von Kunden im Finanzdienstleistungssektor noch stärker unterstützen und schneller innovative Cloudlösungen bereitstellen, mit denen unsere Kunden ihre Unternehmen ganzheitlich transformieren können", sagte Christian Klein, CEO der SAP SE. "Der Finanzsektor ist eine Schlüsselbranche für SAP."

SAP-Chef Christian Klein verspricht den Kunden aus dem Finance-Sektor bessere Digitalisierungsunterstützung und schnellere Innovationen.
SAP-Chef Christian Klein verspricht den Kunden aus dem Finance-Sektor bessere Digitalisierungsunterstützung und schnellere Innovationen.
Foto: SAP SE / feinkorn photography

Warum der Softwarekonzern dafür die Lösungen in eine separate Gesellschaft auslagert, bleibt allerdings unklar. Tatsächlich steckt die Banken- und Versicherungsbranche derzeit in einem starken Wandel. Der Druck zur Digitalisierung steigt. Dafür müssen jedoch die teilweise Jahrzehnte alten Legacy-Systeme, die in vielen Instituten nach vor im Einsatz sind, modernisiert werden. Das ist alles andere als einfach. Auf dem Mainframe laufende Cobol-Anwendungen lassen sich nicht per Knopfdruck in moderne Microservices-Architekturen für die Cloud transformieren. Dazu kommt, dass vielen Unternehmen mittlerweile das Know-how für die alten Systeme abhanden kommt. Etliche Finance-Unternehmen haben daher umfangreiche Projekte gestartet, um mit Hilfe von Dienstleistern die Funktionalität der Kernsysteme zu extrahieren und in modernere IT-Infrastrukturen zu überführen. Doch diese Vorhaben sind aufwendig, teuer und dauern oft viele Jahre.

Rasch Innovationen für Kernprozesse von Banken und Versicherungen auf die Straße zu bringen, wie es SAP und Dediq vorhaben, dürfte also nicht einfach werden. Luka Mucic, Finanzvorstand der SAP SE, ist dennoch zuversichtlich: "Der Markt für Finanzdienstleister eröffnet uns riesige Chancen." Gemeinsam mit Dediq werde man das bestehende Portfolio für Finanzdienstleister erweitern, um Prozesse im Bank- und Versicherungswesen durchgängig abzubilden. Vorrangiges Ziel der neuen FSI-Geschäftseinheit werde sein, Kunden durch digitale Innovationen und Cloud-Technologie zu mehr Flexibilität zu verhelfen. Die neue Einheit soll dabei unabhängig agieren und ihre strategische Richtung selbstständig festlegen, hieß es.

SAP schließt Kooperationen für Industrielösungen

Das SAP-Management verwies in diesem Zusammenhang darauf, dass im Rahmen der Strategie für das Industry-Cloud-Portfolio bereits zahlreiche Kooperationen geschlossen worden seien. Die jüngste Partnerschaft mit Dediq setze einen weiteren Meilenstein. "Wir sind von der Strategie der neuen FSI-Geschäftseinheit fest überzeugt", sagte Matthias Tomann, geschäftsführender Partner bei Dediq. Die Zukunft von Softwarelösungen für die Finanzdienstleistungsbranche liege in der Cloud. Für Tomann bietet die SAP-Plattform "unvergleichliche Möglichkeiten, wenn es darum geht, die Kernprozesse großer Unternehmen wie Banken und Versicherer zu unterstützen, aber auch neu entstehende Ökosysteme in dieser Branche mit den richtigen Lösungen zu versorgen."

Wie genau die Grenzlinien zwischen FSI und SAP verlaufen sollen, bleibt allerdings noch zu klären. "SAP wird weiterhin SAP-Lösungen für Enterprise Information Management und Lösungen für Banken und Versicherungen verkaufen und Support dafür bieten", heißt es in einer Mitteilung. SAP-Kunden blieben weiterhin SAP-Kunden. Die neue FSI-Geschäftseinheit soll offenbar verstärkt in Kernbereiche des Finanzdienstleistungssektors wie zum Beispiel das gewerbliche Kreditgeschäft, das Privatkundengeschäft, Kernprozesse von Versicherungen sowie das Finanzwesen von Versicherungen und Banken investieren. Die neuen Lösungen würden als Teil der Industry-Cloud-Lösungen von SAP entwickelt und auf SAP-Technologien und ­Anwendungen wie beispielsweise HANA, S/4HANA und der Business Technology Platform (BTP) aufbauen.

Banken suchen der Weg in die Cloud

Welche Rolle SAP bei der Digitalisierung des Finance-Sektors spielen wird, bleibt abzuwarten. Derzeit scheint es für die Banken und Versicherungen in erster Linie darum zu gehen, den passenden Cloud-Partner zu finden. Beispielsweise hat die Commerzbank erst in den vergangenen Monaten mehrjährige strategische Partnerschaften mit Microsoft und Google angekündigt. Ziel der Kooperationen sei es, die digitale Transformation zu beschleunigen und neue innovative Lösungen für die Bankkunden zu entwickeln. Eine signifikante Zahl von Bankanwendungen werde in die Cloud verlagert. Welche das sind, das wurde nicht näher spezifiziert.

Auch die Deutsche Bank kooperiert mit Google, um ihre Kernsysteme zu modernisieren. Zentralisieren, standardisieren und modernisieren, beschrieb Technik-Vorstand und Ex-SAP-Manager Bernd Leukert sein "Concept of One". Gemeinsam mit Google will Leukert einen großen Teil der Systeme und Anwendungen in die Cloud migrieren sowie gemeinsam mit dem Cloud-Provider digitale Finanzprodukte entwickeln. Problematisch sind dabei vor allem Legacy-Anwendungen, die nicht selten schon mehr als 20 Jahre im Backend laufen. "Die kann man nicht einfach in die Cloud schieben", sagte Leukert dem CIO Magazin. Sie sollen entweder neu gebaut oder, wenn möglich, abgeschaltet werden. Wie hoch der Anteil solcher Programme ist, wollte Leukert nicht verraten. Der Zeitrahmen für die Cloud-Migration ist zunächst auf zwei bis fünf Jahre angelegt.