Brain-Computer-Interfaces (BCI)

Neurotechnologie trifft Predictive Satisfaction

13.02.2020
Von   IDG ExpertenNetzwerk


Andreas Jamm ist CEO der Innovations- und Technologieberatung Boldly Go Industries GmbH sowie Initiator der Disruptive Champion Initiative und der Industrial Internet of Things & Industrie 4.0 Fokus- und Anwendergruppe. Als Autor publiziert er Artikel in unterschiedlichen Fachmedien. Er fungiert als Ratgeber und Coach für Politik und Wirtschaft und ist ein begehrter Speaker auf Fachveranstaltungen und Kongressen.
Noch steuern wir das Internet der Dinge über grafische, sprachgesteuerte oder andere Benutzerschnittstellen. Mit Neurotechnologie und Brain-Computer-Interfaces (BCI) steht uns eine neue Bedienwelt offen, die auch unsere Wünsche vorrausschauend wahr werden lassen könnte.

Hersteller von Waschmaschinen, Heizungsanlagen, Fitnessarmbändern, Autos etc. sind mittlerweile "Smart Manufacturer". Sie bauen ihre Produkte intelligent und vernetzt. Diese sammeln Daten, können mit ihrem Besitzer sprechen und ihm die kleinen Aufgaben des täglichen Lebens immer mehr abnehmen. Diese neue Nähe zum Kunden und das Wissen über seine Bedürfnisse ist sehr begehrt. Darum wandern Amazon Echo, Google Home und zahlreiche weitere smarte Helfer in das Leben der Konsumenten. Denn je tiefer sie dort verankert sind, umso bessere Informationen und Daten erhalten die jeweiligen Hersteller.

Geräte per Gedankenkontrolle steuern? BCIs sollen das möglich machen.
Geräte per Gedankenkontrolle steuern? BCIs sollen das möglich machen.
Foto: Pavlo S - shutterstock.com

Sensoren im Menschen

Diese Annäherung geht bereits unter die menschliche Haut, welche auch im Hype Cycle "Internet of Things" 2019 der Marktforscher von Gartner zu finden ist. Aufgeführt wird das Internet of Meat (IoM), bei dem Technologien im Inneren des Körpers implantiert, verbunden und über drahtlose Kommunikation zugänglich sind. So sollen Menschen mit der "Connected World" vereint.

Hier gibt es bereits zahlreiche Anwendungsfälle, in denen Sensorik im Menschen verbaut wird. So werden auf diese Art körperliche Behinderungen behoben, die Leistungsfähigkeit gesteigert oder einfach nur das Leben bequemer gestaltet. Neben rein medizinischen Anwendungen ist die Bandbreite groß. Athleten schlucken beispielsweise Sensoren, um sie bei Sportwettkämpfen gegen mögliche Überhitzungen zu schützen. Banken implantieren ihren Kunden als Marketing-Gag NFC Chips als Schlüsselersatz für ihr Eigenheim, wenn Sie denn einen Baufinanzierung abschließen.

Das vernetzte Gehirn

Geht es jedoch um das Aufspüren körpereigener Daten und Informationen, ist die Neurotechnologie die Königsdisziplin. Sie versucht, das Gehirn mit dem Computer oder digitalen Plattformen und Netzwerken zu verheiraten. Das klingt zwar nach Science-Fiction, aber seit einigen Jahren arbeiten immer mehr Unternehmen daran, die Schnittstelle und entsprechende Anwendungsfälle zu entwickeln.

Konzept eines Brain-Computer-Interface (BCI) Netzwerkes
Konzept eines Brain-Computer-Interface (BCI) Netzwerkes
Foto: Boldly Go Industries GmbH / www.boldlygo.de

Ein BCI erfasst nichtinvasiv, meistens mittels EEG, oder invasiv mittels implantierter Elektroden Signale des menschlichen Gehirns. Es analysiert und übersetzt diese in Befehle, die weitergeleitet werden, um gewünschte Aktionen durchzuführen. Mit der weit verbreiteten Konnektivität von Alltagsgeräten und Maschinen durch das Aufkommen des Internet der Dinge, könnten BCIs Menschen erlauben, smarte Geräte oder Roboter direkt über ihre Gedanken zu steuern.

Mittlerweile ist die Forschung schon darüber hinaus Gehirnaktivitäten nur zu messen. Dennoch befindet sie sich noch in einem frühen Entwicklungsstadium. Eine Entwicklungsrichtung geht dahin, Geräte mit Gedanken zu bedienen und zu steuern. Eine andere verläuft entgegengesetzt und zielt darauf ab, das Gehirn von außen zu trainieren oder zu stimulieren. In der Medizin wird beispielsweise erforscht, wie Gehirn- und Nervenverbindungen durch die Kombination aus Neurofeedback und Robotik reaktiviert werden können.

Der Weg ist auf jeden Fall vorgezeichnet, er ist aufregend und erschreckend zugleich. Das endgültige Ziel ist die Vereinigung zwischen Mensch und Maschine oder Mensch und Mensch durch Daten- und Gedankenströme. BCIs werden uns ständig mit dem Internet verbinden. Das klingt zu weit hergeholt, um es zu glauben? Vielleicht, aber es besteht kein Zweifel, dass dies ein Szenario ist, auf das bekannte und mächtige Unternehmen hinarbeiten.

Technologie-Giganten erobern das Gehirn

Schon 2017 gab Facebook auf seiner Entwicklerkonferenz F8 bekannt, mit der Entwicklung der "Brain-Typing"-Technologie begonnen zu haben. Nutzer sollen "direkt" aus ihrem Kleinhirn Beiträge in das soziale Netzwerk schreiben, selbst wenn sie etwas anderes tun. Regina Dugan, die Leiterin des Facebook Building 8 Research Labs stellte klar, dass es nicht nur darum gehe, zufällige Gedanken zu entschlüsseln. Ziel sei es, Wörter zu entschlüsseln, für die ein Mensch sich bereits entschieden habe, bevor er sie an das Sprachzentrum seines Gehirns sende.

Facebook ist nicht der einzige große Player, der daran arbeitet, verlässliche und nutzbare Schnittstellen zwischen Gehirn und Computer zu schaffen. Ein weiteres wichtiges Unternehmen ist Neuralink, das 2016 von Elon Musk gegründet wurde. Neuralink hat Sensoren entwickelt, die eine direkte Verbindung zum Gehirn herstellen, um verknüpfte Geräte zu steuern.

Vorhersagen über unser Verhalten

Für die kommerzielle Nutzung ist letztendlich nicht allein die Verbindung zwischen Mensch und Computer entscheidend. Es sollen Erkenntnisse gewonnen werden, wann und wie ein Individuum seinen persönlichen Bedarf befriedigen kann, will oder muss.

"Predictive Satisfaction" beschreibt am ehesten diese Art von Vorhersagen. Predictive Satisfaction ist an den Begriff Predictive Maintenance angelehnt, der die vorrauschauende Maschinenwartung in der Industrie 4.0 beschreibt. Was bisher für Maschinen sinnvoll ist, scheint auch für den Menschen sinnvoll zu sein: Die auf Vorhersagen basierende und automatisierte Bedarfsbefriedigung mittels BCI-Technologie.

BCIs für alle?

Die Entwicklung von BCIs und deren Anwendungen finden nicht mehr nur in Laboren statt. Auf der diesjährigen CES 2020 erhielt beispielsweise das Unternehmen NextMind mit seinem BCI-Starterkit zweimal den Innovationspreis. Auch über den Handel sind BCIs für Jedermann erhältlich, die für die Interaktion intelligenter Geräte verwendet werden können. Interessierte Tüftler können unter anderem bei OpenBCI Hard- und Software auf Open-Source-Basis erwerben und zusammen mit der Community Anwendungen entwickeln.

Zu guter Letzt: Das Rennen um unsere Gedanken nimmt Geschwindigkeit auf und muss auch kritisch betrachtet werden. Denn wie so einige vielversprechende Technologien können sie Segen und auch Fluch zugleich sein. (jd)