Perfekte Lagerwirtschaft

Startup Bergfreunde zieht alle Register

11.06.2021
Von 
Wolfgang Herrmann ist Editorial Manager CIO Magazin bei IDG Business Media. Zuvor war er unter anderem Deputy Editorial Director der IDG-Publikationen COMPUTERWOCHE und CIO und Chefredakteur der Schwesterpublikation TecChannel.
Mit automatisierten IT- und Logistikprozessen stemmt der Online-Fachhändler Bergfreunde das rapide Umsatzwachstum im E-Commerce.
Der Outdoor-Spezialist Bergfreunde trimmte seine IT- und Logistikprozesse auf Effizienz und Nachhaltigkeit.
Der Outdoor-Spezialist Bergfreunde trimmte seine IT- und Logistikprozesse auf Effizienz und Nachhaltigkeit.
Foto: S_Photo - shutterstock.com

Die Bergfreunde GmbH aus dem baden-württembergischen Kirchentellinsfurt hatte ein Luxusproblem. Seit der Gründung 2006 stieg der Umsatz jedes Jahr um rund 40 Prozent. Der Spezialist für Bergsport-, Kletter- und Outdoor-Ausrüstung liegt damit weit über dem Branchendurchschnitt. Doch die IT- und Logistikprozesse waren für solche Wachstumsraten nicht ausgelegt.

Nachdem der US-amerikanische Outdoor-Händler Backcountry 2013 als Investor eingestiegen war, fiel die Entscheidung, die Strukturen und Prozesse so weit wie möglich zu automatisieren und zu digitalisieren. Mit dem damit verbundenen Transformationsprojekt schaffte es das Unternehmen in die Finalrunde des Wettbewerbs DIGITAL LEADER AWARD 2021. Das ehrgeizige Ziel dahinter lautet, "Nischen-Category-Killer und Marktführer im europäischen Online-Outdoorfachhandel" zu werden.

Das komplexe Projekt startete 2015. In mehreren Stufen sollten nicht nur Logistik, Lagertechnologie und IT effizienter werden. Vielmehr wollte das Management ein skalierbares System, das auch künftig in der Lage sein würde, das Wachstum des Unternehmens mitzutragen.

Besonders wichtig ist den Bergfreunden das Thema Nachhaltigkeit. Seit 2019 ist das Unternehmen laut eigenen Angaben klimaneutral. Im März 2021 bekannte sich die Bergfreunde GmbH zu den sogenannten Science Based Targets (SBTs). Diese beschreiben einen Weg zur Emissionsreduktion im Einklang mit den Zielen des Pariser Abkommens. Der Online-Händler veröffentlicht dabei konkrete Umweltziele. Wer sich auf die SBTs verpflichtet, muss zudem jährlich über den Fortschritt der Maßnahmen berichten.

Automatisierte Lagertechnik

Um die Logistik effizienter und zukunftsfähig zu gestalten, nahm Bergfreunde 2016 eine neue Lagerhalle mit 10.000 Quadratmetern Grundfläche in Betrieb. Die Lagerkapazitäten verdreifachten sich. Zugleich führte das Unternehmen eine automatisierte Lagertechnik (Autostore) ein. Mit der robotergesteuerten Technologie verbesserte sich die Flächeneffizienz nachhaltig. 2018 wurden Förderstrecken und eine automatisierte Verpackungslinie angebunden. Dadurch hat das Unternehmen das Paketvolumen um 70 Prozent reduziert.

Die Einführung des Warehouse-Management-Systems Logbase markierte 2019 einen Meilenstein in der IT. Damit ließen sich Logistik- und alle angrenzenden Prozesse miteinander verknüpfen, darunter etwa Wareneinkauf, Kundenservice, Finance, Content Management, Controlling und Marketing. Mobile Datenerfassungsgeräte machten zudem den Wareneingang und Retourenprozess effizienter. Zurückgeschickte Ware ist laut den Bergfreunden heute binnen einer Stunde wieder für den Verkauf verfügbar. Zuvor dauerte es einen Tag.

Die Bilanz der digitalen Transformation fällt durchweg positiv aus. Innerhalb von fünf Jahren habe sich der Umsatz auf 155 Millionen Euro vervierfacht, berichtet der Online-Händler. Zugleich seien die Kosten um 40 Prozent gesunken. Der Einsatz von IT und Automatisierungstechnik hat sich insbesondere auf die Gesamtproduktivität in der Logistik ausgewirkt. Sie ist laut Angaben seit 2015 um 96 Prozent gestiegen. Die Durchlaufzeit von Retouren verkürzte sich um 60 Prozent.

Trotz des hohen Automatisierungsgrads blieb die Anzahl der Mitarbeiterinnen und Mitarbeiter in den Bereichen Logistik und IT unverändert, betonen die Baden-Württemberger. 157 Menschen im Lager und in der IT bewegten heute mehr als 5,5 Millionen versendete Artikel pro Jahr. Aber auch aus Kundensicht habe sich die Transformation gelohnt. Obwohl sich das Bestellvolumen seit 2015 vervielfacht habe, werde die Ware weiterhin in ein bis zwei Tagen geliefert. Die Durchlaufzeit von Kundenbestellungen sei von sechs bis acht Stunden auf nur noch drei gesunken.