Kein Business Case

SAP-Anwender verschieben S/4HANA-Migration

19.11.2020
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Spezialgebiet Business-Software: Business Intelligence, Big Data, CRM, ECM und ERP; Betreuung von News und Titel-Strecken in der Print-Ausgabe der COMPUTERWOCHE.
In der Krise geraten die IT-Budgets unter Druck. Jede Investition muss auf den Geschäftserfolg einzahlen. Das gilt auch für die großen S/4HANA-Migrationsprojekte.
Etliche S/4HANA-Projekte dürften sich in Folge der Coronakrise verspäten.
Etliche S/4HANA-Projekte dürften sich in Folge der Coronakrise verspäten.
Foto: phive - shutterstock.com

Etliche S/4HANA-Projekte dürften sich in Folge der Coronakrise verspäten.Es sei wahrhaftig kein Business as usual, was die SAP-Anwenderunternehmen derzeit in Deutschland erlebten, sagte Marco Lenck, Vorstandsvorsitzender der Deutschsprachigen SAP Anwendergruppe (DSAG) zum Auftakt der DSAGLive. Die große Jahreskonferenz der Anwendervereinigung fand in diesem Jahr wegen der COVID-19-Pandemie virtuell statt.

S/4HANA und der fehlende Business Case

In Folge der Coronakrise berichteten fast drei Viertel der Betriebe von zum Teil stark rückläufigen Umsätzen. Das erhöht den Druck, auch auf die IT-Abteilungen. Die müssen künftig mit weniger Geld auskommen. Gut jeder fünfte IT-Verantwortliche berichtet, dass sein Budget sogar um mehr als ein Fünftel zusammengestrichen wird.

Von guter Stimmung in den Reihen der hiesigen SAP-Klientel kann demzufolge keine Rede sein. Die Anwendervertretung hatte im Sommer knapp 250 CIOs und Vertreter von DSAG-Mitgliedsunternehmen in Österreich, Deutschland und der Schweiz befragt. Dabei wurde auch deutlich, dass die Anforderungen in Sachen Digitalisierung steigen - das sagten gut acht von zehn Befragten. Die IT steckt also in der Bredouille: Sie hat weniger Mittel zur Verfügung, muss aber mehr leisten.

Die Konsequenz daraus sei, dass IT-Investitionen zielgerichteter und fokussiert auf mehr Effizienz ausgerichtet werden müssen, sagte Lenck. Das hat auch Konsequenzen für die laufende S/4HANA-Umstellung in vielen Unternehmen. Während die Hälfte der befragten SAP-Anwender angab, ihre Migrationsprojekte konsequent weiterverfolgen zu wollen, erklärten 43 Prozent, ihre Bemühungen hinsichtlich der Einführung der neuen ERP-Generation erst einmal aufzuschieben oder zurückzustellen. Die häufigste Begründung: Es fehlt der Business Case.

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Der DSAG-Vorstand wies zwar darauf hin, dass sich S/4HANA im Markt etabliert habe. Immerhin hätten bereits 13 Prozent der befragten Anwenderunternehmen das System eingeführt, ein weiteres Viertel sei gerade dabei und die Hälfte der Betriebe stecke in konkreten Planungen. Nur zwölf Prozent hätten sich noch nicht entschieden - vor wenigen Monaten lag der Anteil der Zögerer noch doppelt so hoch.

S/4HANA-Migration ist nicht automatisch Digitalisierung

Dennoch können die DSAG-Verantwortlichen nachvollziehen, warum die Migration häufig auf Eis gelegt wird. Bei der Umstellung auf S/4HANA handele es sich in aller Regel um sehr umfangreiche und teure Softwareprojekte, so Lenck. Außerdem sei eine Migration nicht automatisch mit Digitalisierungsfortschritten gleichzusetzen. S/4HANA könne dafür lediglich eineGrundlage bilden. Immerhin berichteten sechs von zehn befragten IT-Verantwortlichen, dass sie in ihren Digitalisierungsbemühungen zügig vorankommen. Ein gutes Drittel räumte dagegen ein, nur langsam Fortschritte zu machen. Jeder Zwanzigste sagte, momentan andere Prioritäten als die digitale Transformation im Auge zu haben.

Die Handlungsbedarfe, mit denen sich die IT-Verantwortlichen konfrontiert sehen, reichen über den SAP-Horizont hinaus. Mit deutlichem Abstand geht es in den Unternehmen vor allem darum, bestehende Prozesse effizienter einzurichten. Das sagen fast drei von vier SAP-Anwender. Mit deutlichem Abstand auf der Prioritätenlisten folgen digitale Geschäftsmodelle und Services (36 Prozent), mehr Informationstransparenz (28 Prozent) und die Flexibilisierung von Geschäftsbeziehungen (24 Prozent).

Lenck spielte den Ball direkt an SAP weiter und mahnte die Unterstützung von nahtlos integrierten End-to-End-Prozessen an. Diese müssten einfach und schnell implementierbar sein. "Wir erwarten hier ein klares und abgestimmtes Portfolio", sagte der DSAG-Chef und erinnerte den Softwarekonzern an sein Versprechen, bis Jahresende 90 Prozent der zugesagten End-to-End-Prozesse für die vier Kernbereiche Einkauf, Entwicklung und Produktion, Vertrieb und Kundenbetreuung sowie Personalwirtschaft zu liefern.

SAP-Chef Klein verspricht zu liefern

"SAP hört zu und liefert", antwortete SAP-CEO Christian Klein. Derzeit stehe man hier bei 57 Prozent Zielerreichung. Bis Ende 2020 werde SAP die zugesagten 90 Prozent schaffen. Der SAP-Chef betonte zugleich, dass technische Veränderungen und Migrationen nicht ausreichten, wenn sich Unternehmen digital transformieren wollten. Dazu brauche es auch ein Redesign der eigenen Prozesse, eine Business Transformation.

Dafür will der Softwarekonzern seinen Kunden die passende Plattform bieten. Seit über einem Jahr baut SAP an seiner Business Technology Platform (BTP), die sich mehr und mehr als zentrales Fundament für die gesamte Applikationslandschaft der Walldorfer darstellt. Das gelte auch für die in den vergangenen Jahren zugekauften Cloud-Unternehmen, sagte Klein. Deren Integration in den SAP-Stack habe man vernachlässigt. Doch nun sei die Zeit vorbei, dass deren Lösungen auf eigenen Plattformen liefen . Dabei gehe die Integration via BTP über rein technische Application Programming Interfaces (APIs) weit hinaus. Der SAP-Chef sprach von einem abgestimmten semantischen Datenmodell über die gesamte Plattform hinweg sowie einem durchgängigen User Interface und verstärkten Anstrengungen im Security-Bereich.

Die Zeit der Softwaremonolithen sei vorbei, ließ der SAP-Chef durchblicken. Er sprach seinen Kunden gegenüber von modularen Systemlandschaften. Diese sollten offen sein, so dass Anwender die Wahl hätten - beispielswiese in der Frage der zugrundeliegenden Cloud-Infrastruktur. "Cloud first, aber nicht Cloud only", lautet Kleins Credo. Modular soll künftig auch das Erweitern von SAPs Softwarelandschaften funktionieren, ohne dabei die Software selbst verbiegen zu müssen. Dafür gibt es einen AppStore auf der SAP-Plattform. Klein zufolge finden sich hier bereits rund 1600 Erweiterungen für SAP-Anwendungen. Der CEO kündigte darüber hinaus an, im kommenden Jahr verstärkt an Low-Code- und No-Code-Funktionen arbeiten zu wollen, um die App-Entwicklung im SAP-Kosmos zu vereinfachen.

Co-Innovation - SAP will alten Spirit wiederbeleben

Die konkreten Ankündigungen Kleins, gerade was die durchgängige Integration sowie die Unterstützung von End-to-End-Prozessen angeht, kommen bei SAP-Anwendern gut an. Seit Jahren liegen sie dem Management in Walldorf damit in den Ohren, dass die SAP-interne Integration lückenhaft und die Datenmodelle uneinheitlich seien. SAP-Chef Klein versprach seinen Kunden, besser auf deren Wünsche zu hören und erinnerte an die Anfänge der SAP vor knapp 50 Jahren. Damals entstanden die ersten Softwareprodukte in enger Zusammenarbeit mit den Anwendern. Diesen Geist der Co-Innovation will Klein wiederbeleben. "Wir waren immer dann am besten, wenn wir unseren Kunden zugehört haben."

Dann könnte auch das Standing der Walldorfer bei ihrer Klientel wieder besser werden. Aktuell sagt nicht einmal ein Drittel der von der DSAG befragten Betriebe, dass sie Vertrauen in die Produktstrategie SAPs haben. Ein knappes Viertel gab sogar explizit an, dem Softwarelieferanten nicht zu vertrauen. Immerhin sind diese Zahlen etwas besser als die in der vergleichbaren Umfrage vor einem Jahr. Damals lag der der Anteil derer, die der Strategie von SAP nicht über den Weg trauen, mit 28 Prozent über der Menge derjenigen die den Botschaften aus Walldorf vertrauen (24 Prozent).

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Die Umfragewerte seien zwar besser geworden, sagte SAP-CEO Klein. "Da geht aber noch mehr." Dafür muss SAP aber noch etliche Baustellen beseitigen. 45 Prozent der Anwender klagen über unerwartete Komplexität in SAP-Projekten, 37 beziehungsweise 33 Prozent bemängeln Funktionslücken sowie Fehler in der Software. Hier muss der Softwarekonzern nachbessern. DSAG-Vorstand Lenck betonte, dass neben Kosten und Support auch die Reputation des Anbieters eine wichtige Rolle bei Kauf- und Rollout-Entscheidungen der Kunden spiele.

Zudem gibt es Themen, über die SAP und Anwender bereits seit Jahren diskutieren, ohne dass es spürbare Fortschritte geben würde. Das betrifft vor allem das Lizenz- und Preismodell: Zwar scheint rund um das Thema der indirekten Nutzung mittlerweile Ruhe eingekehrt zu sein. Doch die Diskussionen um die Metriken in der Cloud sind in vollem Gange. SAP-Chef Klein ermunterte die Kunden, im Zuge des digitalen Wandels ihre Geschäftsmodelle auf den Prüfstand zu stellen und beispielsweise auch über Subscription-Ansätze nachzudenken. Auf Nachfrage musste er aber einräumen, dass SAP selbst in seinen eigenen Abrechnungsmodellen noch Nachholbedarf in Sachen Flexibilität habe. So gebe es zwar auf der Plattform erste Pay-as-you-go-Ansätze. Was darüber hinaus geht, da stecke SAP noch in Überlegungen, so der SAP-Chef.

Lenck bekräftigte die Forderungen der SAP-Anwender nach atmenden Modellen - "nach oben, aber auch nach unten". Die Metriken dafür seien nach wie vor in der Diskussion. SAP-Anwender müssten auch mal etwas ausprobieren können, forderte der DSAG-Mann. Dafür brauche es niedrige Einstiegshürden. "Wir werden noch über Flexibilität reden müssen", sagte Lenck in Richtung Walldorf.

Neuer DSAG-Chef will SAP an ihre Versprechen erinnern

Wie diese Diskussionen ausgehen werden, das dürfte Lenck allerdings nicht mehr als DSAG-Vorstandsvorsitzender miterleben. Nach acht Jahren scheidet der Manager satzungsgemäß als Vorsitzender aus dem Vorstand der Anwendervereinigung aus. SAP-Chef Klein bedankte sich bei Lenck und blickte dabei nicht nur auf rosige Zeiten zurück. Allerdings, so betonte der SAP-Manager, sei es immer gelungen, sich zu einigen. Er schenkte Lenck zum Abschied ein Steuerruder.

Jens Hungershausen, der neue Vorstandsvorsitzende der DSAG, will SAP daran messen, ob der Softwarekonzern seine Versprechen hält.
Jens Hungershausen, der neue Vorstandsvorsitzende der DSAG, will SAP daran messen, ob der Softwarekonzern seine Versprechen hält.
Foto: DSAG

Sein Nachfolger wird Jens Hungershausen, hauptberuflich Bereichsleiter IT/CIO für die IT der MEGA eG. Der neue DSAG-Chef kündigte an, die bisherige Zusammenarbeit mit SAP auf Augenhöhe fortführen zu wollen. In der Sache werde Hungershausen hartnäckig bleiben und die Forderungen aus der Ära seines Vorgängers nicht aus den Augen verlieren. Jahrelang dauernde S/4HANA-Projekte passten nicht in eine agile beziehungsweise hybride Welt, so der CIO. "Aus Sicht der DSAG-Mitglieder fordere ich daher, dass SAP ihre Versprechen hinsichtlich der Integration der einzelnen Lösungen, der Harmonisierung der Stammdaten sowie einer einheitlichen User-Experience im Sinne der Anwender schnell und nachhaltig umsetzt."