Produkt statt Projekt

Klassisches Projektmanagement scheitert

15.08.2019
Von  und Peter Kalvelage


Christopher Walg berät als Manager der ONE Business & Technology GmbH Konzerne und Mittelständler in der agilen Produktentwicklung. Sein Fokus liegt auf digitalen Produkten und Services im Zuge neuer oder geänderter Geschäftsmodelle.

Tatsächlich bringt der agile Ansatz viele Vorteile mit sich: Wird eine Software-Initiative als Produkt betrachtet, vollzieht sich die Entwicklung in einem iterativen Ablauf - mit immer wieder verbessertem Resultat. Im Rahmen dieses iterativen Vorgehens wird der leitende Produktmanager sein Produkt, seine Kunden und sein Entwicklerteam immer besser kennenlernen, und das Ergebnis wird eher dem System entsprechen, das der Markt tatsächlich benötigt, als dem, das zuvor geplant wurde.

Ausnahmen gibt es immer mal

Ein Unternehmen, das damit beginnt, in Produkten statt in Projekten zu denken, vollzieht einen großen Schritt in Richtung erfolgreicher Digitalisierung. Dennoch gibt es natürlich weiterhin Ausnahmen, in denen ein projektbasiertes Verfahren seine Berechtigung behält. Nämlich dann, wenn das Vorhaben einen klaren Projektcharakter hat - mit fixem Budget, fixem Scope und definiertem Start und Ende. Dies ist zum Beispiel bei Migrationsprojekten oder Neueinführungen von Standardsoftware der Fall. Geht es allerdings darum, auf den Wettbewerbsdruck einer digitalen Welt die geeignete Antwort zu finden, bleibt das Denken in Produkten der überlegene Ansatz.

Unterschiede zwischen dem Denken in Projekten und dem in Produkten.
Unterschiede zwischen dem Denken in Projekten und dem in Produkten.
Foto: Cassini

Produktlebenszyklen schrumpfen

Agile Produktentwicklung wird dafür sorgen, dass Unternehmen sich deutlich wandeln. Auf bereits etablierte Produktmanagement-Abteilungen kommen einschneidende Veränderungen zu. Manche Unternehmen wiederum stehen vor der Herausforderung, solche Abteilungen erstmals zu etablieren.

Die Realität der digitalen Welt zeigt, dass es kaum noch Produkte gibt, deren Lebenszyklus ein Jahrzehnt überdauert. Man denke nur an die Vielzahl von Produkten großer Player wie Google oder Facebook: Sie scheinen Produkte und Features ebenso schnell an den Markt zu bringen, wie etliche auch wieder verschwinden - nach dem Prinzip von Trial-and-Error.

Keine Standardlösung für den digitalen Wandel

Dennoch: Um den digitalen Wandel für das eigene Unternehmen umzusetzen, gibt es keine Standardlösung und keinen Königsweg. Ein Startup hat natürlich andere Voraussetzungen als eine gewachsene Konzernstruktur, und Produktmanagement ist komplex. Viel hängt zudem von der jeweiligen Unternehmenskultur, dem Produkt und dem gelebten Software-Entwicklungsprozess ab - wie Marty Cagan schon 2008 in seinem Artikel "The Best Product Management Model?" beschrieb.

Auch das politische Gewicht des Produktmanagements ist ein wichtiger Faktor: Wie weit reicht sein Einfluss? Jedes Team und jede Rolle haben ihre Einmaligkeit, es gilt nicht nur die richtigen Kompetenzen zu akquirieren, sondern sie auch richtig zu steuern und zu entwickeln. Es wäre falsch, Agilität nur als weiteres Vorgehensmodell unter vielen zu verstehen - vielmehr sollte Agilität einen Paradigmenwechsel einleiten.

Das überlegene Resultat der agilen Methode

Angesichts der Schnelllebigkeit des digitalen Wandels scheint das klassische Projektmanagement zum Scheitern verurteilt. In der Praxis bestätigt sich diese These wieder und wieder. Unternehmen wird es nur dann gelingen, dem Wettbewerb in der digitalen Welt standzuhalten, wenn sie sich von der Kategorie des Projekts weitgehend verabschieden und stattdessen in Produkten denken.

Wo herkömmliches, starres Projektmanagement versagt, feiert die agile Produktentwicklung Erfolge. Das Versprechen der agilen Methode ist das überlegene Resultat am Ende des iterativen Weges: ein werthaltiges digitales Produkt, entwickelt und gelebt von seinen Schöpfern, geliebt von seinen Nutzern. Vorhaben in der digitalen Welt brauchen ein agiles Gen, sonst schwindet die Wettbewerbsposition, bevor sie entsteht.