Restrukturierung betrifft 8.000 Mitarbeiter

SAP baut sich um

24.01.2024
Von 
Martin Bayer ist Chefredakteur von COMPUTERWOCHE, CIO und CSO. Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP.
Mit einem umfassenden Restrukturierungsprogramm läutet SAP das Jahr 2024 ein. CEO Christian Klein will damit den Umbau Richtung Cloud und KI beschleunigen.
SAP baut an neuen Strukturen. Neben der Cloud rückt dabei vor allem KI immer stärker in den Fokus.
SAP baut an neuen Strukturen. Neben der Cloud rückt dabei vor allem KI immer stärker in den Fokus.
Foto: Strahlengang - shutterstock.com

SAP-Chef Christian Klein trimmt den deutschen Softwarekonzern strikt auf Cloud- und KI-Kurs. Dafür sollen auch die internen SAP-Strukturen umgebaut werden. Neben einem stärkeren Fokus auf strategische Wachstumsbereiche gehe es vor allem auch darum, die "operative Struktur umzugestalten, um organisatorische Synergieeffekte zu nutzen, Effizienzsteigerungen durch KI zu erzielen und das Unternehmen auf zukünftiges stark skalierendes Umsatzwachstum vorzubereiten", hieß es in einer Mitteilung des Softwareherstellers.

Das bekommen auch die SAP-Mitarbeiterinnen und -Mitarbeiter zu spüren. Der Konzern kündigte für 2024 ein unternehmensweites Restrukturierungsprogramm an. Davon würden etwa 8.000 Stellen betroffen sein, hieß es. Das entspricht etwa 7,5 Prozent der Gesamtbelegschaft. Ziel der Maßnahmen: SAP will damit sicherstellen, "dass die Qualifikationen und Ressourcen der SAP den zukünftigen Geschäftsanforderungen auch weiterhin gerecht werden."

SAP will keine Stellen abbauen

Wie das genau aussehen wird, wollten die Verantwortlichen in Walldorf nicht verraten. Bei den meisten der betroffenen Stellen sollen Freiwilligenprogramme und Umschulungsmaßnahmen zum Tragen kommen, hieß es. Von Entlassungen oder einem Stellenabbau war nicht die Rede. In Walldorf rechnet man angesichts von geplanten Reinvestitionen in Wachstumsbereiche damit, dass die Zahl der Mitarbeitenden zum Jahresende auf dem gleichen Niveau stehen werde wie Ende 2023.

So geht SAP seine KI-Startegie an:

Die Kosten für das Restrukturierungsprogramm beziffert SAP auf rund zwei Milliarden Euro. Diese sollen weitestgehend in den Bilanzen für das erste Halbjahr 2024 verbucht werden. Die Finanzverantwortlichen gehen davon aus, dass sich die Maßnahmen auf das Betriebsergebnis auswirken werden. Kostenvorteile würden 2024 dagegen kaum erzielt. Für 2025 rechnet man bei SAP im Zuge der Restrukturierung mit Effizienzsteigerungen, die sich mit einem Plus von 0,5 Milliarden Euro beim Betriebsergebnis niederschlagen sollen.

SAP-Chef Klein verlagert Fokus auf KI

"Wir schlagen das nächste Kapitel in unserer Erfolgsgeschichte auf", sagte SAP-Chef Klein. "Mit dem geplanten Transformationsprogramm verlagern wir verstärkt Investitionen in strategische Wachstumsbereiche, in erster Linie in KI." Klein kündigte an, auch zukünftig wegweisende Innovationen zu entwickeln und gleichzeitig die Effizienz der eigenen Geschäftsprozesse zu verbessern.

SAP-CEO Christian Klein spricht von einem neuen Kapitel in der SAP-Geschichte.
SAP-CEO Christian Klein spricht von einem neuen Kapitel in der SAP-Geschichte.
Foto: SAP SE

Das gelinge Klein zufolge aus einer Position der Stärke heraus. Der SAP-Manager verwies dabei auf die aktuellen Zahlen. "Die SAP hat geliefert: Unseren Ausblick für 2023 haben wir bei allen wichtigen Kennzahlen erfüllt oder übertroffen." In SAPs Chefetage blickt man offenbar zuversichtlich in das Jahr 2024.

Für 2023 meldete SAP einen Umsatz von 31,2 Milliarden Euro, das sind sechs Prozent mehr als im vorangegangenen Jahr. Das Betriebsergebnis verringerte sich im Jahresvergleich um fünf Prozent auf knapp 5,8 Milliarden Euro. Beim Gewinn nach Steuern konnte SAP 2024 indes über 5,9 Milliarden Euro verbuchen, nach 1,7 Milliarden Euro im Jahr 2022. Dabei spielten allerdings Sondereffekte infolge des Verkaufs von Qualtrics eine maßgebliche Rolle.

Cloud-Einnahmen rauf - Lizenzumsatz runter

Insgesamt spiegeln die Zahlen den Geschäftsumbau bei SAP wider. Die Cloud-Erlöse stiegen 2023 im Vergleich zu Vorjahr um 20 Prozent auf fast 13,7 Milliarden Euro. Davon gehen knapp 3,5 Milliarden Euro auf das Konto der S/4HANA-Cloud, plus 67 Prozent im Vergleich zu 2022. Demgegenüber ging das klassische Lizenz-Wartungs-Geschäft weiter zurück. Mit Softwarelizenzen verdiente SAP 2023 knapp 1,8 Milliarden Euro, 14 Prozent weniger als 2022. Die Einnahmen mit Softwaresupport verringerte sich um drei Prozent auf etwa 11,5 Milliarden Euro.

Finanzvorstand Dominik Asam bezeichnete das Jahr 2023 als einen Wendepunkt. SAP habe Wort gehalten und trotz eines ungünstigen gesamtwirtschaftlichen Umfelds gute Zahlen abgeliefert. "Im Jahr 2024 werden wir uns weiter darauf konzentrieren, den eingeschlagenen Pfad zur Verbesserung der Erträge sicherzustellen, um unsere aktualisierten Zielsetzungen für 2025 zu erreichen und nachhaltiges Wachstum und finanzielle Leistung zu zeigen", kündigte Asam an.

Ärger bei den SAP-Kunden

Dafür müssen allerdings auch die Kunden mitspielen. Die sind jedoch gerade hier in Deutschland gar nicht gut auf ihren Softwarelieferanten zu sprechen. Die Ankündigung SAPs, maßgebliche Innovationen wie KI nur noch in der Cloud und für Klientel mit RISE- und GROW-Verträgen anzubieten, hat viele Kunden verunsichert und verärgert.

Anwenderunternehmen, die in den vergangenen Jahren auf die On-premises-Variante von S/4HANA gewechselt seien und sich dabei auf die Zusagen aus Walldorf verlassen hätten, würden damit von Innovationen abgekoppelt. "SAP lässt zahlreiche treue Kunden im Regen stehen", schimpfte Jens Hungershausen, Vorstandsvorsitzender der Deutschsprachigen SAP-Anwendergruppe (DSAG), beim letztjährigen Jahreskongress in Bremen.

Jens Hungershausen, Vorstandsvorsitzender der DSAG, wirft der SAP vor, langjährige und treue Kunden im Regen stehen zu lassen.
Jens Hungershausen, Vorstandsvorsitzender der DSAG, wirft der SAP vor, langjährige und treue Kunden im Regen stehen zu lassen.
Foto: DSAG

Die SAP-Verantwortlichen betonen immer wieder, wie wichtig der Heimatmarkt für den Softwareanbieter sei. Immerhin wies Deutschland im vergangenen Jahr im regionalen Vergleich das größte Umsatzwachstum auf - plus zehn Prozent auf gut 4,9 Milliarden Euro. Die Region EMEA legte um acht Prozent auf 14 Milliarden Euro zu. Der größte Einzelmarkt für SAP bleiben die Vereinigten Staaten. In den USA erwirtschaftetet SAP 2023 Einnahmen von 10,2 Milliarden Euro (plus vier Prozent). Das entspricht fast einem Drittel der Gesamteinnahmen des deutschen Softwarehauses.

Hasso Plattner geht von Bord

2024 dürfte für SAP ein Jahr des Wandels werden. Neben dem Restrukturierungsprogramm dürften auch Veränderungen an der Unternehmensspitze Wirkung zeigen. Zu Beginn des Jahres hat der Konzern mit Customer Services & Delivery ein neues Vorstandsressort geschaffen. Dessen Leiter Thomas Saueressig soll die nach wie vor zögerliche Cloud-Transformation bei den Kunden anschieben.

Hasso Plattner hat mit SAP deutsche Softwaregeschichte geschrieben.
Hasso Plattner hat mit SAP deutsche Softwaregeschichte geschrieben.
Foto: SAP

Dann geht im Mai 2024 eine Ära bei SAP zu Ende. Der Gründer und Vorstandsvorsitzende Hasso Plattner, der am 21. Januar seinen 80. Geburtstag feierte, zieht sich zurück. Der Grand Seigneur hatte auch in den letzten Jahren großen Einfluss auf die Entwicklungen bei SAP - technisch wie organisatorisch.

50 Jahre SAP: Der Softwarekonzern steht am Scheideweg

Plattner legte mit der HANA-Datenbank die Grundlage für die neue Produktgeneration S/4HANA und leitete nach den Turbulenzen rund um den Abschied des langjährigen CEOs Bill McDermott die Verjüngung des SAP-Managements. Man darf gespannt sein, wie sich die junge Management-Riege rund um Klein, Saueressig und den Technikvorstand Jürgen Müller aus dem weit reichenden Schatten der grauen SAP-Eminenz lösen können.